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Blindheit verändert das Gehirn anders als bisher gedacht

Die Forschenden schauten sich genauer an, was bei Blindheit im Gehirn passiert.
Submillimeter-Aufnahme: Diese Karte zeigt die Mikrostruktur des Gehirngewebes. © MPI CBS
Von: Wissensland
Wer noch nie ein Bild gesehen hat, entwickelt trotzdem ein leistungsfähiges Gehirn – nur anders als gedacht. Forschende aus Leipzig und Krakau haben herausgefunden, warum der Sehbereich bei blind geborenen Menschen dicker wirkt. Die Antwort liegt nicht im gestörten Zellabbau, sondern in einer Fettschicht namens Myelin.

Jeden Tag verlassen wir uns auf unsere Augen, ohne darüber nachzudenken. Doch was passiert im Gehirn eines Menschen, der noch nie sehen konnte? Ein deutsch-polnisches Forschungsteam ist dieser Frage nachgegangen. Die Ergebnisse stellen eine bisher verbreitete Erklärung dafür infrage, warum sich das Gehirn bei Blindheit anders entwickelt. Beteiligt waren die Jagiellonen-Universität Krakau und das Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften Leipzig.

In den ersten Lebensjahren verändert sich das Gehirn stark. Zunächst bildet es mehr Verbindungen zwischen Nervenzellen, als es später braucht. Verbindungen, die kaum genutzt werden, baut es nach und nach wieder ab. Fachleute nennen diesen Prozess Pruning. Gleichzeitig läuft die Myelinisierung ab. Dabei umhüllt eine Fettschicht die Nervenfasern, ähnlich der Isolierung eines Stromkabels. Dadurch werden Signale schneller weitergeleitet.

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Die Antwort liegt im Myelin

Seit Jahren fällt auf, dass der visuelle Kortex, also der Teil des Gehirns, der Seheindrücke verarbeitet, bei blind geborenen Menschen dicker wirkt als bei Sehenden. Die gängige Erklärung lautete bisher, dass ohne Seheindrücke weniger überflüssige Nervenverbindungen abgebaut werden. Um das zu prüfen, reisten 24 von Geburt an blinde Menschen aus Polen nach Leipzig und ließen ihre Gehirne per MRT untersuchen. Verglichen wurden sie mit sehenden Kontrollpersonen.

Mit besonders hochauflösenden MRT-Aufnahmen konnten die Forschenden das Gehirn so genau untersuchen wie bisher kaum möglich. Dabei bestätigte sich zunächst eine bekannte Beobachtung: Der visuelle Kortex wirkte bei Blindheit dicker als der sehender Menschen. Die Ursache war jedoch eine andere als bisher angenommen.

Das Hirngewebe war dort von weniger Myelin umgeben, einer schützenden Fettschicht, die die Weiterleitung von Nervensignalen beschleunigt. Hinweise darauf, dass der natürliche Abbau überflüssiger Nervenverbindungen gestört ist, fanden die Forschenden dagegen nicht.

Anders, nicht beeinträchtigt

"Eine verminderte Myelinisierung kann auch beeinflussen, wie die Grenze zwischen grauer und weißer Substanz in MRT-Aufnahmen erscheint", erläutert Erstautorin Anna-Lena Stroh. "Dadurch kann die Großhirnrinde in MRT-Messungen dicker erscheinen." Ähnliche Veränderungen fanden die Forschenden auch in der weißen Substanz, die verschiedene Hirnregionen miteinander verbindet. In Bereichen, die für das Hören oder Tasten wichtig sind, zeigten sich solche Unterschiede dagegen nicht.

Das Gehirn blinder Menschen arbeitet deshalb nicht schlechter als das sehender Menschen. "Der visuelle Kortex bei blinden Menschen ist nicht beeinträchtigt – er ist nur anders organisiert", sagt Marcin Szwed von der Jagiellonen-Universität Krakau. Er übernimmt bei Blindheit andere Aufgaben, etwa bei der Sprachverarbeitung, dem Arbeitsgedächtnis und der kognitiven Kontrolle. Die Arbeit der Forschenden zeigt damit, wie flexibel sich das Gehirn an fehlende Seheindrücke anpassen kann.


Originalpublikation:
Anna-Lena Stroh et al., Congenital blindness reduces myelination in human visual cortex. Sci. Adv.12, eaec2348 (2026).

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