Jeden Tag verlassen wir uns auf unsere Augen, ohne darüber nachzudenken. Doch was passiert im Gehirn eines Menschen, der noch nie sehen konnte? Ein deutsch-polnisches Forschungsteam ist dieser Frage nachgegangen. Die Ergebnisse stellen eine bisher verbreitete Erklärung dafür infrage, warum sich das Gehirn bei Blindheit anders entwickelt. Beteiligt waren die Jagiellonen-Universität Krakau und das Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften Leipzig.
In den ersten Lebensjahren verändert sich das Gehirn stark. Zunächst bildet es mehr Verbindungen zwischen Nervenzellen, als es später braucht. Verbindungen, die kaum genutzt werden, baut es nach und nach wieder ab. Fachleute nennen diesen Prozess Pruning. Gleichzeitig läuft die Myelinisierung ab. Dabei umhüllt eine Fettschicht die Nervenfasern, ähnlich der Isolierung eines Stromkabels. Dadurch werden Signale schneller weitergeleitet.
Anders, nicht beeinträchtigt
"Eine verminderte Myelinisierung kann auch beeinflussen, wie die Grenze zwischen grauer und weißer Substanz in MRT-Aufnahmen erscheint", erläutert Erstautorin Anna-Lena Stroh. "Dadurch kann die Großhirnrinde in MRT-Messungen dicker erscheinen." Ähnliche Veränderungen fanden die Forschenden auch in der weißen Substanz, die verschiedene Hirnregionen miteinander verbindet. In Bereichen, die für das Hören oder Tasten wichtig sind, zeigten sich solche Unterschiede dagegen nicht.
Das Gehirn blinder Menschen arbeitet deshalb nicht schlechter als das sehender Menschen. "Der visuelle Kortex bei blinden Menschen ist nicht beeinträchtigt – er ist nur anders organisiert", sagt Marcin Szwed von der Jagiellonen-Universität Krakau. Er übernimmt bei Blindheit andere Aufgaben, etwa bei der Sprachverarbeitung, dem Arbeitsgedächtnis und der kognitiven Kontrolle. Die Arbeit der Forschenden zeigt damit, wie flexibel sich das Gehirn an fehlende Seheindrücke anpassen kann.
Originalpublikation:
Anna-Lena Stroh et al., Congenital blindness reduces myelination in human visual cortex. Sci. Adv.12, eaec2348 (2026).