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Zwischen den Welten: Diese Deutsch-Türkin ist für Dresden etwas ganz Besonderes

Zwischen den Welten: Diese Deutsch-Türkin ist für Dresden etwas ganz Besonderes
Diyara Aydogan musste während der Saison wegen eines Fingerbruchs phasenweise mit der Kommentatorinnen-Rolle im Live-Stream vorlieb nehmen. Nun spielt sie am Wochenende wieder für Deutschland.
Von: Alexander Hiller
Diyara Aydogan wechselte vor der Saison aus Potsdam zum Volleyball-Bundesstützpunkt nach Dresden und ist die erste türkisch-stämmige Nationalspielerin überhaupt im Deutschen Volleyball-Verband. Doch das führt die 17-Jährige in ein persönliches Dilemma.

Ihre Stimme klingt ungewöhnlich rau für eine junge Frau in ihrem Alter. Nach viel Leben. Das ist jedoch nicht das Merkmal, was Diyara Aydogan selbst unter Ihresgleichen so ungewöhnlich macht.

Die 17-Jährige vom Volleyball-Zweitligisten VC Olympia Dresden ist die erste türkisch-stämmige Nationalspielerin überhaupt im Deutschen Volleyball-Verband (DVV). Und doch nur ein Abbild unserer Gesellschaft. „Das ist doch in Deutschland normal“, winkt die gebürtige Berlinerin ab und verweist vor allem auf die Fußball-Nationalmannschaft und die Nachwuchsauswahlteams des DFB.

Ihr Alleinstellungsmerkmal ist der 1,88 Meter großen Mittelblockerin also herzlich egal - und das unterstreicht sie mit einem kehligen Lachen. Dabei ist auch ihre bisherige Lebensgeschichte alles andere als alltäglich unter all jenen Familien mit migrantischen Wurzeln.

Denn Mama Özlem, ebenfalls eine gebürtige Berlinerin, und Papa Nika verließen Deutschland wieder, als Diyara noch ein Baby war. In Izmir, so der Plan, wollte die Familie des ehemaligen Nachwuchs-Kickers von Hertha BSC den Bauernhof ihrer Vorfahren bewirtschaften.

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Deutsch innerhalb von nur wenigen Monaten gelernt

Die Aydogans blieben bis 2020, kehrten dann nach Berlin zurück. Da sprach Diyara noch kaum ein Wort Deutsch. Heute sprudelt es akzentfrei nur so aus ihr heraus. „Ich ging anfangs mit vielen Jungs und Mädchen aus anderen Nationen in einen Willkommensklasse in Berlin-Spandau. Wenn man gut wird, wechselt man in eine normale Klasse“, erklärt sie. „Ich habe innerhalb von ein paar Monaten gut Deutsch gesprochen, war dann in einer normalen Klasse die zweitbeste Schülerin“, sagt sie.

Der Sport habe ihr in dieser Phase enorm geholfen. Als Direkt-Sprachkurs auf dem Feld. Beim TSV Spandau ging sie mit ihrer nun 19-jährigen Schwester Tiya zunächst zu den Basketball-Mädels. Tiya spielt heute noch bei B.A.S.S. Berlin, für Diyara war das nichts. „Ich habe mal ein Mädchen unterm Korb geblockt, die ist halt weggeflogen. Sie hat mir leid getan, Schubserei ist nicht so meins“, erinnert sie sich schmunzelnd.

Also dann lieber Volleyball. Dort lernte sie beim TSV so schnell dazu, dass der SC Potsdam seine Fühler nach dem Talent ausstreckte - und wenig später zwei noch größere Stützpunkte: Schwerin und Dresden. Ihre Wahl fiel auf den Bundesstützpunkt in Sachsen.

„Ich fand die Qualität sportlich besser, das Training anstrengender.“ Und an der Konkurrenz kann sie sich orientieren. Florentine Rosemann (19) wurde erst im Dezember aus dem VC Olympia per Profivertrag in den DSC-Kader befördert. „Flori ist echt krass. Wenn man mit Besseren trainiert, das bringt einen vorwärts“, findet Aydogan.

"Ich kann nicht genau sagen, was meine Heimat ist"

So weit, dass Diyara im Vorjahr bei den Europäischen Jugendspielen (EYOF) mit dem U18-Team des DVV Sechster wurde. Gewonnen hat das Turnier die Türkei, das Herkunftsland ihrer Eltern. Was unweigerlich die Frage aufwirft: Würde Diyara Aydogan lieber für die Türkei spielen?

„Das fragt mich Papa manchmal. Ich würde hierbleiben, glaube ich. Aber wenn die Türkei fragt, würde ich nicht direkt nein sagen“, lässt Diyara offen. Eine Anfrage des türkischen Verbandes habe es noch nicht gegeben. „Ich fühle mich hierhergezogen, aber auch in die Türkei. Ich kann nicht genau sagen, was meine Heimat ist. Aber“, sagt sie, „ich habe keine Angst, vor dieser Wahl zu stehen.“

Denn eines steht ohnehin fest: „Meine Eltern sind superstolz, die finden es gut, dass ich für Deutschland spiele“, sagt sie.

Das tut sie nun beim zweiten EM-Qualifikationsturnier in Georgien wieder - und das nach einem ausgeheilten Fingerbruch. Dort will das DVV-Team gegen die Gastgeberinnen, Österreich und Frankreich das Direkt-Ticket für die U18-EM im Juli lösen.

Für Diyara Aydogan ist bei allen bislang gefällten und künftigen Entscheidungen vor allem eines entscheidend: „Wie ich mich fühle, ist am wichtigsten für mich.“ Derzeit fühlt sie sich in Dresden wohl.


Diyara Aydogan (l.) jubelt gemeinsam mit Kollegin Maja Wolf über einen Punkt. Foto: Verein

Nicht zuletzt deshalb ist sie für den Wechsel zum Bundesstützpunkt Dresden den Kompromiss eingegangen, das 10. Schuljahr am Sportgymnasium zu wiederholen. „Das ist nicht schlimm. Nur, dass ich die Prüfung noch mal schreiben muss.“

Die Muslima wird ihr Abitur von zwei auf drei Jahre strecken und damit bis mindestens 2029 in der sächsischen Landeshauptstadt bleiben. So ist Diyaras Plan, der vom DSC und dessen Talenteschmiede.

„Weil sie dann auch neun Mal pro Woche trainieren kann und 2027 mit zur Junioren-WM soll. Darauf ist alles ausgerichtet“, sagt VCO-Geschäftsführerin Christiane Fürst und spricht Aydogan damit aus der Seele. Die 17-Jährige will das auch. Unbedingt. Und Profi werden.

Bundesstützpunkt-Trainer Andreas Renneberg hält das für möglich: „Wenn man ihr den roten Faden gibt, adaptiert sie alles ziemlich schnell und kann weit kommen. Sie bringt alle Parameter mit.“

Ob das für eine sportliche Karriere in Dresden, einem anderen Bundesligaklub oder gar für Italien oder die Türkei reicht, ist zunächst zweitrangig. Träumen ist erlaubt. Christiane Fürst sagt mit der Erfahrung von 345 Länderspielen und drei Champions-League-Titeln: „Es gibt selten Spielerinnen bei uns, die so einen klaren Weg für sich beschreiben. Ich hoffe, sie behält das bei.“

Alexander Hiller
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Alexander Hiller

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