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Sensationsfund in Bautzen feiert 150. Jubiläum: Weltweit einzigartige Napoleonuniform

Zusammensetzung zweier Bilder: Links ein Redner vor Publikum, im Hintergrund eine Präsentation mit der Schrift "Bekanntes und Neues vom Trompeter"; Rechts eine prächtig verzierte, rot-blaue, historische Uniform.
Foto links: Martin Lehmann, Foto rechts: Holger Hinz/Museum Bautzen
Von: Bürgerjournalismus in Sachsen
Wolfgang Mendow erforscht seit Jahren die Geschichte des „Trompeters von Bautzen“ – und fuhr dafür bis nach Frankreich.

Ein Interview von Martin Lehmann

Im Bautzener Stadtmuseum steht ein Stück Weltgeschichte. Es ist über 200 Jahre alt und einmalig: die Uniform des sogenannten Trompeters von Bautzen.

Nach bisherigen Recherchen ist sie die letzte original erhaltene Uniform eines Trompeters der Grande Armée Napoleons. Gefunden wurde die Uniform im früheren Gasthof „Goldner Löwe“ in der Bautzener Steinstraße. Sie lag unter den Dielen eines Zimmers. Erhalten blieben Waffenrock, Hose und Stiefel. Auf den Knöpfen steht die Ziffer 4 – ein Hinweis auf das 4. Regiment der leichten Lanzenreiter.



Die in Bautzen im Gasthaus „Goldner Löwe“ gefundene Uniform.
Foto: Holger Hinz/Museum Bautzen


Der Besitzer war ein junger französischer Soldat, der während der Schlacht bei Bautzen im Mai 1813 desertierte.

Einer, der diese Geschichte seit Jahren verfolgt, ist Wolfgang Mendow. Der 1941 geborene Stadt- und Museumsführer hat den Spuren des Trompeters nachgeforscht, Unterlagen ausgewertet und ist dafür sogar bis nach Frankreich gereist. Am 27. Januar dieses Jahres berichtete er in der Stadtbibliothek Bautzen über die Geschichte der Uniform und seine Recherchen dazu.

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Wolfgang Mendow beim Vortrag über den Trompeter von Bautzen im Januar 2026.
Foto: Martin Lehmann


Im Interview erzählt Wolfgang Mendow:

Herr Mendow, viele Menschen gehen ins Stadtmuseum und sehen dort eine alte Uniform. Wann wurde Ihnen klar: Das ist nicht nur ein Museumsstück, sondern eine Geschichte, der man nachgehen muss?

Geschichte, Politik, Sprache und Menschen haben mich schon immer interessiert. Als ich 2007 von Berlin nach Bautzen kam, wollte ich meine neue Wahlheimatstadt und ihre Geschichte kennenlernen. In der Volkshochschule wurde gerade ein Fortbildungskurs zum Stadtführer angeboten. Diesen hielt ich für eine günstige Gelegenheit, das entsprechende Geschichtswissen über Bautzen zu erwerben. Später habe ich zudem noch eine Ausbildung zum Museumsführer absolviert. Im Museum fiel mir dann die Uniform auf. Inzwischen war bekannt, wem die Uniform gehört hatte. Mich interessierte nun, ob man über das weitere Schicksal des Trompeters noch etwas in Erfahrung bringen könnte.


Was macht diese Uniform so besonders – und warum ist sie ein einmaliger Fund?

Es handelt sich um die letzte original erhaltene Uniform eines Trompeters der Grande Armée Napoleons.

Das Erstaunliche daran: Ein solches Stück hat sich ausgerechnet in Bautzen erhalten. Auch in Frankreich scheint es nach Recherchen von Professor Alain Pigeard, dem wahrscheinlich bedeutendsten französischen Wissenschaftler auf dem Gebiet der napoleonischen Militärgeschichte, kein vergleichbares Originalexemplar mehr zu geben.

Die Uniform wurde 1876 unter Dielen eines Gasthauses in Bautzen gefunden. Was spricht dafür, dass ihr Besitzer desertierte?

Wenn jemand eine Uniform versteckt, dann geschieht das wahrscheinlich nicht zufällig. Die Schlacht bei Bautzen fand am 20. und 21. Mai 1813 statt. Napoleon kämpfte hier gegen russische und preußische Truppen. In dieser Lage konnte eine französische Uniform gefährlich werden. Wer desertierte, musste sie loswerden. Dass Waffenrock, Hose und Stiefel unter Dielen lagen, passt zu dieser Erklärung.

Hinzu kommt: Trompeter hatten nicht nur musikalische Aufgaben. Sie übermittelten Signale, waren nah am Geschehen und mussten auch Verwundete auf dem Schlachtfeld bergen. Dadurch konnten sie selbst leicht zur Zielscheibe werden. Dem jungen Träger der Uniform scheint dieses Schicksal, nach allem, was wir heute wissen, nicht gefallen zu haben. Er entschied sich offenbar zur Flucht.

Gibt es einen Namen zu diesem jungen Trompeter von damals?

Als ich begann, mich mit dem Trompeter zu beschäftigen, war sein Name bereits bekannt. Ebenso Geburtstag und Geburtsort sowie eine Personenbeschreibung.

Laut Regimentsregister hieß er Pierre Cornion und laut Geburtsurkunde Pierre Corniaux.

Er wurde am 13. April 1796 in Autun geboren und meldete sich im Januar 1813 freiwillig zur Armee. Er war erst 17 Jahre alt und damit noch nicht im wehrpflichtigen Alter. Somit konnte er nur als Freiwilliger Teil der Armee werden. In den französischen Militärunterlagen fanden sich unter den Trompetern des 4. Regiments insgesamt vier Trompeter, wobei von dreien das Schicksal bekannt war. Beim vierten stand im Regimentsregister „wegen langer Abwesenheit gestrichen“. Damit war klar, dass dieser vierte Trompeter der Deserteur aus Bautzen sein musste: Pierre Cornion.


Ein vergilbtes Blatt in Nahaufnahme. Darauf Linien einer Tabelle und handschriftlich eingetragener, schwungvoller Text.

Foto des Regimentsregisters.
Quelle: Wolfgang Mendow



Sie wollten nun noch mehr über Cornion erfahren. Wie kamen Sie weiter?

Ich schrieb nach Autun, also der Geburtsstadt von Pierre. Aus dem Stadtarchiv erhielt ich zwei Geburtsurkunden und eine Heiratsurkunde. Daraus ging hervor, dass unser Trompeter einen Zwillingsbruder hatte. Simon Pierre Corniaux. Da der Zwillingsbruder auch ein „Pierre“ im Namen hatte, konnten wir also noch nicht sicher sein, dass die Heiratsurkunde, welche uns von 1823 vorlag „unseren“ Trompeter betraf. 2011 machte ich auch Führungen für die Dritte Sächsische Landesaustellung in Görlitz. Dort wurde auch die Uniform des Trompeters gezeigt. Bei meiner zweiten Führung dort hatte ich eine französische Reisegruppe, der ich natürlich das erzählte, was mir bis dahin zu der Uniform bekannt war. Wie es der Zufall wollte, war in der Reisegruppe eine Genealogin. Sie interessierte sich für den Fall, notierte sich meine Adresse und nach etwa sechs oder sieben Wochen schickte Sie mir die Ergebnisse ihrer Recherche. Das war ein ganzer Stapel Geburtsurkunden, Heiratsurkunden und Sterbeurkunden. Daraus ging hervor, dass der Zwillingsbruder unseres Trompeters im Alter von 19 Monaten verstorben war. Nun konnten wir sicher sein, dass der Pierre Corniaux, der in Autun 1823 geheiratet hatte, tatsächlich „unser“ Trompeter war. Wie er es zurück nach Frankreich geschafft hat, ist bisher unbekannt.

Und konnten Sie aus den Unterlagen der Genealogin noch mehr über den Trompeter herausfinden?

Es war natürlich nicht ganz einfach, die handschriftlichen Urkunden von damals zu entziffern. Aber meine Französischkenntnisse halfen mir dabei. Unser Trompeter hatte vier Kinder und starb 1856 im Alter von 60 Jahren in seinem Geburtsort Autun. Aus den vielen Unterlagen konnte ich einen ganzen Stammbaum zusammenstellen. Dabei waren zwei Frauen, die jetzt noch leben und in siebter Generation direkt von unserem Trompeter abstammen. Mit den beiden habe ich 2011 auch Kontakt aufgenommen. Ich hätte sie 2013 zum 200. Jahrestag der Schlacht bei Bautzen auch gern eingeladen, aber da fehlten mir die nötigen Mittel, die beiden in Bautzen unterzubringen. Außerdem schienen sie auch nicht besonders begeistert zu sein, dass sie von einem Deserteur abstammen.

Sie sind sogar selbst nach Frankreich gefahren. Warum war Ihnen das wichtig?

In den Urkunden waren die Straßen erwähnt, in denen „unser“ Trompeter und seine Verwandten wohnten. Ich wollte auf meiner Reise nach Autun im Jahr 2024 vor Ort versuchen herauszufinden, in welchen Häusern er geboren wurde und gestorben ist. Die betreffenden Straßen habe ich auch gefunden. Die genauen Hausnummern nicht. Denn diese wurden ja erst unter Napoleon eingeführt und waren auf den Geburts‑, Heirats- und Sterbeurkunden von Pierre nicht angegeben. Leider konnten mir die Museen in Autun für genauere Ortsangaben auch nicht weiterhelfen. Was ich auf meiner Reise noch herausfinden konnte, war, dass Napoleon auch in Autun eine Rolle spielte. Er hat dort ein Jahr die Militärschule besucht. Deshalb fand ich auch eine Apotheke Bonaparte, ein Restaurant (Le) Bonaparte und eine Oberschule (Lycée) Bonaparte. Und natürlich wollte ich auf meiner Reise auch das französische Bautzen kennenlernen: die Senfstadt Dijon, wo ich auf dem Rückweg noch kurz Station machte.

Sie erzählen Bautzener Geschichte(n) auch als Stadtführer, als Caspar Peucer und als Nachtwächter. Was ist Ihnen dabei wichtig?

Ich möchte den Gästen die Stadt näher bringen. Und das macht man nicht mit trockenen Aufzählungen von Ereignissen und Jahreszahlen, sondern mit interessanten Geschichten, die Menschen unterhalten. Dazu zählt unser Trompeter. Aber auch andere wie der Bierjörge, der bis zu 20 Liter Bier pro Tag getrunken haben soll und dessen Denkmal heute auf dem Brunnen des Fleischmarktes in Bautzen steht. Oder Kaiser Rudolf II., der nicht durch eine evangelische Kirche gehen wollte. Oder Ritter Dutschmann, der mit seinem Pferd über den Brunnen auf dem Hauptmarkt gesprungen sein soll. Es gibt noch viele weitere interessante Geschichten.


Wer einmal eine Stadt- oder Museumsführung mit Wolfgang Mendow erleben möchte, kann sich an die Tourist-Information Bautzen wenden. Die Führungen hält er auf Deutsch, Englisch und Französisch.




Dieser Artikel ist im Rahmen des Projekts "Bürger machen Journalismus" entstanden.
Mehr Informationen zum Projekt - und wie auch Sie teilnehmen können - finden Sie unter: www.buergerjournalismus-sachsen.de

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