Logo Die Sachsen News

Pommes mit der Hand? Der moderne Knigge für Restaurants

Burger links und Pommes Frites rechts
Burger mit Pommes (Bild: Merve GEZDİREN from Pixabay)
Darf man Pommes im Restaurant mit den Fingern essen? Was ist mit Pizza, Burger, Brot oder Hähnchen? Moderne Tischmanieren sind weniger streng, als viele glauben. Trotzdem macht es einen Unterschied, ob wir im Fast-Food-Restaurant, im Biergarten oder beim Geschäftsessen sitzen. Und zwischen den USA und Europa gibt es tatsächlich Unterschiede.

Die Pommes liegen neben dem Burger, Messer und Gabel daneben. Greift man jetzt zur Gabel oder einfach zu? Die Antwort lautet: Es kommt darauf an. Wer bei McDonald's Pommes mit Messer und Gabel isst, dürfte eher auffallen als jemand, der sie mit den Fingern nimmt. Liegen dieselben Pommes neben einem Steak im gehobenen Restaurant, sieht die Sache anders aus.

Der moderne Knigge funktioniert deshalb weniger nach der Frage „Was ist erlaubt?“ als nach drei anderen Fragen: Wo esse ich, was esse ich und mit wem esse ich?

Selbst der Deutsche Knigge-Rat formuliert seine Empfehlungen inzwischen stark situationsbezogen. Ein Rat lautet sinngemäß: Schauen, wo man sich befindet, wer mit am Tisch sitzt und welche Wirkung das eigene Verhalten hat. Im internationalen Umfeld empfiehlt der Knigge-Rat ausdrücklich, zunächst zu beobachten, wie sich die anderen verhalten.

Amerikanisch oder europäisch: Zwei Arten, mit Messer und Gabel zu essen

Schon beim klassischen Besteckgebrauch gibt es Unterschiede. Ein einheitliches „EU-Modell“ existiert zwar nicht, wohl aber einen sogenannten kontinentalen oder europäischen Stil.

Dabei bleibt die Gabel normalerweise in der linken Hand, das Messer in der rechten. Ein Stück wird abgeschnitten und anschließend direkt mit der linken Hand zum Mund geführt. Die Gabel wird dabei nicht von einer Hand in die andere gewechselt.

Beim traditionellen amerikanischen Stil läuft das anders. Zum Schneiden befinden sich Messer rechts und Gabel links. Anschließend wird das Messer abgelegt und die Gabel in die rechte Hand gewechselt. Das Emily Post Institute bezeichnet diese Variante wegen des ständigen Handwechsels auch als „zigzag style“. Interessant ist: Selbst in den USA gilt der europäische Stil inzwischen als völlig korrekt. Nach Angaben des Instituts kann man dort sogar innerhalb eines Essens zwischen beiden Varianten wechseln.

Dass amerikanische Esskultur insgesamt lockerer wäre und deshalb grundsätzlich mehr mit den Fingern gegessen werde, wäre dagegen zu pauschal. Auch in den USA unterscheiden sich Fast Food, Barbecue und Pizza deutlich vom formellen Dinner. Bei einem mehrgängigen Essen gibt auch das amerikanische Gedeck ziemlich genau vor, welches Besteck wann verwendet wird. Gearbeitet wird dabei von außen nach innen.

Der Unterschied zwischen USA und Europa liegt deshalb weniger darin, **ob** Besteck benutzt wird. Er liegt vor allem darin, **wie** es benutzt wird.

Deutsche Tischsitten: Die Pommes allein entscheidet gar nichts

In Deutschland ist die wichtigste Regel erstaunlich einfach: Das Essen und der Ort geben den Rahmen vor.

Ein kleiner Burger im Fast-Food-Restaurant wird mit den Händen gegessen. Dasselbe gilt für einen Döner. Clemens Graf von Hoyos von der Deutschen Knigge-Gesellschaft erklärte dem Bayerischen Rundfunk, dass kleinere Burger problemlos aus der Hand gegessen werden können. Bei sehr großen Burgern empfiehlt er, sie zu halbieren und anschließend mit den Händen zu essen oder Messer und Gabel zu benutzen. Döner bezeichnet er ausdrücklich als Fingerfood.

Bei Pommes ist die Lage ähnlich. Im Imbiss, Fast-Food-Restaurant oder zu einem Burger darf man zugreifen. Wird ein Teller im klassischen Restaurant dagegen als vollständiges Gericht mit Fleisch, Gemüse, Sauce und Pommes serviert und liegt Besteck bereit, ist die Gabel die unauffälligere Variante. Stehen die Pommes separat zum Burger auf dem Tisch, kann die Hand dagegen wieder völlig selbstverständlich sein.

Das klingt zunächst inkonsequent. Tatsächlich folgt es aber einem Grundprinzip guter Tischmanieren: Man soll beim Essen möglichst wenig Aufsehen erregen und anderen nicht unangenehm auffallen. Genau diesen Gedanken stellt auch der britische Etikette-Ratgeber Debrett's in den Mittelpunkt. Kleine Fehler beim Umgang mit Messer und Gabel seien weniger wichtig als ein höfliches und rücksichtsvolles Verhalten gegenüber den anderen Menschen am Tisch.

Auch deshalb sollte man nicht demonstrativ mit den Händen essen, wenn bei einem formellen Essen alle anderen Messer und Gabel benutzen. Wer unsicher ist, kann beobachten. Debrett's empfiehlt dieses Vorgehen für formelle Situationen ausdrücklich.

Das heißt aber nicht, dass die Mehrheit am Tisch automatisch bestimmt, wie ein Gericht gegessen werden muss. Eine ganze Artischocke wird beispielsweise traditionell mit den Fingern zerlegt. Das Emily Post Institute beschreibt das Abziehen der einzelnen Blätter mit der Hand ausdrücklich als korrekte Methode. Auch Brot ist eine bemerkenswerte Ausnahme: Ein Brötchen wird beim formellen Essen mit den Fingern in mundgerechte Stücke gebrochen. Erst das einzelne Stück wird gebuttert und gegessen.

Fast Food, Biergarten oder Restaurant: Was mit den Fingern gegessen werden darf

Im Fast-Food-Restaurant ist die Sache am einfachsten. Burger, Pommes, Pizza, Chicken Wings, Sandwiches oder Wraps sind grundsätzlich Fingerfood. Messer und Gabel sind möglich, wenn das Gericht sonst auseinanderfällt. Sie sind aber keine Voraussetzung für gutes Benehmen.

Auch im Biergarten darf es deutlich lockerer zugehen. Brezel und Brot werden mit der Hand gegessen. Bei Burgern, Pizza oder Rippchen spricht ebenfalls wenig gegen die Finger. Ein Hähnchen ist ein gutes Beispiel dafür, dass sogar innerhalb eines Gerichts gewechselt werden kann. Bei einem klassischen Tellergericht lässt sich das Fleisch zunächst mit Messer und Gabel essen. Flügel oder Schenkel dürfen anschließend mit der Hand genommen werden, vor allem wenn das Restaurant Feuchttücher oder eine Fingerschale bereitstellt. Solche Hilfsmittel gelten als ziemlich deutlicher Hinweis darauf, dass die Hände vorgesehen sind. Auch Graf von Hoyos nennt beim Hähnchen Papiermanschette, Frischetuch oder Fingerschale als entsprechende Signale.

Im klassischen Restaurant entscheidet stärker die Präsentation. Ein Stück Pizza in einer Pizzeria kann problemlos in die Hand genommen werden. Wird eine aufwendig belegte Pizza in einem formellen Restaurant serviert und essen die anderen Gäste sie mit Messer und Gabel, ist es vollkommen sinnvoll, sich anzupassen.

Ähnlich verhält es sich mit Spareribs oder nicht ausgelösten Krustentieren. Manche Gerichte lassen sich kaum sinnvoll ausschließlich mit Messer und Gabel essen. Fingerschale oder zusätzliches Tuch machen die Absicht des Restaurants klar. Auch Artischocken, Muscheln und verschiedene Krustentiere gehören traditionell zu den Speisen, bei denen die Finger erlaubt oder sogar praktisch notwendig sind.

Spargel ist ein interessanter Grenzfall. Historisch wurde er durchaus mit den Fingern gegessen. Heute ist Messer und Gabel in Deutschland wesentlich gebräuchlicher. Debrett's hält das Essen von Spargel mit den Fingern weiterhin für akzeptabel, sofern keine Sauce im Spiel ist.

Und dann gibt es die Pommesfrage. Wer im feinen Restaurant als Einziger jede einzelne Pommes aus einer Beilage mit den Fingern fischt, obwohl die gesamte Runde Messer und Gabel benutzt, wird zwar keinen internationalen Etikette-Zwischenfall auslösen. Stilvoller ist in dieser Situation die Gabel. Liegt derselbe Teller vor einem im Biergarten servierten Burger, sieht es anders aus.

Der Kontext schlägt die Kartoffel.

Auch unsere Essgewohnheiten selbst verändern sich. Der Dresdner Historiker Andreas Rutz verwies im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur auf die gesellschaftliche Funktion gemeinsamen Essens und auf den Einfluss von Fast Food und To-go-Kultur. DIE SACHSEN NEWS hat darüber ausführlich berichtet. Wissenschaftler hält Schulfach Ernährung für wünschenswert.

Was sich beim Essen wirklich nicht gehört

Viele vermeintlich komplizierte Knigge-Regeln sind heute weniger wichtig geworden. Einige Dinge gelten dagegen fast unabhängig davon, ob man im Sternerestaurant oder im Biergarten sitzt.

Mit vollem Mund zu sprechen gehört dazu. Gleiches gilt für lautes Schmatzen oder Schlürfen. Das Emily Post Institute nennt geschlossenes Kauen und den Verzicht auf Gespräche mit vollem Mund ausdrücklich als grundlegende Tischmanieren.

Unangenehm ist auch, quer über den Tisch nach Salz, Brot oder einer Schüssel zu greifen. Besser ist es, darum zu bitten, dass etwas herübergereicht wird. Bei gemeinsam benutzten Dips sollte ein bereits angebissenes Lebensmittel nicht noch einmal eingetaucht werden. Debrett's nennt dieses „Double Dipping“ ausdrücklich als Verhalten, das vermieden werden sollte.

Wer mit den Händen isst, sollte außerdem darauf achten, dass daraus keine Materialschlacht wird. Finger ablecken, Sauce über Hände und Gesicht verteilen oder anschließend mit fettigen Fingern gemeinschaftlich genutzte Gegenstände anfassen, passt auch im lockeren Restaurant nicht zur Idee guter Tischmanieren.

Und genau dort liegt die Antwort auf die Frage, ob man mit den Fingern essen sollte, wenn alle anderen Besteck benutzen: Bei einem lockeren Burgerabend kann man den Burger weiterhin in die Hand nehmen. Bei einem Geschäftsessen, einer offiziellen Einladung oder einem formellen Menü ist Anpassung meist die souveränere Lösung. Wer unsicher ist, wartet einige Sekunden und schaut, was Gastgeber oder erfahrene Tischnachbarn tun.

Der eigentliche Adolph Freiherr Knigge hätte mit vielen Detailregeln, die heute seinen Namen tragen, übrigens wenig zu tun gehabt. Sein 1788 erschienenes Werk „Über den Umgang mit Menschen“ war kein Besteckhandbuch. Es beschäftigte sich mit dem respektvollen und vernünftigen Umgang zwischen Menschen. Erst spätere Ausgaben und Benimmratgeber machten „Knigge“ zum Synonym für Etikette und Tischmanieren.

Vielleicht ist gerade das die modernste Knigge-Regel: Wer seine Pommes mit den Fingern essen kann, ohne andere zu stören, darf das in vielen Situationen tun. Wer bemerkt, dass der Anlass förmlicher ist und die gesamte Runde zur Gabel greift, nimmt eben die Gabel. Gute Manieren erkennt man weniger daran, wie jemand eine Pommes hält, als daran, ob er wahrnimmt, mit wem er am Tisch sitzt.


Bild: Image by Merve GEZDİREN from Pixabay