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Erika Schirmer wird 100 – Ihre Friedenstaube fliegt weiter

Erika Schirmer wird 100 – Ihre Friedenstaube fliegt weiter
Erika Schirmer, die jetzt 100 Jahre alt wird, schreibt noch immer Gedichte und Geschichten. (Archivbild) / Foto: Michael Reichel/dpa-Zentralbild/dpa
Von: DieSachsen News
Nie wieder Krieg – das ist die Botschaft der «Kleinen weißen Friedenstaube». Ihre Schöpferin Erika Schirmer begeht jetzt ihren 100. Geburtstag. Und sie hat noch viel vor.

Ihre «Kleine weiße Friedenstaube» haben im Osten Generationen gesungen. Das Lied wurde in Kindergärten, Schulen und bei Pioniernachmittagen angestimmt und ist auch heute noch in vielen Ländern bekannt. 

«Ich habe nicht gedacht, dass mein kleines Lied so eine weite Verbreitung finden würde», sagt Erika Schirmer, die am Freitag (31.7.) in einer Seniorenresidenz am Rande des Harzes ihren 100. Geburtstag feiert. Doch über ihr Alter nachzudenken, hat die lebensfrohe Rentnerin weder Lust noch Zeit - dafür hat sie schlicht zu viel zu tun.

Wer Erika Schirmer kennt, weiß: Stillstand ist ihr fremd. Sie hat für ihre kunstvollen Scherenschnitte noch immer eine kleine Schere griffbereit, spielt für ihre Mitbewohner Klavier, schreibt Gedichte und Geschichten. 

275 Ausstellungen hat sie in ihrem Leben gestaltet - vier weitere sind in Vorbereitung. «Zum Jammern ist jede Stunde zu kostbar», hält die Jubilarin fest, die in ihrem hohen Alter nicht von Schmerzen und gesundheitlichen Beschwerden verschont bleibt.

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Eine Taube aus den Trümmern

Dass sie so viel Lebensfreude ausstrahlt, ist keine Selbstverständlichkeit. Schirmer blickt auf ein bewegtes Leben zurück, zu dem auch Flucht und Vertreibung gehören. Im Januar 1945 musste die junge Erika mit ihrer Mutter aus Schlesien fliehen. 

Die Frage «Wo gehöre ich hin?» trieb sie um, als sie schließlich in Nordthüringen eine neue Heimat fand. Im vom Bomben zerstörten Nordhausen sah die Kindergärtnerin dann 1949 eines Tages an einem vernagelten Schaufenster ein Plakat - die Friedenstaube des spanischen Malers Pablo Picasso. 

«Meine Gedanken schickten die Taube los, sie sollte den Menschen Frieden bringen. Nie wieder Krieg», erinnert sie sich. Die eingängigen Verse waren schnell gefunden: «Du sollst fliegen, Friedenstaube, allen sag es hier, dass nie wieder Krieg wir wollen, Frieden wollen wir.»

Schirmer sang das Lied zunächst im Kindergarten vor - ihre Praktikantinnen trugen es weiter. Mehr hatte es nicht gebraucht. In der DDR avancierte die «Friedenstaube» nahezu zum Volkslied. 

Nach der Wende verschwand es aus den Schulbüchern - doch es verstummte nie. Post aus dem Vatikan erreichte Schirmer ebenso wie Anfragen aus aller Welt. Im Oktober 2016 nahm sie das Bundesverdienstkreuz am Bande entgegen - für ihren Einsatz für Frieden, Humanität, Werteerziehung, Demokratie und die deutsch-polnische Nachbarschaft.

Auch Popstars entdeckten die «Friedenstaube» neu: 2019 brachte Dirk Michaelis, einst Frontmann der DDR-Rockband Karussell, seine Version heraus. Kurz nach Ausbruch des Krieges in der Ukraine im Februar 2022 veröffentlichte Marianne Rosenberg den Titel spontan als Benefiz-Single - alle Erlöse gingen an die SOS-Kinderdörfer für Projekte in der Ukraine. 

Dass ihre «Friedenstaube» bis heute mit viel Liebe und Freude gesungen wird, hat Schirmer nie losgelassen: Die Urschrift der «Kleinen weißen Friedenstaube» bewahrt sie noch heute in einem kleinen, selbst gebundenen Büchlein auf - akkurat beschrieben, liebevoll mit kleinen Zeichnungen versehen.

«Es gibt nichts Besseres als Frieden»

Ein Leben in Liedern, Gedichten und Scherenschnitten: «Nun schaue ich auf 100 wunderbare Jahre zurück, Jahre voller Höhen und Tiefen - nicht mit Stolz, der wohnt zu dicht am Hochmut, aber mit viel, viel Dankbarkeit», erklärt Schirmer in der ihr eigenen Bescheidenheit. Bereut habe sie nichts. 

«Hätte ich in meinem Leben etwas anders machen sollen? Nein!» Alles, was sie erlebt habe - ob gut oder weniger gut - habe sie klüger gemacht. Und sie will in der ihr bleibenden Zeit noch einige Dinge erledigen.

Ihren Wunsch zum 100. Geburtstag formuliert sie so schlicht wie einst ihr Lied: «Ich möchte, dass alle Menschen in einem gerechten Frieden leben und arbeiten können, denn es gibt nichts Besseres als Frieden. Dafür stehe ich mit all meiner Kraft, mit meinen Wünschen und Gedanken.»

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