Sachsen will bei der Entwicklung der Kernfusion mitmischen. Mit SAXFUSION fördert der Freistaat bereits ein Netzwerk, das Forschung und Wirtschaft in diesem Thema zusammenbringen soll. Doch noch liefert weltweit kein einziges Fusionskraftwerk Strom. Sachsens Wissenschaftsminister Sebastian Gemkow erläutert im Interview, warum das Land trotzdem auf die Technologie setzt.
Herr Gemkow, Kernfusion wird schon seit Jahrzehnten erforscht. Warum setzt Sachsen gerade jetzt verstärkt darauf?
Die Forschung ist inzwischen so weit, dass der Übergang zum Bau eines Prototyps realistisch erscheint. Das gilt zum Beispiel für die Magneteinschlussfusion. Daran wird unter anderem an den Forschungsanlagen Wendelstein 7-X in Greifswald und beim internationalen Großprojekt ITER in Frankreich gearbeitet. Gleichzeitig hat die Laserträgheitsfusion zuletzt Fortschritte gemacht. In den USA konnten Fusionsvorgänge in Experimenten wiederholt werden. Zusätzlichen Auftrieb gibt es durch die Hightech-Agenda des Bundes und mehrere Start-ups, die in Deutschland an Fusionstechnologien arbeiten.
Wie will Sachsen von diesem Auftrieb profitieren?
Wir wollen einen maßgeblichen Beitrag zum Bau eines ersten Fusionskraftwerks in Deutschland leisten. Gleichzeitig wollen wir dafür sorgen, dass die Entwicklungen auch wirtschaftlich etwas für Sachsen bringen. Gestützt durch unsere starken Forschungseinrichtungen sehen wir großes Potenzial für Ergebnistransfer und daran anschließende Wertschöpfung in Sachsen.
Deutschland hat mit Greifswald und Garching bereits wichtige Zentren der Fusionsforschung. Was kann Sachsen beitragen?
Greifswald und Garching sind Zentren der experimentellen Magneteinschlussfusion. Daneben gibt es mit der Laserträgheitsfusion einen anderen technologischen Ansatz. Beide stehen aber auch vor gemeinsamen Herausforderungen. Dazu gehören der Umgang mit Tritium und die Entwicklung von Materialien für die erste Wand eines Reaktors. Das Forschungszentrum Dresden-Rossendorf betreibt wahrscheinlich die derzeit umfangreichsten Forschungsanlagen für lasergetriebene Fusion in Deutschland. Außerdem ist Sachsen stark in der Materialforschung. Genau dort gibt es noch große Herausforderungen auf dem Weg zu einem Fusionskraftwerk, zu deren Lösung Sachsen beitragen kann.
Warum braucht es dafür ein Netzwerk wie SAXFUSION?
In den sächsischen Hochschulen und Forschungseinrichtungen gibt es sehr viel spezialisiertes Wissen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass die allermeisten Einrichtungen etwas zum Aufbau eines Fusionskraftwerks beitragen können und das teilweise auch schon tun. Die Schwierigkeit besteht darin, dass die richtigen Personen zueinanderfinden und gemeinsame Projekte vorantreiben. Gerade in der Kernfusion sind solche Projekte besonders komplex und anspruchsvoll. Genau hier kommt SAXFUSION für eine zielgerichtete Vernetzung der Akteure ins Spiel.
SAXFUSION wird von 2025 bis 2027 mit 2,4 Millionen Euro aus EU- und Landesmitteln gefördert. Was passiert danach?
Forschungsnetzwerke wie SAXFUSION erhalten zunächst eine Anschubfinanzierung. Ziel dabei ist es, Strukturen aufzubauen, die sich mittel- bis langfristig wirtschaftlich selbst tragen. Daneben investiert der Freistaat weiter in Forschungsprojekte und die nötige Infrastruktur. Denn wenn wir in der Fusionsforschung erfolgreich sein wollen, müssen wir langfristig in Forschung und Entwicklung investieren. Wie viel Geld dafür zur Verfügung steht, hängt aber auch vom Haushalt und davon ab, welches wirtschaftliche Potenzial wir für Sachsen sehen.
Noch liefert weltweit kein Fusionskraftwerk Strom. Warum sollte die öffentliche Hand Geld in eine Technologie investieren, deren wirtschaftlicher Erfolg ungewiss ist?
Viele Technologien, die heute selbstverständlich sind, haben Jahrzehnte bis zur Marktreife gebraucht. Nehmen Sie Lithium-Ionen-Akkus, die mRNA-Technologie, GPS, Touchscreens oder OLED-Bildschirme. Klar ist: Kernfusion gehört zu den herausforderndsten Technologien überhaupt. Solche Entwicklungen brauchen Zeit. Dass Kernfusion grundsätzlich funktioniert, sehen wir jeden Tag an der Sonne. Und verschiedene Experimente haben inzwischen gezeigt, dass sich Fusionsreaktionen auch technisch erzeugen lassen. Jetzt geht es darum, die Kräfte zu bündeln und den nächsten Schritt zur technischen Anwendung zu schaffen.
Private Fusionsunternehmen stellen teilweise erste Kraftwerke bereits für die 2030er-Jahre in Aussicht. Viele Forschende sind deutlich vorsichtiger. Werden da nicht Erwartungen geweckt, die der Stand der Technik noch nicht rechtfertigt?
Sicherlich sind die Zeitpläne einiger Start-ups sehr ambitioniert. Aber Unternehmen brauchen solche ambitionierten Ziele auch. Das schafft eine Dynamik, mit der sich auch die öffentlich geförderte Fusionsforschung auseinandersetzen muss. Diese Konkurrenz kann beide Seiten voranbringen und das sehe ich sehr positiv. Auch die großen Summen an Venture Capital, die Start-ups im Fusionsbereich einsammeln, zeigen, dass nicht nur die Politik an eine technische Nutzung der Kernfusion in naher Zukunft glaubt, sondern auch die Wirtschaft.
Gibt es in Sachsen bereits Unternehmen, die mit Fusionstechnologien Geld verdienen?
Es gibt Unternehmen, die schon heute im Bereich Kernfusion tätig sind und zum Beispiel Komponenten für ITER liefern. Außerdem werden Schweißverfahren für Wendelstein 7-X und Sensoren entwickelt. Wenn der Markt wächst, könnten daraus relativ schnell neue Geschäftsfelder für Unternehmen entstehen. Einige sächsische Unternehmen könnten wahrscheinlich schon heute bestimmte Teile und Komponenten für ein Fusionskraftwerk liefern. Bei anderen Komponenten ist noch Entwicklungsarbeit nötig. Dafür werden möglicherweise erst neue spezialisierte Unternehmen entstehen. Markt und Unternehmen müssen sich hier ein Stück weit gemeinsam entwickeln.
Was passiert mit den Investitionen, wenn sich Kernfusion am Ende technisch oder wirtschaftlich nicht durchsetzt?
Auf dem Weg zu einem Fusionskraftwerk wird es sicherlich Rückschläge geben, aber auch viele Erfindungen und technische Entwicklungen, die sich für andere Zwecke nutzen lassen. Selbst ein Scheitern würde deshalb nicht automatisch bedeuten, dass sich der Aufwand nicht gelohnt hat. Für ein lasergetriebenes Fusionskraftwerk braucht man zum Beispiel leistungsstarke und gleichzeitig sehr kostengünstige Laser. Solche Laser könnten auch in vielen anderen Bereichen eingesetzt werden. Das Gleiche gilt für Materialien, die extremen Bedingungen standhalten müssen. Auch daraus können technische Lösungen für andere Bereiche entstehen.
Für die aktuelle Energiewende kommt die Kernfusion zu spät. Welche Rolle kann sie dann überhaupt noch spielen?
Die Kernfusion ist keine Lösung für unsere aktuelle Energiewende. Wir müssen hier in größeren Zeiträumen und auch global denken. Mit der weiteren Industrialisierung steigt weltweit der Energiebedarf. Aktuell ist auch die Nutzung von KI ein enormer Treiber. Effizienzsteigerungen können diesen Anstieg zwar mindern, aber nicht verhindern.
Erneuerbare Energien reichen Ihrer Ansicht nach langfristig nicht aus?
Erneuerbare Energien werden einen wichtigen Beitrag zur Energieversorgung leisten. Ihr Ausbau wird aber allein schon durch die verfügbaren Flächen irgendwann an Grenzen stoßen. Neben der Kernspaltung ist die Kernfusion aus meiner Sicht die aussichtsreichste Technologie, um einen darüberhinausgehenden Energiebedarf zu decken. Es ist für mich daher weniger eine Frage des Ob, sondern wann es so weit sein wird.
Nach welchen konkreten Kriterien wollen Sie den Erfolg von SAXFUSION messen? Gibt es einen Punkt, an dem die Politik auch sagen müsste: Die Erwartungen haben sich nicht erfüllt und weiteres öffentliches Geld wäre in anderen Forschungsfeldern besser eingesetzt?
SAXFUSION ist ein Forschungsnetzwerk. Wir erwarten von solchen Netzwerken, dass sie die Beteiligten zusammenbringen, ihre Sichtbarkeit erhöhen, die Zusammenarbeit fördern und gemeinsame Interessen vertreten. Daran müssen wir auch den Erfolg messen. SAXFUSION ist dabei aus meiner Sicht auf einem guten Weg.
Wo soll Sachsen 2035 bei der Kernfusion stehen?
2035 soll Sachsen weiterhin als eine treibende Kraft bei der Entwicklung von Fusionskraftwerken gelten. Im Rahmen der Hightech-Agenda des Bundes sollen drei Fusions-Hubs entstehen: zur Magneteinschlussfusion, zur Laserträgheitsfusion sowie zu Materialien und zum Brennstoffkreislauf. Sachsen ist aktuell an allen drei eingereichten Hub-Anträgen beteiligt. Wenn sächsische Einrichtungen auch 2035 in diesen Hubs mitarbeiten und dort einen wichtigen Beitrag zur Entwicklung leisten, würde ich die heutigen Investitionen als Erfolg bewerten.

