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Einzelhandel für alle – oder weiter nur vereinzelt?

Detailaufnahme der Ecke eines Umgebindehauses in eher schlechtem baulichen Zustand, in den Fenstern Plakate mit Werbung
In Schirgiswalde macht ein ehemaliges Lebensmittelgeschäft mit Werbung für Spielautomaten auf sich aufmerksam. Foto: Silvio Zimmermann
Von: Bürgerjournalismus in Sachsen
Schirgiswalde im Landkreis Bautzen kämpft mit einer Versorgungslücke. Die Zahl der Einzelhandelsgeschäfte sinkt seit Jahren, die verbliebenen kämpfen um Kunden und ihre Existenz. Über den notwendigen Neuanfang wird noch gestritten.

Ein Bericht von Silvio Zimmermann

Eigentlich wollte Gürkan Aktaş am Kirchberg in Schirgiswalde Pizza und Nudeln, Getränke und Kaffee verkaufen. Im Frühjahr 2025 hatte der ehemalige Kneipenwirt aus Bautzen dafür die Doppelstuben eines Umgebindehauses am Fuße des Aufstiegs zur katholischen Pfarrkirche gemietet. „Aber ich darf hier keine Küche betreiben, keine Lebensmittel zubereiten.“ Die bauliche Struktur sei dafür nicht geeignet, hatten ihm die Behörden mitgeteilt. Platz für einen sommerlichen Außenbereich gibt es nicht. Mittlerweile hat der 47-Jährige Werbung für Automatenspiele in seine Schaufenster gestellt.

Wer hier vorbeikommt, hat normalerweise ein anderes Ziel. Die Alte Straße zwischen Kirche und Schulgebäude, Marktplatz und Post, gehen regelmäßig Schüler, Gottesdienstbesucher und Spaziergänger. Geschäfte oder Gastronomie sind in der sich anschließenden Ortsmitte kaum noch vorhanden. Die Gegend ist reich an Geschichte, arm an Gästen, vor allem aber katholisch und merklich von Nahversorgung und Einzelhandel abgeschnitten. Aktaş‘ Spielothek wirkt an dieser Stelle auffallend ungewöhnlich.

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Leerstand im historischen Ortskern

Das war nicht immer so. Fotos, die im Heimatmuseum von Schirgiswalde ausgestellt werden, zeugen von einem regen historischen Geschäftsleben. Bis zum Ende der staatlichen und genossenschaftlichen Strukturen 1990 führten zahlreiche Einzelhändler und Dienstleister im Ort ein eigenes Geschäft. Das Angebot an Lebensmitteln, Haushalts- und Drogeriewaren und Handwerkserzeugnissen wuchs über Jahre – mit zunehmender Verfügbarkeit von Waren in allen Bereichen. Die wirtschaftlichen Umbrüche nach der Wiedervereinigung, der Zuwachs des Online-Handels und die Folgen der Corona-Pandemie, zwangen jedoch viele zur Aufgabe. Nachfolger blieben aus, die Ladenlokale stehen leer.

Die kleinteilige Bebauung im Ortskern und das Fehlen eines großflächigen Einzelhandelsmagneten sind für die Einwohner zu einem Versorgungsproblem geworden. Bürgermeister und Verwaltung kämpfen dagegen an: Eine Perspektivstudie zur Entwicklung des Einzelhandels im „Städte- und Gemeindeverbund Oberland“ liegt seit 2022 vor. Untersucht wurden die unterschiedlich schwierigen Standortlagen in den Kommunen Neukirch/Lausitz, Sohland an der Spree, Schirgiswalde-Kirschau und Wilthen.
Die Analyse zeigt, welche Versorgungsstrukturen gebraucht werden und wie ihr Erhalt zukünftig besser gefördert werden kann. Für Schirgiswalde, seit 2011 Teil der Stadt Schirgiswalde-Kirschau, fiel der Befund sehr deutlich aus: Mit den bestehenden Verkaufsflächen sei eine grundzentrale Versorgung der Ortschaft nicht zu erreichen, erklärten die Kommunalberater. Ziel müsse zukünftig sein, den „Angebotsausbau auf den Ortskern zu lenken“ und mit der Ansiedlung eines größeren Lebensmittelmarktes „den Anteil der fußläufig versorgten Bevölkerung weiter zu erhöhen.“

Kostendruck und Streit

Zurück am Kirchberg. Maria Hocke und ihr Mann Gregor führten zwischen 2019 und 2022 dieselben Räume, die Aktaş angemietet und in denen er nun seine Spielautomaten aufgestellt hat. Als Nahversorger waren sie Teil der Perspektivstudie. „Wir hatten die Chance, das Geschäft selbstständig fortzuführen“, erinnert sich Maria. „Mein Mann wurde Inhaber und organisierte die Einkäufe in den Großmärkten in Görlitz und Bautzen. Regional haben wir Kartoffeln, Käse oder Obst eingekauft.“ Während sie im Laden stand, lieferte ihr Mann bestellte Waren aus.


Ein Schild am Straßenrand mit dem Text "Markt am Kirchberg: Lebensmittel, Gemüse, Drogerieartikel, Regionale Produkte".

Werbung für das ehemalige Lebensmittelgeschäft am Ortseingang.
Foto: Silvio Zimmermann


Die Kunden schätzten den Service, ihre Erreichbarkeit half den Älteren. Einschränkungen während der Corona-Zeit erlebten beide anders als befürchtet. „Im nächsten Supermarkt durften sie damals ja nur zehn Wagen haben. Die Leute mussten lange warten“, erzählt die 64-Jährige. „Bei uns brauchte man nur anzurufen oder an die Tür zu klopfen.“ Der Umsatz blieb zunächst stabil. Mit steigenden Einkaufspreisen kam aber auch für Maria und ihren Mann das Aus, auch wenn der Branchenwegweiser am Ortseingang von Schirgiswalde das Geschäft heute immer noch nennt. „2022 war Schluss. Es rechnete sich nicht mehr.“

Ein Nachmieter fand sich nicht. Sicherlich auch, weil der Branchenprimus Edeka in jenen Tagen in Schirgiswalde endlich einen Supermarkt-Neubau anmeldete. Das dessen Angebot, verteilt auf die unterschiedlichsten Ladengeschäfte der Stadt, schon einmal vorhanden und die Grundversorgung im Ort fußläufig gesichert war, erinnern vor allem ältere Einwohner. Dass die Edeka-Filiale kurz vor ihrer Fertigstellung aufgrund eines Streits mit der Stadt Wilthen nun einen Baustopp erhielt, stößt bei vielen nur noch auf Unverständnis.

Ein grün-grauer Supermarkt-Neubau, umgeben von einem noch im Bau befindlichen Parkplatz

Stillstand auf der Baustelle des neuen Supermarktes in Schirgiswalde.
Foto: Silvio Zimmermann


Perspektiven für die Ortsmitte

Über die Spielothek spricht kaum jemand. Wer nicht im Ort einkaufen kann, fährt mit dem Auto in die umliegenden Gemeinden und nimmt die Ortsmitte nicht mehr wahr. Da der Marktplatz kaum Kunden anzieht, steht Aktaş oft auch am Nachmittag vor seiner Tür und raucht. Auf den „guten Laden“, wie man ihm damals versichert hatte, will der frühere Kneipenbesitzer aber trotzdem nicht verzichten. Und Maria Hocke? Die „ewige Verkäuferin“, wie sie sich selbst gern nennt, hat eine neue Beschäftigung gefunden, auch wenn sie als Rentnerin gar nicht mehr arbeiten müsste. Sie empfängt ihre Kunden nun in einer Bäckereifiliale nahe dem Markt in Schirgiswalde.

Genauso wie am Kirchberg gibt es auch hier keinen Außenbereich. Die Kommunalberater würden wohl zu einem „Relaunch“ raten, denn der finale Baustein ihrer Studie ist die Aufenthaltsqualität. Sollte sich der Supermarkt etablieren und mit ihm die erhoffte Magnetwirkung entfalten, könnten weitere Ansiedlungen folgen. Investitionen in die umliegenden Ladenflächen wären der nächste Schritt. Und vielleicht ergibt sich dann hier für Gürkan Aktaş doch noch die Gelegenheit, um mit guter Küche von sich Reden zu machen.


Dieser Artikel ist im Rahmen des Projekts "Bürger machen Journalismus" entstanden.
Mehr Informationen zum Projekt - und wie auch Sie teilnehmen können - finden Sie unter: www.buergerjournalismus-sachsen.de

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