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Wenn Atome tanzen: Forschende beobachten Drehimpuls in Kristallen

Atome auf Kreisbahn: Mit Terahertz-Licht lenken Forschende kollektive Gitterschwingungen – und messen sie stroboskopisch mit ultrakurzen Laserimpulsen.
Wie auf einem Riesenrad kreisen die Atome: Starke Terahertz-Laserimpulse steuern die Bewegung im Kristallgitter, ultrakurze Blitze messen sie. © O. Minakova/S.F. Maehrlein/B. Schröder/HZDR
Von: Wissensland
Wenn Atome in einem Kristall sich drehen, folgen sie denselben Naturgesetzen wie ein Karussell. Doch auf atomarer Ebene passiert dabei etwas Seltsames: Der Drehimpuls kehrt seine Richtung um. Dresdner Physiker haben diesen Effekt erstmals live beobachtet – und dabei ein über 100 Jahre altes Rätsel der Physik gelöst.

Ein Karussell dreht sich. Wer es anhält, spürt einen Widerstand – den Drehimpuls. Dieses Naturprinzip gilt auch im Inneren von Kristallen, auf der Ebene einzelner Atome. Doch wie sich Drehimpuls dort verteilt und weitergegeben wird, war lange nicht direkt beobachtbar. Jetzt haben Physiker diesen Prozess erstmals sichtbar gemacht.

Schon vor über 100 Jahren machten Albert Einstein und sein Kollege Wander Johannes de Haas eine merkwürdige Beobachtung: Wenn sich die Magnetisierung eines Metallstabes ändert, fängt er an, sich zu drehen. Das zeigte, dass Magnetismus und Drehbewegung tief miteinander verbunden sind. Doch wie der Drehimpuls im Inneren eines Kristalls zwischen verschiedenen atomaren Schwingungen übertragen wird, blieb seitdem ungeklärt. Einem internationalen Forschungsteam unter Beteiligung des Helmholtz-Zentrum Dresden-Rossendorf (HZDR) und der Technische Universität Dresden ist es jetzt erstmals gelungen, diesen Vorgang direkt zu beobachten und gezielt zu steuern. Die Ergebnisse erschienen in der Fachzeitschrift Nature Physics.

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Laserimpulse bringen Atome in Bewegung

Die Forschenden nutzten dafür spezielle Laserimpulse im sogenannten Terahertz-Bereich. Lichtwellen, die für das menschliche Auge unsichtbar sind und zwischen Infrarotstrahlung und Mikrowellen liegen. Mit diesen Impulsen versetzten sie Atome in einem Kristall des Materials Bismutselenid in gezielte Kreisbewegungen. Ein zweiter ultrakurzer Laserstrahl maß anschließend, wie sich diese Bewegungen veränderten. Beim Übergang zwischen zwei verschiedenen Schwingungen des Kristalls kehrte sich die Drehrichtung demnach um. Aus einer Rechtsdrehung wurde eine Linksdrehung.

Der Grund liegt in der besonderen inneren Ordnung des Kristalls, der sogenannten Rotationssymmetrie des Gitters. Bestimmte entgegengesetzte Drehzustände sind darin physikalisch gleichwertig. Die Forschenden sprechen von einem sogenannten „Umklapp-Prozess“ – vereinfacht gesagt kehrt die Symmetrie des Kristalls die Drehrichtung gewissermaßen um.

Grundlagenforschung mit möglicher technischer Relevanz

"Ich finde es außerordentlich ästhetisch, wie physikalische Gesetze direkt durch die Symmetrien der Natur vorgegeben werden", sagt Olga Minakova, die das Experiment leitete. Sebastian Maehrlein vom HZDR und der TU Dresden betont die Bedeutung der Ergebnisse. "Wir haben hier etwas fundamental Neues entdeckt, das hoffentlich in die Lehrbücher eingehen wird."

Langfristig könnten die Erkenntnisse helfen, ultraschnelle Prozesse in Quantenmaterialien besser zu kontrollieren. Solche Materialien gelten als mögliche Grundlage zukünftiger Informations- und Speichertechnologien.


Originalpublikation:
O. Minakova, C. Paiva, M. Frenzel, M. S. Spencer, J. M. Urban, C. Ringkamp, M. Wolf, G. Mussler, D. M. Juraschek, S. F. Maehrlein: Observation of angular momentum transfer among crystal lattice modes, in Nature Physics, 2026.

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