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Eduard Bernhart, Konsortium Südtirol Wein: Man kann nur gut trinken!

Weinprobe
Mag Vernatsch: Eduard Bernhart (Bild: Ulrich van Stipriaan)
Von: Ulrich van Stipriaan
Eduard Bernhart erklärt Südtirols Weinvielfalt, Lagenweine und die Bedeutung von Höhenlagen, Böden zwischen Tradition, Wandel und Klimawandel.

Ein halber Hektar Weinberg auf 1000 Metern Höhe ist nicht gerade das, was man von einem Direktor des Konsortiums Südtirol Wein erwarten würde. Eduard Bernhart hat sich die Arbeit trotzdem angetan. 2016 kaufte er im oberen Vinschgau eine geeignete Fläche, 2018 pflanzte er Riesling und Blauburgunder – „vielleicht eine naive oder blauäugige Entscheidung“, kokettiert er. 2021 wurde erstmals vinifiziert, und das Experiment Heute macht ihm das Experiment vor allem eines: Spaß. Ich traf für die 181. Folge von „Auf ein Glas“ Eduard Bernhart aber eigentlich gar nicht in seiner Funktion als Winzer, sondern als Botschafter für Südtiroler Wein zwischen Masterclass und High Wine im Dresdner Bülow Palais. Seit August 2018 ist Eduard Bernhart Direktor des Konsortiums Südtirol Wein. Aber dass er neben Kommunikation, Marketing und Interessenvertretung auch selbst Reben anbaut und Wein macht, ist für ihn kein nebensächliches Hobby. Es erdet ihn – und verschafft ihm einen unmittelbaren Blick auf die Arbeit der Winzer. „Man kann mich nicht allzu leicht aufs Glatteis führen“, sagt er. Er wisse eben nicht nur, wie man über Wein spricht, sondern auch, was es bedeutet, einen Weinberg zu bestocken und einen Wein zu vinifizieren.

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Klein – aber vielfältig

Das passt zu einer Weinregion, die sich nur schwer auf einen Nenner bringen lässt. Südtirol ist klein, aber geologisch und klimatisch ausgesprochen vielfältig. Rund 5800 Hektar Rebfläche gibt es heute. Die Weinberge liegen zwischen etwa 200 und 1000 Metern Höhe, vor allem an den Hängen; die Talböden sind vielerorts den Apfelplantagen vorbehalten. Mehr als 20 Rebsorten sind im DOC zugelassen. Die Idee dahinter: nicht eine Sorte möglichst flächendeckend anzubauen, sondern die richtige Sorte an den richtigen Ort zu setzen.

Die Berge sind dabei mehr als Kulisse. Fallwinde sorgen nachts für Luftaustausch, gleichzeitig entstehen deutliche Temperaturunterschiede zwischen Tag und Nacht. Das hilft, trotz warmer Tage, Frische in den Trauben zu erhalten. Dass inzwischen auch in großen Höhen Weinbau betrieben wird, ist eine Entwicklung der vergangenen Jahrzehnte – und angesichts des Klimawandels eine interessante Perspektive. Eduard Bernhart sieht darin durchaus Potenzial. Aber auch Reberziehung und Kulturmaßnahmen im Weinberg böten Möglichkeiten, auf veränderte Bedingungen zu reagieren.

Noch spannender wird es unter der Erde. Südtirol liegt an der Schnittstelle unterschiedlicher geologischer Formationen. Rund um Bozen findet sich der rötliche Bozner Quarzporphyr, ein altes vulkanisches Gestein. Nicht weit entfernt liegt der Mendel mit seinen Dolomitgesteinen, im Vinschgau dominieren ostalpine Schieferformationen. Die letzte Eiszeit formte vor 20.000 Jahren die heutigen Täler und hinterließ an den Hängen unter anderem Moränenböden. Für den Winzer bedeutet diese Vielfalt: Jeder Weinberg muss für sich betrachtet werden. Höhe, Boden und Exposition – Süd-, Nord-, Ost- oder Westlage – beeinflussen den späteren Wein.


Eduard Bernhart bei der Masterclass

86 Lagen treiben die Qualität auf die Spitze

Genau diese Unterschiede sollen künftig auch auf dem Etikett stärker sichtbar werden. Seit 2024 dürfen in Südtirol Lagenweine erzeugt werden. 86 Einzellagen wurden dafür definiert. Der Prozess dauerte mehr als ein Jahrzehnt: Historische Kataster wurden ausgewertet, Winzer, Produzenten und Önologen beteiligt und geologische Profile erstellt. 2019 wurde das System beim italienischen Ministerium eingereicht, 2024 schließlich genehmigt.

Eine Lagenbezeichnung ist dabei an strengere Regeln gebunden. Die Erträge müssen gegenüber der normalen DOC-Höchstmenge um bis zu 25 Prozent reduziert werden, außerdem sind je Lage maximal fünf zugelassene Rebsorten vorgesehen. Lagenweine haben ihr eigenes Logo bekommen: eine Traube im Tropfen. Schon im ersten Jahr wurden sechs Prozent der Gesamtmenge als Lagenwein erzeugt, 2025 waren es acht Prozent. Das System ist bewusst nicht als endgültig gedacht: In den kommenden Jahren soll sich zeigen, wie es angenommen wird und ob weitere Entwicklungen sinnvoll sind.

Kellereien keltern 70 % der Weine

Dass Südtirol überhaupt so kleinteilig organisiert werden kann, liegt an seiner ungewöhnlichen Betriebsstruktur. Die Rebfläche verteilt sich auf zahlreiche kleine Parzellen; im Durchschnitt bewirtschaftet ein Weinbauer etwa einen Hektar. Viele Betriebe sind Mischbetriebe und bauen neben Wein Äpfel oder andere Kulturen an. Den größten Teil der Weinmenge erzeugen die zwölf Kellereigenossenschaften: etwa 70 Prozent. Rund 25 Prozent kommen von Weingütern, etwa fünf Prozent von den sogenannten freien Weinbauern. Diese bewirtschaften ihre eigenen Flächen, kaufen keine Trauben zu und übernehmen Anbau, Vinifikation und Vermarktung selbst.

Die Genossenschaften haben in Südtirol Tradition. Die erste entstand 1893 in Andrian; zeitweise gab es 33. Durch Zusammenschlüsse ist die Zahl inzwischen auf zwölf gesunken. Ihre Bedeutung ist dennoch groß – und ihr Qualitätsanspruch hat sich mit der gesamten Region entwickelt. Eduard Bernhart sieht gerade in der Vielfalt der Strukturen einen Vorteil: Genossenschaften, private Weingüter und freie Weinbauern stehen miteinander im Wettbewerb und können sich gegenseitig anspornen.

Diese Entwicklung hat Südtirols Weinbild grundlegend verändert. Wer an Südtiroler Wein denkt, denkt heute häufig zuerst an Weißwein. Das war nicht immer so. Noch vor einigen Jahrzehnten galt die Region vor allem als Rotwein- und Vernatschland. Große Mengen der autochthonen Sorte (italienisch Schiava) gingen nach Österreich, in die Schweiz und nach Deutschland. Heute sind die Flächen deutlich kleiner, gleichzeitig hat sich der Stil vieler Weine verändert.

Eduard Bernhart möchte den Vernatsch allerdings nicht als Relikt einer vergangenen Weinwelt verstanden wissen. Im Gegenteil: Er hält ihn für einen ausgesprochen zeitgemäßen Wein – leicht, elegant, mit gutem Trinkfluss und gekühlt besonders überzeugend. Dazu kommt seine Vielseitigkeit. Vernatsch funktioniert zur Speckplatte ebenso wie zu Knödeln und Schlutzkrapfen, aber auch zu Hühnchen oder gegrilltem Fisch. Und er kann reifen. Ältere Jahrgänge zeigen, dass die Sorte deutlich mehr Alterungspotenzial besitzt, als ihr verbreitetes Image vermuten lässt.

Aus dem Rotweinland wurde das Weißweinland Südtirol

Der Wandel zum Weißwein war dabei weder reine Marketingstrategie noch alleinige Entscheidung einzelner Winzer. Mit der Veränderung des italienischen Marktes wuchs die Nachfrage nach Weißweinen, während die Winzer ihre Rebflächen entsprechend neu ausrichteten. Heute sind rund 65 Prozent der Südtiroler Weine weiß. Das Konsortium selbst existiert erst seit 2007 und hat diese Entwicklung nicht ausgelöst, sondern begleitet. Eduard Bernharts Aufgabe besteht deshalb weniger darin, Südtirol auf eine Botschaft zu reduzieren. Eher will er die vielen unterschiedlichen Teile, die ja letztlich das Gesamte ausmachen, zusammenhalten und voranbringen. Das Konsortium deckt nach eigenen Angaben 99 Prozent der Produktion ab. Finanziert wird es unter anderem über Mitgliedsbeiträge, die sich an der jeweiligen Produktionsmenge orientieren; hinzu kommen Dienstleistungen wie Beratung und Rechtsberatung.

Aber Eduard Bernhart denkt Wein ohnehin nicht nur als Produkt. Wein sei Kulturgut, sagt er, aber auch ein sozialer Moment. „Gemeinsames Essen, Trinken und Probieren kann keine künstliche Intelligenz ersetzen!“ Sein Wunsch für Südtirol in zehn Jahren fällt entsprechend knapp aus: „Südtirol ist eine Garantie. Man kann nur gut trinken.“ Eigentlich so, wie es jetzt schon ist…


PS: Hinterm Horizont geht’s weiter, sang Udo Lindenberg. Und nach dem Podcast auch. Die 181. Folge hat also ein Ende und einen Nachschlag. Mit Grundsätzlichem und einem Wein aus Sachsen…

Podcast hören

Konsortium Südtirol Wein
Crispistraße 15
39100 Bozen

Tel. +39 0471 978 528
suedtirolwein.com

Ulrich van Stipriaan
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Ulrich van Stipriaan

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