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Warum Vogelschwärme einem Gesetz der Physik widersprechen

Ein unsichtbarer Begleiter: Der grüne Gegenvogel ist künstlich, aber entscheidend – er macht Vogelschwärme berechenbar.
Der grüne Vogel existiert nicht wirklich – er ist ein mathematischer Kunstgriff, der die neue Theorie zum Funktionieren bringt. © Kilian Neddermeyer
Von: Wissensland
Vogelschwärme und Bakterien verhalten sich anders, als es die klassische Physik erwarten lässt. Ein Dresdner Forschungsteam hat jetzt eine Theorie entwickelt, die erklärt warum – und die Tür zu präziseren Simulationen lebender Systeme öffnet.

Ein Vogel im Schwarm schaut nach vorn und zur Seite. Nie nach hinten. Das klingt banal, ist aber ein physikalisches Problem, das Wissenschaftler seit Jahrzehnten beschäftigt.

Das Verhalten der Vogelschwärme widerspricht einem der bekanntesten Gesetze der Physik. Isaac Newton formulierte es vor mehr als 300 Jahren: Wenn eine Kraft wirkt, gibt es immer eine gleichgroße Gegenkraft. Drückt man gegen eine Wand, drückt die Wand zurück. Tritt man beim Laufen auf den Boden, drückt der Boden zurück. Dieses Wechselwirkungsprinzip gilt für Autos, Raketen und springende Menschen.

"All das, was wir normalerweise unseren Studierenden in der Theoretischen Mechanik beibringen, beruht auf dem actio = reactio-Prinzip", erklärt Gruppenleiter Marín Bukov vom Max-Planck-Institut für Physik komplexer Systeme in Dresden.

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Doch in der Natur gibt es viele Ausnahmen. Vögel im Schwarm, Fische, Bakterien, Gewebezellen und Menschen in Menschenmassen richten sich nur an einem Teil ihrer Umgebung aus. Ein Vogel reagiert auf seine Nachbarn vorn und seitlich, nicht auf jene hinter ihm. Das macht die Wechselwirkung einseitig. Forschende nennen das "nicht-reziproke Wechselwirkungen". Das bedeutet einfach gesagt: Die Gegenseitigkeit fehlt.

Diese Systeme ließen sich bisher nicht vollständig beschreiben und nicht präzise am Computer simulieren. Wer etwa genau verstehen möchte, wie Zellen im menschlichen Körper wandern oder wie ein Fischschwarm auf einen Angreifer reagiert, stieß damit an eine Grenze.

Ein Team um Roderich Moessner, Direktor am Max-Planck-Institut für Physik komplexer Systeme und Gründungsmitglied des Würzburg-Dresdner Exzellenzclusters ctd.qmat, hat nun eine Theorie entwickelt, mit der sich solche Systeme deutlich besser beschreiben und simulieren lassen.

"Das Forschungsteam hat eine Theorie entwickelt und bewiesen, die einen großen Teil dessen, was wir unseren Studierenden beibringen, auch für nicht-reziproke Systeme anwendbar macht", sagt Bukov.

Der Kunstgriff der Dresdner Physiker

Der Trick der Forschenden besteht darin, jedem Vogel im mathematischen Modell einen zusätzlichen, künstlichen Partner zuzuordnen. Diesen gibt es in der Natur nicht. In den Berechnungen sorgt er aber dafür, dass sich die Bewegungen des Schwarms mit bekannten physikalischen Methoden beschreiben lassen.

Biophysiker Ricard Alert beschreibt es so: "Um die Bewegungen der Vögel präzise zu simulieren, beschreiben wir das dynamische System 'Vogelschwarm' mit den etablierten Methoden. Die elegante Lösung: Vor jeden Vogel wird ein zusätzlicher Vogel künstlich platziert, der exakt entgegengesetzt ausgerichtet ist."

Diese zusätzlichen "Gegenvögel“ existieren nur im Modell. Sie ermöglichen es jedoch, die Bewegungen solcher Systeme mit den etablierten Methoden der Physik zu berechnen. Dadurch können Forschende auf viele bewährte Werkzeuge zurückgreifen, die bisher für solche Systeme nicht nutzbar waren.

Die Forschung öffnet eine neue Tür. "Die spannende Frage ist nun, ob die Newtonschen Ausnahmen zu völlig neuen Formen kollektiven Quantenverhaltens führen. Darüber wissen wir bislang noch sehr wenig. Genau das macht das Thema so spannend", sagt Moessner.

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