Einzelhandel für alle – oder weiter nur vereinzelt?
Ein Bericht von Silvio Zimmermann
Eigentlich wollte Gürkan Aktaş am Kirchberg in Schirgiswalde Pizza und Nudeln, Getränke und Kaffee verkaufen. Im Frühjahr 2025 hatte der ehemalige Kneipenwirt aus Bautzen dafür die Doppelstuben eines Umgebindehauses am Fuße des Aufstiegs zur katholischen Pfarrkirche gemietet. „Aber ich darf hier keine Küche betreiben, keine Lebensmittel zubereiten.“ Die bauliche Struktur sei dafür nicht geeignet, hatten ihm die Behörden mitgeteilt. Platz für einen sommerlichen Außenbereich gibt es nicht. Mittlerweile hat der 47-Jährige Werbung für Automatenspiele in seine Schaufenster gestellt.
Leerstand im historischen Ortskern
Die kleinteilige Bebauung im Ortskern und das Fehlen eines großflächigen Einzelhandelsmagneten sind für die Einwohner zu einem Versorgungsproblem geworden. Bürgermeister und Verwaltung kämpfen dagegen an: Eine Perspektivstudie zur Entwicklung des Einzelhandels im „Städte- und Gemeindeverbund Oberland“ liegt seit 2022 vor. Untersucht wurden die unterschiedlich schwierigen Standortlagen in den Kommunen Neukirch/Lausitz, Sohland an der Spree, Schirgiswalde-Kirschau und Wilthen.
Kostendruck und Streit
Zurück am Kirchberg. Maria Hocke und ihr Mann Gregor führten zwischen 2019 und 2022 dieselben Räume, die Aktaş angemietet und in denen er nun seine Spielautomaten aufgestellt hat. Als Nahversorger waren sie Teil der Perspektivstudie. „Wir hatten die Chance, das Geschäft selbstständig fortzuführen“, erinnert sich Maria. „Mein Mann wurde Inhaber und organisierte die Einkäufe in den Großmärkten in Görlitz und Bautzen. Regional haben wir Kartoffeln, Käse oder Obst eingekauft.“ Während sie im Laden stand, lieferte ihr Mann bestellte Waren aus.
| Werbung für das ehemalige Lebensmittelgeschäft am Ortseingang. |
Die Kunden schätzten den Service, ihre Erreichbarkeit half den Älteren. Einschränkungen während der Corona-Zeit erlebten beide anders als befürchtet. „Im nächsten Supermarkt durften sie damals ja nur zehn Wagen haben. Die Leute mussten lange warten“, erzählt die 64-Jährige. „Bei uns brauchte man nur anzurufen oder an die Tür zu klopfen.“ Der Umsatz blieb zunächst stabil. Mit steigenden Einkaufspreisen kam aber auch für Maria und ihren Mann das Aus, auch wenn der Branchenwegweiser am Ortseingang von Schirgiswalde das Geschäft heute immer noch nennt. „2022 war Schluss. Es rechnete sich nicht mehr.“
Ein Nachmieter fand sich nicht. Sicherlich auch, weil der Branchenprimus Edeka in jenen Tagen in Schirgiswalde endlich einen Supermarkt-Neubau anmeldete. Das dessen Angebot, verteilt auf die unterschiedlichsten Ladengeschäfte der Stadt, schon einmal vorhanden und die Grundversorgung im Ort fußläufig gesichert war, erinnern vor allem ältere Einwohner. Dass die Edeka-Filiale kurz vor ihrer Fertigstellung aufgrund eines Streits mit der Stadt Wilthen nun einen Baustopp erhielt, stößt bei vielen nur noch auf Unverständnis.
| Stillstand auf der Baustelle des neuen Supermarktes in Schirgiswalde. |
Perspektiven für die Ortsmitte
Genauso wie am Kirchberg gibt es auch hier keinen Außenbereich. Die Kommunalberater würden wohl zu einem „Relaunch“ raten, denn der finale Baustein ihrer Studie ist die Aufenthaltsqualität. Sollte sich der Supermarkt etablieren und mit ihm die erhoffte Magnetwirkung entfalten, könnten weitere Ansiedlungen folgen. Investitionen in die umliegenden Ladenflächen wären der nächste Schritt. Und vielleicht ergibt sich dann hier für Gürkan Aktaş doch noch die Gelegenheit, um mit guter Küche von sich Reden zu machen.
Dieser Artikel ist im Rahmen des Projekts "Bürger machen Journalismus" entstanden.
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