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Die spektakuläre Zeitreise des Ernst Hirsch

Ein älterer Mann mit Brille und Cord-Sakko lächelt, während er einen schmalen Filmstreifen mit beiden Händen gegen das Licht hält. Im Hintergrund ist eine historische Filmkamera auf einem Tisch erkennbar.
Ein Leben für das bewegte Bild: Der Filmemacher und Sammler Ernst Hirsch betrachtet bei der Sammlungsübergabe eine historische Filmrolle. Anlässlich seines 90. Geburtstags widmen ihm die Technischen Sammlungen Dresden ab dem 8. Mai die umfassende Sonderausstellung „UNIVERSUM Dresden“. Foto: Oliver Killig/Museen der Stadt Dresden
Von: Cornelius de Haas
Er war neun Jahre alt, als seine Stadt brannte. Später hat er sie mit einer Kamera festgehalten – Jahrzehnt für Jahrzehnt.

Dresden, Februar 1945. Ernst Hirsch überlebt die Bombennacht als Kind. Was er sieht, lässt ihn nicht los. Er wird derjenige sein, der Dresden so akribisch und leidenschaftlich dokumentiert hat wie kein anderer: die Trümmer, den Wiederaufbau, die Kunstschätze, den Alltag auf den Straßen – und das Leben der Menschen hinter den Fassaden.

Mehr als 400 Filmrollen hat Hirsch in sieben Jahrzehnten zusammengetragen. Der älteste Streifen zeigt Dresden anno 1903. Hirsch fand ihn nicht in einem Archiv, sondern 1996 in einem Bauernhaus in Südtirol – in 32 vergessenen Filmdosen der Dresdner Firma Heinrich Ernemann. Er ließ sie restaurieren. Natürlich.

Historische Schwarz-Weiß-Aufnahme (Filmstill) von 1919: Ein offener Behelfsomnibus, besetzt mit zahlreichen Passagieren, steht auf einem belebten, gepflasterten Stadtplatz in Dresden. Im Hintergrund sind historische Fassaden, weitere Passanten und die Schienenwege der Straßenbahn zu erkennen.
Dresdner Verkehrsgeschichte: Ein Filmstill aus dem Werk „Behelfsomnibusse in Dresden im Einsatz“ von 1919 zeigt die improvisierte Mobilität der Nachkriegszeit. Quelle: Quelle: Sammlung Ernst Hirsch Dresden – SLUB Dresden, Depositum Museen der Stadt Dresden – Technische Sammlungen

Ab dem 8. Mai sind diese und viele weitere Aufnahmen erstmals in ihrer ganzen Breite öffentlich zugänglich. Die Technischen Sammlungen Dresden zeigen bis zum 25. Oktober die Sonderausstellung „UNIVERSUM Dresden. Der Filmemacher und Filmsammler Ernst Hirsch" – anlässlich seines 90. Geburtstags im Juli. An mehr als 20 Filmstationen lässt sich eine Stadt neu entdecken: Man kann eine historische Straßenbahn durch das Dresden der 1920er Jahre steuern, in die offizielle und die inoffizielle Kunstszene der DDR eintauchen und verfolgen, wie Hirsch den Wiederaufbau der Frauenkirche über Jahre mit der Kamera begleitete. Er selbst war 1936 dort getauft worden.

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Erstmals gezeigt werden auch Gesprächsaufnahmen, die Hirsch 1997 in Israel führte – mit Jüdinnen und Juden, die einst in Dresden gelebt hatten und vertrieben worden waren. Ruhige, schwere Minuten. Das sind keine Ausstellungsfilme. Das ist Zeitgeschichte.

Hirsch gehört zur ersten Generation der DDR-Fernsehreporter. Von 1954 bis 1968 lieferte er als erster Filmreporter Dresdens mehr als 3.000 Beiträge für die „Aktuelle Kamera". Dann machte er sich selbstständig, drehte Dokumentar- und Werbefilme – und versuchte zunehmend, sich den ideologischen Vorgaben zu entziehen. 1986 stellte er einen Ausreiseantrag. Genehmigt wurde er 1989. In München gewann er 1991 gemeinsam mit Regisseur Peter Schamoni den Bayerischen Filmpreis. Doch schon 1993 kehrte er zurück – nach Dresden. Wohin sonst.

Schwarz-Weiß-Fotografie aus dem Jahr 1970: Ernst Hirsch trägt einen hellen Schutzhelm mit Brille und bedient lächelnd eine professionelle Filmkamera, die auf einem Stativ im Inneren eines Hubschraubers montiert ist.
Perspektivwechsel für die Dokumentation: Ernst Hirsch 1970 in einem Hubschrauber bei Dreharbeiten für einen Werbefilm der Planeta-Druckmaschinen. Der Filmemacher war bekannt dafür, Dresden und seine Industrie aus ungewöhnlichen Blickwinkeln festzuhalten. Foto: unbekannte:r Fotograf:in © Ernst Hirsch

Was folgte, war das Mammutprojekt seines Lebens: Über 500 Stunden Videomaterial dokumentieren den Wiederaufbau der Frauenkirche. Sieben Teile, zwölf Jahre Arbeit. Die Reihe „Die steinerne Glocke" war fertig, als das Bauwerk 2005 geweiht wurde.

Seine Film- und Kamerasammlung übergab Hirsch 2025 der SLUB Dresden und den Museen der Stadt. Die SLUB digitalisiert die Rollen seither im Rahmen des sächsischen Landesprogramms „SAVE". Was Jahrzehnte in Dosen und Regalen lag, kommt nun nach und nach ans Licht.

Die Ausstellung – gefördert von der Ostdeutschen Sparkassenstiftung, der Ostsächsischen Sparkasse Dresden und der Volker-Homann-Stiftung – ist dienstags bis freitags von 9 bis 17 Uhr geöffnet, samstags und sonntags von 10 bis 18 Uhr. Technische Sammlungen Dresden, Junghansstraße 1–3. Weitere Informationen: www.tsd.de

Cornelius de Haas
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Cornelius de Haas

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