Grünes Wunder aus Oppach: Wie Moosfassaden Städte kühlen sollen
Oppach. Eine Firma aus der Oberlausitz steckt hinter zwei ungewöhnlichen Bauprojekten in Süddeutschland: Das Parkhaus am neuen Bechtle-Standort in Neu-Ulm ist auf rund 1.600 Quadratmetern mit Moos verkleidet - nach übereinstimmenden Angaben von Hersteller und Architekt die größte Moosfassade Deutschlands. Geliefert und verarbeitet hat das Moos die MoosMoos - Bergermann Floristik GmbH aus dem sächsischen Oppach.
Nötig wurde die grüne Hülle, weil die Stadt die Baugenehmigung unter anderem von einer begrünten Gebäudegestaltung abhängig machte.
Vom Grabgesteck zur Weltspitze
Die Geschichte des Unternehmens beginnt deutlich bodenständiger. „Das ursprüngliche, in der Wendezeit gegründete Unternehmen konzentrierte sich auf Moosgestecke, die am Totensonntag oder Allerheiligen auf die Gräber gelegt wurden”, erzählt MoosMoos-Chef Andreas Bergermann. Damit habe man deutschlandweit Gärtnereien versorgt. 2015 kam die Wende: „Wir haben ein Wandbild aus Moos gesehen und uns gesagt: Das können wir besser.” Zwei Jahre später ging die Firma mit eigenen Wandbildern auf den Markt, seit 2021 ist sie nach eigenen Angaben Marktführer. Für sich reklamiert das Unternehmen zudem das weltweit erste pflegefreie Fassadensystem aus konserviertem Moos.
Irgendwann reifte die Idee, Mooswände auch ins Freie zu bringen. Bevor die erste große Außenfassade entstand, testete das Unternehmen die Grenzen des Materials: mit Testwänden im eigenen Garten, auf 1.300 Metern Höhe im österreichischen Hochkössen und sogar mit einer Wand auf einem Hausdach auf Mallorca.
Wie die Fassade funktioniert
Technisch steckt dahinter ein aufwendiges Verfahren. Das zuvor präparierte Moos wird mit einem Spezialkleber auf Aluminiumplatten aufgebracht, die wiederum in Stahlelemente eingesetzt werden. Das Material kann bis zu acht Liter Wasser pro Quadratmeter aufnehmen und wieder verdunsten – es regeneriert sich dadurch immer wieder selbst. Zugleich wirkt es wie eine Schallschutzwand und absorbiert Sonneneinstrahlung.
Auf Außenflächen gibt die Firma mindestens sechs Jahre Garantie, auf Innenflächen nach eigener Aussage sogar lebenslang.
Moos aus dem Baltikum, verarbeitet in Oppach
Der Rohstoff kommt von weit her, der Kern der Wertschöpfung aber bleibt in Sachsen. Gesammelt wird das Moos vor allem in Lettland - wo MoosMoos auch eine Tochtergesellschaft betreibt -, dazu in Polen, der Ukraine und Skandinavien. Verarbeitet wird es in Oppach. Rund 70 Mitarbeiter beschäftigt das Unternehmen in Deutschland und Lettland, die Endkunden sitzen zu 80 Prozent im deutschsprachigen Raum.
Bergermanns Ziel ist ausdrücklich ein ökologisches: „Mit unseren pflegefreien Moos-Fassaden wollen wir im Sommer kühlen und Wärmeinseln, gerade in den Großstädten, abschaffen.”
Zwei große Fassaden in Bayern
Dass die Nachfrage wächst, zeigen die beiden jüngsten Vorzeigeprojekte - beide stehen in Bayern. Am neuen Bechtle-Standort in Neu-Ulm verkleidet MoosMoos das Parkhaus auf rund 1.600 Quadratmetern; geplant wurde die Fassade vom Neckarsulmer Architekturbüro KREOR, dessen Vertreter Raphael Marquardt betont, entscheidend sei gewesen, dass die Wand „auf Jahre hundertprozentig pflegefrei bleibt”.
Das zweite Projekt steht im unterfränkischen Kürnach: Dort wurde eine 160 Quadratmeter große Moos-Wand am Edeka-Markt Didis eingeweiht. Inhaber Christos Didis hatte sich die grüne Fassade auf eine Idee seiner Frau hin ausdrücklich gewünscht. „Unser CI ist Moos und Holz, daher war uns die grüne Fassade besonders wichtig”, sagt Didis. Dass eine Moos-Außenwand für einen Supermarkt bis dahin ungewöhnlich war, bestätigt Sven Schemann von der Edeka-Unternehmensgruppe Nordbayern-Sachsen-Thüringen: So eine Fassade habe man zuvor noch nie gehabt, mit dem Ergebnis sei man aber mehr als zufrieden.
Für MoosMoos sind beide Objekte vor allem Werbung für ein Produkt aus der Oberlausitz, das inzwischen in ganz Europa gefragt ist.