Sachsens Wissenschaftsminister Sebastian Gemkow (CDU) befürchtet eine wachsende Vereinsamung Studierender in Zeiten der Corona-Pandemie. Die Hochschulen hätten sich zwar gut auf digitale Lehrangebote eingestellt, das Virus bremse aber das studentische Leben aus, sagte Gemkow (42) im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur in Dresden. «Es fehlt der Austausch zwischen Tür und Angel. Dabei wird gewöhnlich viel Kreativität entfaltet, da werden sonst viele Ideen gesponnen.» Für die Persönlichkeitsentwicklung seien soziale Kontakte unerlässlich.
«Der Austausch mit Kommilitonen, Dozenten und Menschen außerhalb der Hochschulen kann nicht oder nur eingeschränkt stattfinden. Das ist ein echtes Manko», betonte der Minister. Nur in einem Punkt sieht er einen Vorteil: «Die Pandemie hat auch eine Entschleunigung bewirkt. Vielleicht führt das bei dem einen oder anderen dazu, dass er sich mit mehr Ruhe seiner wissenschaftlichen Arbeit widmen und Ideen vertiefen konnte.» Studieren unter den Bedingungen einer Pandemie sei aber für alle eine enorme Belastung. Die Online-Angebote erforderten hohe Selbstdisziplin und Konzentration.
Nach Ansicht von Gemkow hat die Pandemie an den Hochschulen und Forschungseinrichtungen Spuren hinterlassen: «Sie hat immense Auswirkungen auf den Lehrbetrieb, aber auch auf die Forschung. Zum jetzigen Zeitpunkt muss man aber festhalten, dass es den Hochschulen in ihrer Autonomie sehr gut gelungen ist, auf die speziellen Bedürfnisse ihrer Einrichtungen gut zu reagieren und den Betrieb sicherzustellen.» Es sei richtig gewesen, keine allgemeingültigen Regeln aufzustellen. Die Bedingungen an großen Universitäten und den kleineren Hochschulen seien sehr unterschiedlich.
«Das größte Problem ist, in diesem Hybrid-Betrieb die Lehrangebote digital so aufzubereiten, dass sie auch von allen nutzbar sind», sagte der Minister. Sachsen habe das mit 3,6 Millionen Euro aus dem Corona-Bewältigungsfonds unterstützt. Da das Geld nicht ausreichte, habe man unlängst noch einmal sechs Millionen Euro nachgereicht.
Gemkow geht davon aus, dass die Pandemie in einer rasanten Art und Weise einen Transformationsprozess beschleunigt hat, der ohnehin abgelaufen wäre: «Der Trend zur Digitalisierung ist massiv. Jetzt nutzt man Möglichkeiten wie eine Videokonferenz viel häufiger und selbstverständlicher. Hier ist ein Gewöhnungsprozess in Gang gekommen, der uns nachhaltig beeinflussen wird.» Der Mensch sei aber ein soziales Wesen. Sobald Kontakte wieder in größerem Umfang möglich seien, werde man das wieder nutzen. Künftig dürfte es aber eine Mischung aus digitalen und direkten Angeboten geben.
Der Minister hat in der Pandemie noch eine weitere Entwicklung bemerkt. Gerade die außeruniversitären Forschungseinrichtungen seien in der Krise enger zusammengerückt: «In der ersten Phase der Pandemie gab es regelmäßig Konferenzen mit ihnen. Ihre Expertise ist in der Krise nötig. Forscher haben so voneinander und ihrer Arbeit erfahren und sich besser vernetzen können.» Sachsen habe 15 daraus entstandene Projekte mit insgesamt 16 Millionen Euro unterstützt. «Die Bewältigung der Krise wird zu einem Großteil auf wissenschaftlichen Erkenntnissen basieren.»
Für die sächsischen Hochschulen sieht Gemkow wegen der Ziel- und Zuschussvereinbarungen eine Planungssicherheit bis 2024: «Das ist ein großer Vorteil. Durch den Zukunftsvertrag des Bundes, der den Hochschulpakt ablöst, können beispielsweise auch befristete Arbeitsverhältnisse fortgesetzt werden.» Für die Lehre könnten 800 neue Stellen geschaffen werden. Wie sich diese auf die einzelnen Hochschulen verteilen, sei Teil der derzeit laufenden Gespräche zu den Zielvereinbarungen zwischen dem Ministerium und den Hochschulen.
«Es gibt einen quantitativen und qualitativen Aufwuchs. Das garantiert eine gute und stabile Entwicklung», sagte Gemkow. Die Kosten der Pandemie würden die Umsetzung mancher Projekte vielleicht erschweren. Das laufe aber eher auf eine zeitliche Streckung hinaus.
«Es gibt viel zu tun, aber auch riesengroße Chancen für den Freistaat. Deswegen bin ich absolut optimistisch, dass wir am Ende stärker aus der Krise wieder herauskommen. Ich bin überzeugt, dass in der Krise auch eine Chance liegt.» Denn der Fokus auf die Forschung sei gewachsen, das Interesse an Wissenschaft gestiegen: «Wir haben die Möglichkeit, diese Wissenschaftslandschaft auf dem Niveau zu halten und sogar auszubauen. Sachsen gehört zu den Ländern mit den meisten Forschungseinrichtungen. Das ist ein großer Schatz. In Forschung und Wissenschaft bedeutet Status quo immer Rückschritt. Deshalb werden wir weiter investieren.»
Quelle: dpa - Deutsche Presse-Agentur GmbH