Logo Die Sachsen News
Nachrichten / Bautzen News

Selbstversorgung mit der eigenen Waldhufe

Eine Frau und ein Mann stehen an einem offenen Zauntor, im Hintergrund Gebäude eines Bauernhofs
Veit und Kathrin Müller vor ihrer Waldhufe im sächsischen Großnaundorf. Mit dieser Wohn- und Lebensform haben sich die beiden einen Traum verwirklicht. Einblicke in ihr Leben geben sie am „Tag des offenen Denkmals“ am 13.9.2026. Foto: Sebastian W. Klotsche
Von: Bürgerjournalismus in Sachsen
Selbst anzubauen, was man zum Leben braucht, galt lange als romantische Idee für Menschen mit viel Platz und Zeit. Heute ist Selbstversorgung ein stiller, neuer Trend – auch in der Westlausitz. Die hiesigen Waldhufen bieten dafür ideale Bedingungen, wie das Beispiel von Familie Müller aus Großnaundorf zeigt.

Ein Feature von Sebastian W. Klotsche

Vor gut 20 Jahren am Ortsrand von Ottendorf-Okrilla: Kathrin und Veit Müller haben wenig Platz und sind beruflich stark eingebunden. Sie wohnen in einem schönen, kleinen Einfamilienhaus mit wenig Fläche drumherum und haben kaum Arbeit mit dem eigenen Grundstück. Dennoch entscheiden sich die beiden 2003 eine heruntergewirtschaftete Hofstelle mit rund 6.000 Quadratmetern Land zu kaufen – in Großnaundorf am Keulenberg in der Westlausitz. Veit Müller hatte schon das Einfamilienhaus in Ottendorf mit viel Liebe saniert. „Ich konnte davon problemlos loslassen“, erzählt er, „denn schließlich war durch den Verkauf der finanzielle Grundstock für unsere Lebensvision geschaffen.“

Mehr aus dieser Kategorie

Der Traum: Leben im Rhythmus der Natur

Diesen Lebensentwurf umreißen die Müllers als „Leben in den Kreisläufen der Natur“. Ihr Wunsch war ein landschaftsoffenes Anwesen, möglichst ein traditioneller Bauernhof mit vielen Freiräumen. „Unser Ziel war ein hoher Eigenversorgungsgrad und die komplette Verwertung aller Reste – also eine Kreislaufwirtschaft wie es auf typischen Bauernhöfen üblich war“, erläutert Veit Müller. „Das Erkennen und Vermitteln einer Wertschätzung zur Schöpfung sind für uns dann mit Hilfe des Geschaffenen – nämlich Gebäuden und Kulturland sowie dem Tierbestand – immer wichtiger geworden“, ergänzt er. Schließlich sollte es eine große Familie werden und das Haus immer für Gäste und Interessierte offenstehen. Während der vierjährigen Bauphase für das Wohnhaus und die Scheune kamen die ersten beiden Kinder, Friedrich und Helene, zur Welt.


Das neue Grundstück der Müllers ist Teil einer Waldhufe (siehe Infokasten) von insgesamt rund 30 Hektar. Diese Größe war in der Gegend bei den Boden- und Wirtschaftsverhältnissen im Mittelalter nötig, um eine Bauersfamilie mit vielen Kindern, den Altbauern und manchmal auch noch Knechten und Mägden zu versorgen. Ein einzelner Streifen vereinte alle notwendigen Ressourcen und das auf sehr kurzen Distanzen.


Die historische Flurform erweist sich heute noch als sehr zweckmäßig und erlaubt eine große Autarkie bei gleichzeitig überschaubarem Flächenmanagement. Das lange, zusammenhängende Grundstück ermöglicht Mischformen aus Gartenbau, Tierhaltung und Forstwirtschaft sowie eine dezentrale Energiegewinnung mit Holz oder Photovoltaik auf den großen Dächern.


Was ist eine Waldhufe?


Der Begriff stammt aus dem Mittelalter und beschreibt ein längliches Flurstück, zu dem eine Hofstelle und Ländereien zum Bewirtschaften gehörten. Ab dem 12. Jahrhundert war diese Siedlungsform sehr beliebt. Waldhufen gab es unter anderem in Sachsen, Franken, Schwaben und Thüringen.

„Die Zuwanderer kamen im Zuge der Ostbesiedlung, um ihre Höfe aus dem Naturwald zu roden. Später sollten diese Orte als Waldhufendörfer bezeichnet werden“, erklärt Diplom-Geographin Cornelia Schlegel, ehemalige Mitarbeiterin vom Museum der Westlausitz.

Allein in Sachsen gab es 1.130 Waldhufendörfer, so das Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V.

Der Wirtschafts- und Siedlungsansatz der Waldhufen basierte auf einer Streifensiedlung. Der Landstreifen beginnt am feuchten Talgrund und reichte bis hinauf auf den bewaldeten Bergrücken. Dies war und ist dann meist die Grenze zur nächsten Dorfgemarkung.

Die Waldhufenbauern bewirtschafteten ihr Land unabhängig und in direkter Hofnähe. Ein einzelner Streifen vereinte alle notwendigen Ressourcen (siehe Grafik): Hofbereich, Hausgarten, Obstgarten, Wiese zur Viehfuttergewinnung, Ackerland, Weide sowie Wald für Bauholz und Brennmaterial. Der Ertrag diente vor allem der Selbstversorgung. Ein Teil der Ernte und der Waldprodukte musste als Zins an den jeweiligen Grundherrn (Adel oder Kirche) abgeführt werden.

Dieses System erlaubte eine effiziente Erschließung bisher unbewohnter Wälder wie um den Keulenberg in der Westlausitz und sicherte durch die Kombination von Ackerbau, Viehzucht und Forstwirtschaft und manchmal auch Fischzucht das Überleben.

Abbildung:
Beispielhafte Darstellung eines Waldhufendorfs (Quelle: Acf, CC BY-SA 3.0)


Beispielhafte Darstellung eines Waldhufendorfs. Abbildung: Acf, CC BY-SA 3.0

Die Zahlen: Viel Angebot für potentielle Selbstversorger

Gerade im ländlichen Raum der Westlausitz und vor allem Nahe Dresden entdecken junge Familien diese Strukturen neu. Dabei wird der Verkaufsdruck von Höfen in Ostsachsen in den nächsten Jahren besonders groß, so die Sächsische Aufbaubank in ihrem aktuellen Wohnungsbaumonitor. Denn die geburtenstarken Nachkriegsjahrgänge des gesellschaftlichen Wiederaufbaus sind aktuell zwischen 60 und 70 Jahren alt. Viele von ihnen sind Immobilienbesitzer in den ländlichen Gebieten. Zahlreiche Objekte werden jetzt mangels erblicher Nachfolge am Immobilienmarkt angeboten. Bereits 2019 betrugen die Leerstände im Norden der Landkreise Bautzen und Görlitz zwischen zwölf und 16 Prozent; im Dreiländereck sogar über 16 Prozent, so die Sächsische Aufbaubank.

Als die Müllers 2003 ihre Hofstelle kauften, waren die Zeiten andere. Wie hoch die Leerstandsquote genau war, ist nicht bekannt. Zahlen dazu wurden im Wohnungsmonitor der Sächsischen Aufbaubank erstmals für 2009 veröffentlicht. Damals lag die Leerstandsquote in den ländlichen Regionen Sachsens bei maximal acht Prozent, meist sogar unter vier Prozent. „Mit dem Erlös unseres Hausverkaufes konnten wir das 6.000 Quadratmeter große Grundstück inklusive der baufälligen Gebäude auf jeden Fall finanzieren“, erzählt Veit Müller. Das lag auch daran, dass die Hufe mit dem damals schon begehrten Acker- und Waldland durch einen Landwirt erworben wurde, der bereits eine Hofstelle hatte.

Der Hausbau erfolgte planvoll und schrittweise federführend durch Restaurator und Kirchenmaler Veit Müller. Vieles stemmte die Familie in Eigenleistung. Am Küchentisch, dem zentralen Treffpunkt der Familie, sitzend, ergänzt Kathrin Müller: „Die Entwicklung hin zur Selbstversorgung ging im Gegensatz zum Hausbau eher spontan und situationsbedingt. Unsere Schafe haben wir bereits während der Bauphase für die Wiesenmahd angeschafft. Bauschutthaufen und Bretterstapel störten die Tiere nicht, im Gegenteil: Das Grün wurde rundherum kurzgehalten. Mit Technik wäre das nicht so präzise und geräuschlos machbar gewesen.“

Die Realität: Ergänzung statt Ideal

So attraktiv das Modell Selbstversorgung mit der Waldhufe erscheint – vollständig autark zu leben, bleibt in der heutigen Zeit schwierig oder ist gar nicht das Ziel. Robert Skrzypczyński bestätigt dies 2021 in seinen Artikel „Forschung zu europäischen Ökodörfern“ im European Countryside Journal, in dem er 60 europäische Ökodörfer analysiert. Ein zentrales Ergebnis: die meisten Gemeinschaften streben keine vollständige Selbstversorgung an, sondern praktikable Teilautarkie kombiniert mit regionaler Kooperation.

Gegen Selbstversorgung sprechen auch der hohe Arbeitsaufwand und die permanente Bindung an das Grundstück. Auch bürokratische Hürden wie Vorgaben für Tierhaltung, Bauvorschriften und staatliche Pflichtmedikationen sowie der wirtschaftliche Druck durch Steuern und Billig-Lebensmittel erschweren die Umsetzung des Traums.

Dennoch zeigt sich ein klarer Trend: Selbstversorgung wird nicht mehr als nostalgische Rückkehr verstanden, sondern als bewusste Ergänzung zum modernen Leben. Der hohe Arbeitsaufwand und die Realität des „Back-to-the-Land“-Lebens wurde durch Marta Kolářová vom Institute of Sociology der Czech Academy of Sciences im Jahr 2023 untersucht. Sie befragte dazu Menschen, die bewusst aufs Land gezogen sind, um selbstversorgender zu leben. Diese Personen beschreiben ihr Leben als Spannung zwischen Idealvorstellungen von Unabhängigkeit und den praktischen Anforderungen, den Arbeitsbelastungen und wirtschaftlichen Zwängen des Alltags.

Bei den Müllers kamen über die Jahre weitere Tiere auf den Hof – auch zur Freude der drei Kinder. Hermann, der Jüngste der Geschwister hatte die Kaninchen in Obhut, Helene die Katze und die Lämmer, Friedrich die Hühner. Der Älteste erkannte schnell, wie man sich mit dem Verkauf der Eier ein kleines Taschengeld verdienen konnte. „Aktuell setzt sich unser Tierbestand aus 14 Hühnern und einem Hahn, zwei Mutterschafen, vier Lämmern und einem Schafbock sowie der Hofkatze zusammen“, zählt Kathrin Müller auf. Mittlerweile sind zwei der Kinder schon ausgezogen, gehen eigene Wege und leben ihre Visionen. Am Tisch in der großen Wohnküche kommt man aber immer noch regelmäßig – meist zum Essen – zusammen. Dann werden die Familiengespräche zur Zukunft geführt oder Konflikte gelöst. „Im Sommer werden die anderen Räume des großen Bauernhauses ohnehin kaum genutzt“, so Veit Müller.

Die Vision: ländliches Familien- und Gemeinschaftsleben

Die Siedlungsidee der Waldhufendörfer entstand aus der Notwendigkeit heraus, Neuland zu erschließen. Das hatte verschiedene Gründe. Letztendlich war es eine organisierte, friedliche Landnahme durch weltliche oder kirchliche Herrscher. Die Ortsnamen von Dörfern in der Westlausitz zeugen davon. So ist Bischheim nahe des Keulenberges eine Hufensiedlung von durch den Bischof angeworbenen Siedlern. Alle kamen damals aus Not aber mit Hoffnungen und Visionen für ein neues, freies Leben. Das damalige Wirtschaften zur Eigenversorgung und die naturnahe Bearbeitung des Kulturlandes waren ebenfalls Notwendigkeiten. Heute hat sich die moderne, technisierte Gesellschaft von vielen natürlichen Grundlagen vermeintlich unabhängig gemacht beziehungsweise weit entfernt.

Ulla Schuch von der Deutschen Gartenakademie in Frankfurt am Main analysiert: „Selbstversorgung ist vermutlich keine Mode, sondern eine Reaktion auf die vielen Krisen unserer Zeit“. Selbstversorgung auf der eigenen Waldhufe ist eine Vision von Unabhängigkeit, Gemeinschaft und einem Leben im Einklang mit natürlichen Rhythmen. Besonders im ländlichen Raum kann daraus eine Lebensform entstehen, die Familie, Nachbarschaft und Verantwortung neu verbindet. „Ich möchte Verantwortung übernehmen – für das, was mich nährt ist auch Ausdruck einer neuen Haltung“, analysiert Schuch, die als Professorin an der Frankfurt University of Applied Sciences im Masterstudiengang „Ballungsräume“ unterrichtet hat.

Bei der Selbstversorgung steht ein Stück Land im Mittelpunkt, das nicht nur Besitz ist, sondern Lebensgrundlage. Obstbäume, Gemüsegärten, Gewächshäuser, Kräuterbeete und kleine Tierhaltung bilden ein vielfältiges Ökosystem. Nahrung wächst, aber auch Energie entsteht dort, wo sie gebraucht wird. Kinder erleben unmittelbar, wie aus Samen Nahrung entsteht, wie Jahreszeiten den Alltag prägen und warum Pflege und Geduld wichtig sind. Gemeinsames Säen, Ernten, Reparieren, Einkochen oder Holzmachen schaffen natürliche Begegnungen zwischen Generationen. Wissen wird nicht nur vermittelt, sondern vorgelebt. Großeltern geben Erfahrungen weiter, Kinder übernehmen früh Verantwortung und Erwachsene erleben Arbeit wieder als sichtbar sinnvoll. Gleichzeitig entsteht aus Selbstversorgung oft eine neue Form von Gemeinschaft. Nachbarn tauschen Saatgut, Werkzeuge oder Ernten. Einer backt Brot, ein anderer hält Bienen, jemand repariert Maschinen. Aus gegenseitiger Hilfe wächst Vertrauen. Das Dorf wird nicht nur Wohnort, sondern ein Netzwerk von Fähigkeiten und Beziehungen.

Eigene Energiegewinnung durch Solar- oder Holzsysteme, Regenwassernutzung, regionale Kreisläufe und handwerkliche Fähigkeiten verbinden traditionelle Kenntnisse mit heutiger Technik. Veit Müller als Restaurator hat als Heimwerker dafür auch die jahrzehntelange Expertise. Ziel ist nicht völlige Abschottung, sondern größere Freiheit gegenüber Krisen, Preisschwankungen und anonymer Massenversorgung. „Selbstversorgung auf eigenem Land ist nicht nur ein praktisches Konzept, sondern ein Entwurf für ein menschlicheres Zusammenleben – lokal verwurzelt, regional orientiert, gemeinschaftlich getragen und langfristig tragfähig“, bestätigen Kathrin und Veit Müller aus Großnaundorf.

Heute sind die Müllers beide gut über 50 und haben noch viel vor. Sie wollen den Hof weiter ausbauen. Darauf freut sich Veit Müller besonders. Schließlich ist fast alles fertig saniert, und es braucht neue bauliche Herausforderungen. Darüber, was später mit der Hofstelle und dem Land wird, hat Familie Müller bereits nachgedacht. Alles ist möglich: Nutzung durch die Kinder, Vermietung oder Verpachtung aber auch Verkauf und Auszug kommen in Frage. Doch nun laden sie erstmal zum Tag des offenen Denkmales am 13. September 2026 ein.

Einladung zur Besichtigung

Was?
Tag des offenen Denkmales

Wann?
September 2026, 10 bis 18 Uhr

Wo?
Familie Müller, Pulsnitzer Straße 43, 01936 Großnaundorf

Angebot

  • Baustellenkino: Die Entstehungsgeschichte
  • Drei regionale Künstlerinnen stellen ihre Bilder aus. Es darf auch gekauft werden.
  • Kaffee und Kuchen, Getränke
  • Erläuterungen durch Veit und Kathrin Müller

Dieser Artikel ist im Rahmen des Projekts "Bürger machen Journalismus" entstanden.
Mehr Informationen zum Projekt - und wie auch Sie teilnehmen können - finden Sie unter: www.buergerjournalismus-sachsen.de

Bürgerjournalismus  in Sachsen
Artikel von

Bürgerjournalismus in Sachsen

Bürgerjournalismus in Sachsen ist für die Inhalte selbst verantwortlich. Es gilt der Kodex der Plattform. Die Plattform prüft und behandelt Inhalte gemäß den gesetzlichen Vorgaben, insbesondere nach dem NetzDG.

Social Media