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Sekt und Weine bei der Bahn: Solide, handwerklich sauber erzeugte Gewächse

Weinflaschen
Ein Sekt, drei Weine: das neue Sortiment in den Bordbistros bei den Fernzügen der Bahn (Fotos und Montage: Ulrich van Stipriaan)
Von: Ulrich van Stipriaan
Bordbistro-Weine der Bahn und zwei experimentelle Projektweine aus Sachsen im Podcast: Wir verkosten Sekt, Riesling, Grauburgunder und Rotwein sowie Rosé und Riesling mit Charakter.

 

Neulich konnte ich mal wieder das Leben in vollen Zügen genießen. Wie das halt so ist, wenn die Bahn den ICE im schönen Bahnhof von Fulda eine Stunde vor sich hin stehen und die Leute aus dem hinteren Teil umsteigen lässt in den vorderen, weil – ach so: keine Begründung, die Lautsprecheranlage funktionierte (auch) nicht. Vielleicht hätte man die Zeit nutzen sollen, um im Bordbistro das neue Angebot der Bahn durchprobieren sollen: einen Sekt und drei Weine (zwei weiß, einer rot). Vielleicht sogar vor Ort gleich mit dem bis dato unbekannten Fahrgast gegenüber einen Podcast aufnehmen, live und emotional, situationsbedingt. Aber froh über die Gnade eines eigenen Sitzplatzes blieb ich auf selbigem und vertagte die Probe auf später – das Deutsche Weininstitut (DWI), das der Bahn bei der Wahl der Weine beratend zur Seite stand, hatte mir die vier kleinen Flaschen ja nach Hause geschickt. So waren sie auf jeden Fall korrekt temperiert und bildeten im kühlen Podcast Studio Rdbl. (kein planmäßiger ICE-Halt) die Grundlage des ersten Teils der Folge 178 von „Auf ein Glas“. Im zweiten Teil gab’s dann zwiefach eine „Routine neu berechnet“ – dazu weiter unten dann mehr.

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Die neue Kollektion der Bordbistro-Weine wurde aus 220 eingereichten Weinen in zwei verdeckten Verkostungsrunden ausgewählt. Das Quartett besteht aus einem Sekt, zwei Weißweinen und einem Rotwein. DWI-Geschäftsführerin Melanie Broyé-Engelkes findet deutsche Weine bei der Deutschen Bahn natürlich gut: „Die Präsenz in den Fernverkehrszügen der Deutschen Bahn fördert nicht nur die Bekanntheit der ausgewählten Betriebe, sie hat auch einen imagestärkenden Werbeeffekt für den deutschen Wein insgesamt“, sagt sie.

Wir probieren aus kleinen Flaschen

Den Auftakt unserer Probe macht der Riesling Sekt brut von Schloss Affaltrach aus Württemberg. Matthias überlegt, ob man den sabrieren kann – aber da ist der Schraubverschluss vor! Die sensorische Bewertung fällt hingegen positiv aus: sauber gemacht, cremig, unkompliziert und genau auf den Einsatz zugeschnitten. Wir finden, dass der Sekt gut gekühlt deutlich gewinnt und für den Bordbistropreis von rund neun Euro ein solides Angebot darstellt. Vielleicht kein Wunder, denn Württemberg kann auf eine lange Schaumweintradition zurückblicken – eine Facette der Region, die außerhalb des Südwestens häufig unterschätzt wird.

Anschließend geht es um den Riesling trocken vom Weingut Peter Stolleis aus der Pfalz. Durchaus bewusst auch massenkompatibel gemacht – aber ein Bordbistrowein muss selbstverständlich andere Anforderungen erfüllen als ein Spitzengewächs für den ambitionierten Weinfan. Wenn ein Wein mehreren hunderttausend Reisenden gefallen soll, muss er eben zuverlässig funktionieren. So gesehen ist die Auswahl richtig: charaktervoll genug, aber ohne anzuecken. Ein Wein wie ein kraftvoller Riesling von van Volxem hätte im Bordbistro vermutlich weniger Erfolg.

Die Deutsche Bahn erreicht mit ihren Bordgastronomie-Angeboten potenziell rund 134 Millionen Fahrgäste im Jahr; etwa eine Million Flaschen Wein und Sekt werden verkauft. Für die beteiligten Weingüter bedeutet das zwar keine Goldgrube, wohl aber eine enorme Sichtbarkeit. Der eigene Name fährt buchstäblich durch ganz Deutschland. Matthias rechnet überschlagsmäßig vom Bordbistro-Preis (wir rundeten den auf neun Euro) runter und bemerkte lakonisch, dass nach Abzug von Mehrwertsteuer, Logistik, Preisen für Kleinflaschen, Etiketten und Verpackung wirtschaftlich zwar weniger übrig bleibe als viele vermuten, die Präsenz für die Weingüter aber natürlich ausgesprochen attraktiv ist.

Mit dem Grauburgunder von Keth aus Rheinhessen zeigt sich deutlich, wie unterschiedlich die Geschmäcker sind. Während wir eher zum Riesling greifen würden, ist der Grauburgunder mit rund 400.000 verkauften Flaschen im Bordbistro der Renner. Das wundert uns nicht, zählt doch Grauburgunder seit Jahren zu den beliebtesten Rebsorten Deutschlands und ist deshalb auch im Bordbistro die naheliegendere Wahl ist. Wir fanden den Wein leicht, zugänglich und unprätentiös – also genau so, wie ihn die Reisenden gerne haben.

Den Abschluss des ersten Teils bildet der portugiesisch inspirierte Rotwein „That’s NEISS – Tinto Réserve“. Obwohl wir über die Cuvée nur spekulieren (wir fanden dazu keine Info), überzeugte er uns durch seine kühle, unaufgeregte Stilistik.

Matthias Gräfe und Andreas Kretschko (Fotos und Montage: Ulrich van Stipriaan)
Matthias Gräfe und Andreas Kretschko (Fotos und Montage: Ulrich van Stipriaan)

Routine neu berechnet

Im zweiten Teil des Podcasts stellen Matthias Gräfe und ich zwei Projekt-Weine von Andreas Kretschko und Matthias vor. Nach dem Ausflug zu den Bahnweinen geht es nun nicht mehr um Massengeschmack, sondern um Weine mit klarer Handschrift und bewusstem Ecken-und-Kanten-Profil.

Den Anfang macht der Rosé „Routine neu berechnet“, von dem lediglich 300 Flaschen erzeugt wurden. Der Wein präsentiert sich deutlich dunkler als viele klassische Rosés und erinnert eher an einen sehr hellen Rotwein. Der Rosé basiert auf der pilzwiderstandsfähigen Rebsorte Regent und wird ungewöhnlich ausgebaut: zunächst im Edelstahltank, anschließend im mehrfach belegten Barrique. Das Ergebnis ist ein trockener, mineralischer Wein mit sehr niedriger Säure und praktisch keinem Restzucker. Das ist nicht unbedingt ein gefälliger Sommerwein, sondern ein charaktervoller Essensbegleiter, der etwa zu Gänsebrust ebenso gut passt wie zu anderen anspruchsvolleren Gerichten. Aber Dank geringem Trinkwiderstand hatten wir auch keine Probleme, ihn jetzt schon zu genießen!

Der Serienname „Routine neu berechnet“ steht sinnbildlich für die Arbeitsweise der beiden Weinfreunde Kretschko und Gräfe: Bekanntes wird hinterfragt, Konventionen werden aufgebrochen, ohne den Bezug zum Handwerk zu verlieren. „Wein muss überraschen!“, sagt Gräfe, vielleicht sogar provozieren.

Noch konsequenter zeigt sich dieser Ansatz beim Riesling derselben Edition. Verkostet wird eine im Frühjahr kellertrüb abgefüllte Probeflasche. Im Fass macht der Wein gerade – weil er das so wollte! – spontan einen biologischen Säureabbau (BSA), für die sich der Wein – entgegen aller analytischen Erwartungen. Wein sei eben kein industrielles Produkt, sondern ein lebendiges System, das sich nicht vollständig kontrollieren lasse. Genau diese Eigendynamik mache den Reiz handwerklicher Weinbereitung aus.

Sensorisch präsentiert sich der Riesling weit entfernt vom klassischen Bild der Rebsorte. Nach intensiver Belüftung entwickelt er zunehmend Steinobstaromen, wirkt cremig und zeigt eine ausgeprägte Mineralität aus dem Goldenen Wagen auf Granit- und Porphyrböden. Das sei, meinte Matthias, ein Riesling für Menschen, die eigentlich keinen Riesling mögen…

Beide neu berechneten Routine-Weine waren übrigens Flaschenproben – sie kommen wahrscheinlich erst im September in den Handel.

Infos

Schloss Affaltrach Riesling Sekt brut
Schloss Affaltrach, Württemberg

Riesling Peter Stolleis trocken
Weingut Peter Stolleis, Pfalz

Grauburgunder Keth
Weingut Keth, Rheinhessen

That’s NEISS Tinto Réserve
Weingut NEISS, Pfalz

Routine neu berechnet rosé und Riesling
Weinbau Andreas R. Kretschko, Sachsen

Ulrich van Stipriaan
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Ulrich van Stipriaan

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