Es ist 1848. Carl Gottlieb Reißiger steht am Pult der Dresdner Hofkapelle, der Saal der Oper ist voll. Wenige Monate zuvor ist Felix Mendelssohn Bartholdy gestorben — mit 38 Jahren, viel zu früh. Was Reißiger an diesem Palmsonntag dirigiert, ist eine Hommage an den Toten: die Dresdner Erstaufführung von Mendelssohns letztem großen Werk. »Elias«. Der Prophet, der zweifelt, der kämpft, der fast zerbricht — und doch glaubt. Der Saal schweigt. Dann Applaus.
Das war der Anfang einer langen Dresdner Geschichte mit diesem Werk. Doch irgendwann, spätestens 1889, verstummte der »Elias« in den Konzerten der Sächsischen Staatskapelle. Zwei Weltkriege, eine Teilung Deutschlands, Jahrzehnte des Wandels — das Oratorium wartete. 137 Jahre lang. Am 29. und 30. März 2026 kehrt es zurück — in dieselbe Stadt, in denselben Geist, diesmal in die Semperoper, unter der Leitung von Chefdirigent Daniele Gatti.
Wer jetzt an einen besinnlichen Kirchenabend denkt, liegt daneben. Denn Mendelssohns »Elias« ist kein braves Erbauungsstück. Es ist ein Werk, das Glaubenskrisen zeigt, religiöse Sprache seziert — und fragt: Wie schnell kann Überzeugung in Gewalt kippen? Für einen Komponisten des Biedermeier ist das eine erstaunlich unbequeme Frage. Und 2026 klingt sie alles andere als veraltet.