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Deutschland schiebt erneut nach Afghanistan ab

Deutschland schiebt erneut nach Afghanistan ab
Am frühen Dienstagmorgen startete erneut ein Abschiebeflug von Leipzig-Halle nach Afghanistan. / Foto: Sebastian Willnow/dpa
Von: DieSachsen News
Nach dpa-Informationen startete in der Nacht erneut vom Flughafen Leipzig/Halle ein Abschiebeflug nach Kabul. Derweil spitzt sich die humanitäre Lage in Afghanistan zu.

Deutschland hat erneut Afghanen per Charterflug in ihr Heimatland abgeschoben. Nach dpa-Informationen startete der Flieger in der Nacht zum Dienstag vom Flughafen Leipzig/Halle. Das sächsische Innenministerium bestätigte eine Abschiebung. Das zuständige Bundesinnenministerium war zunächst für eine Stellungnahme nicht zu erreichen. 

Augenzeugen am Flughafen in Kabul berichten von mehreren Familien, die auf ihre Angehörigen warteten. Wie Beamte den Wartenden vor Ort erklärten, würden die Abgeschobenen nach ihrer Ankunft Verfahren durch die regierenden Taliban durchlaufen – darunter Verhöre. Danach könnten sie gegebenenfalls nach Zusicherungen durch die Familien freigelassen werden.

Grundlage für die Abschiebung ist eine direkte Vereinbarung mit den in Afghanistan herrschenden islamistischen Taliban, die der Bundesregierung regelmäßige Abschiebungen nach Afghanistan ohne Vermittlerstaaten ermöglicht.

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Vierter Abschiebeflug aus Sachsen nach Afghanistan

Laut sächsischem Innenministeriums war es der vierte Flug, der von Leipzig aus mit ausreisepflichtigen Afghanen abhob. Sachsen hatte bisher sechs Betroffene abgeschoben. Innenminister Armin Schuster (CDU) begrüßte die erweiterten Möglichkeiten zur Abschiebung nach Afghanistan. «Wir haben uns bisher auf schwere Straftäter konzentriert, werden aber nun aufgrund der Verstetigung den Kreis auf alle Straftäter sowie diejenigen Ausreisepflichtigen ausdehnen, die bisher keine Integrationsleistung gezeigt haben, im Sozialbezug stehen oder bei der Identitätsklärung nicht mitwirken.»

Proteste gegen Abschiebung

Mit Blick auf die Menschenrechtslage in Afghanistan sind Abschiebungen in das Herrschaftsgebiet der Taliban umstritten. Auch die neuerliche Zwangsrückkehr löste Kritik aus. Ein Leipziger Bündnis rief zum Protest am S-Bahnhof des Terminals auf. Nach Angaben der Veranstalter kamen 260 Menschen. Ein weiterer Protest ist am Dienstagabend in der Leipziger Innenstadt geplant.

Linke: Menschenrechtslage in Afghanistan desaströs 

Kritik kam auch von den Linken im Sächsischen Landtag. «Es ist schändlich, Menschen gewaltsam in ein Land zurückzubringen, das vom islamistischen Regime der Taliban regiert wird. Dabei spielt es keine Rolle, ob die Betroffenen straffällig geworden sind oder nicht», betonte die Abgeordnete Juliane Nagel. Die Menschenrechtslage unter den Taliban sei desaströs.

Nach Angaben des Innenministeriums in Dresden waren auch zwei Afghanen aus Sachsen an Bord. Die beiden Männer lebten zuletzt im Landkreis Zwickau. «Beide Personen sind mehrfach wegen gefährlicher Körperverletzung, tätlichen Angriffs und Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte, Verstoßes gegen das Betäubungsmittelgesetz, Beleidigung und Sachbeschädigung strafrechtlich in Erscheinung getreten», hieß es.

Kritiker bemängeln Kooperation mit Taliban

Anfang Juni war eine ursprünglich für Ende Mai vorbereitete Sammelabschiebung von ausreisepflichtigen Männern nach Afghanistan abgesagt worden, weil die Taliban-Machthaber nicht kooperierten. Nach dpa-Informationen wurde der Flug abgesagt, nachdem sich die islamistischen Herrscher in Kabul unzufrieden gezeigt hatten über die aus ihrer Sicht mangelnde Gesprächsbereitschaft von Vertretern des Auswärtigen Amts. Die Taliban sind vor allem daran interessiert, mehr Diplomaten an die afghanischen Vertretungen in Deutschland zu entsenden.

Kritiker bemängeln, dass die Bundesregierung die Taliban einerseits wegen deren Menschenrechtsverletzungen – insbesondere was Frauen betrifft – nicht anerkennt, gleichzeitig aber, um Abschiebungen zu ermöglichen, praktische Zugeständnisse macht. Dazu zählt die Erlaubnis zur Entsendung einzelner Diplomaten an die afghanischen Vertretungen in Deutschland, an denen zuvor ausschließlich Diplomaten gearbeitet hatten, die noch von der Vorgängerregierung dorthin entsandt worden waren.

Bundesinnenminister Alexander Dobrindt hatte am Freitag eine Ausweitung der Abschiebepraxis nach Afghanistan gegen Kritik verteidigt. «Wer ein Asylverfahren negativ durchlaufen hat, verpflichtend ausreisepflichtig ist, der muss natürlich auch damit rechnen, dass diese Ausreise dann auch erwirkt wird, wenn sie nicht freiwillig vollzogen wird», sagte der CSU-Politiker.

Schwere humanitäre Krise in Afghanistan

Afghanistan durchläuft derzeit eine schwere humanitäre Krise. Mindestens 3,7 Millionen Kleinkinder und 1,2 Millionen schwangere oder stillende Mütter gelten als akut mangelernährt. In fast allen Provinzen des Landes sehen Experten kritischen Hunger. Jahrelange Dürren und Erdbeben verschärfen die Situation.

Zudem erschwert massive Immigration die Lage: Allein aus den Nachbarländern Iran und Pakistan sind seit Sommer 2021 nach Angaben des UN-Flüchtlingswerks (UNHCR) insgesamt knapp 3,9 Millionen Menschen nach Afghanistan zurückgekehrt. Mehr als 90 Prozent der Rückkehrer leben nach Angaben des UNHCR von weniger als 5 US-Dollar am Tag.

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