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50 Jahre nach Olympia-Triple: So lebt ein DDR-Schwimmstar heute

50 Jahre nach Olympia-Triple: So lebt ein DDR-Schwimmstar heute
Ulrike Richter-Schmidt und ihr Mann Volker blicken von der Terrasse ihres Hauses in den Wald. Foto: Alexander Hiller
Von: Alexander Hiller
Schwimmerin Ulrike Richter-Schmidt stand 1976 in Montreal drei Mal ganz oben auf dem Podest. Nun spricht sich über ihre Erinnerungen, Stasi-Spitzel, vorenthaltene Antritts-Gagen und ihre große Liebe - eine Fußball-Legende aus Aue.

Das große Anwesen hinter dem Haus verfügt quasi über eine Direktverbindung zum Wald, unter einer großen Eiche kurz vor der Grundstücksgrenze wachsen im Herbst viele Steinpilze. Zwanzig Schritte dahinter beginnt der Wald. Hier in Lößnitz, im Ortsteil Affalter, hat Ulrike Schmidt-Richter jeden Tag ein Idyll vor Augen.

Abgeschieden von der lauten Großstadt, abgeschieden auch von der Öffentlichkeit. Denn darin könnte die 67-Jährige ausführlich baden, wenn sie es darauf anlegen würde. Die gebürtige Görlitzerin gehört zu den erfolgreichsten Rückenschwimmerinnen aller Zeiten, zu den erfolgreichsten Olympioniken aus Dresden.

Vor genau 50 Jahren lieferte sie unter ihrem Mädchennamen Richter ihr sportliches Meisterstück ab. Bei den Olympischen Spielen in Montreal gewann sie drei Goldmedaillen für die DDR – über 100 und 200 Meter Rücken, sowie mit der 4x100-Meter-Lagenstaffel. Anderthalb Monate vor den Spielen hatte sie erst ihren 17. Geburtstag gefeiert.

Ein Teenager ganz oben. Im kapitalistischen Ausland. Im seelischen Ausnahmezustand. Sollte man meinen. Doch Ulrike Richter war öffentlichen Druck da schon längst gewohnt. „Ich bin mit 14 Jahren schon gereist. Ich bin in diese Welt reingewachsen, hatte ein ganz, ganz stabiles Elternhaus und eine riesengroße Sippschaft dahinter“, erzählt sie. Bei Familienfeiern kommen noch heute um die 60 Leute zusammen.

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Die Urkunde für den ersten ihrer insgesamt vier WM-Titel holte Ulrike Richter 1973 in Weltrekordzeit. Foto: Alexander Hiller

Bei der ersten Schwimm-Weltmeisterschaft der Sportgeschichte 1973 in Belgrad gewann sie zwei Mal Gold, über 100 Meter Rücken und mit der 4x100-mLagenstaffel – jeweils in Weltrekordzeit. Kurz zuvor und damit nur wenige Tage nach ihrem 14. Geburtstag war das Küken vom SC Einheit Dresden in Utrecht ihren ersten Weltrekord geschwommen.

„Bei der WM in Jugoslawien habe ich mir als Erstes einen Schokoaufstrich geholt und habe den löffelweise reingezogen“, erinnert sie sich lachend. „Ich habe schon gemerkt, dass im Westen die Toiletten wie bei uns die Parfümerien riechen", sagt Ulrike Richter-Schmidt. Natürliche kindliche Neugier, offenbar riesiges Schwimmtalent, der Ehrgeiz, es nach ganz oben zu schaffen und der rebellische Mut, sich nicht jeder Vorgabe widerspruchslos zu beugen, vereinte die junge Görlitzerin, die mit elf Jahren nach Dresden wechselte.  

Olympia als mentale Ausnahmebelastung

"Ich war immer sehr fokussiert auf den Wettkampf. Das war immer mein Ziel, warum ich mich so gequält habe. Es ist ja nicht so, dass man da jeden Tag mit Freude zum Training gehst", blickt sie zurück. Nur logisch, dass sie in Montreal bei ihrer einzigen Olympia-Teilnahme nichts anderes wollte, als ganz oben auf dem Treppchen zu stehen. "Ich bin als Weltrekordlerin dorthin gefahren: Da zählt nur die Goldmedaille", sagt sie. Der Wettkampf auf ihrer Paradedisziplin über 100 Meter Rücken ist dabei der vielleicht härteste ihrer Laufbahn, obwohl sie zwischen 1973 und 1976 über diese Distanz quasi als unschlagbar galt.

"Das war eine nervliche Ausnahmebelastung, dieser Druck." Das junge Mädchen hielt ihm stand und wurde dafür belohnt. "Gefühle wie bei Olympia, die wirst du nie wieder haben. Die Freude ist eine ganz andere", sagt sie. Über die doppelte Distanz holt sie ihr zweites Olympiagold vor ihrer Klubkollegin Birgit Treiber. "Das war nicht meine Lieblingsstrecke – da war ich immer Zweite. Ich habe da gewonnen, muss ich fairerweise sagen, weil Birgit Treiber in Montreal Angina bekommen hat. Im Normalfall hätte sie wohl Gold geholt." Als Startschwimmerin der Lagenstaffel führt sie das DDR-Quartett ebenfalls zu Gold. 

DDR kassiert für Richter 6000 D-Mark Gage

In der DDR ist sie damit ein Star - in der weltweiten Schwimmszene ebenfalls. "Es gab auch im Jahr ein paar Show-Wettkämpfe – die DDR hat dafür für mich z. B. in Wien ein Antrittsgeld von 6000 D-Mark kassiert, davon habe ich nichts gesehen. Das habe ich mal in meiner Akte gelesen." Die Stasi ist dem Talent, das bei der BSG Energie Görlitz seine Karriere begann, ein steter Schatten.

Auch als Ulrike Schmidt-Richter 1986 mit Marathon-Olympiasieger Waldemar Cierpinski an die Stätte ihres größten Triumphs zurückkehrt, um mit anderen Stars der Spiele von 1976 die Ehrentafel aller Olympiasieger einzuweihen, ist ein Mann an der Seite des DDR-Duos, den Ulrike Richter-Schmidt nie zuvor gesehen hat. "Guck und Horch", sagt sie dazu lapidar und winkt ab. 


Goldige Ausnahme: Die Medaillen von Montreal sind bis heute die einzigen Olympia-Medaillen, die an einer Kette hängen, sagt Ulrike Richter-Schmidt. Foto: Alexander Hiller

Über die Schwimm-Ikone selbst kann das Überwachungsorgan der Staatsführung allerdings nicht mehr lange berichten. Ulrike Richter beendet 1977 ihre Karriere. Mit nur 18 Jahren. Andere Athleten haben ihren Zenit da noch lange nicht erreicht. "Das war damals im Schwimmsport weltweit so, dass zumindest die Frauen ziemlich zeitig aufgehört haben. Ich hatte damals dann auch andere Prioritäten", sagt Richter-Schmidt heute. Sie muss sich ohnehin sportlich nichts mehr beweisen. 

Und sie lernt in Dresden ihre große Liebe kennen. Der damalige Dynamo-Nachwuchskicker Volker Schmidt fällt ihr in der Kinder- und Jugendsportschule (KJS) Dresden schon länger auf. Dass die beiden ein Paar werden, bahnt sich aber erst auf einer Disko in der Schul-Mensa an, zu der beide eigentlich gar nicht gehen wollten. 

"Ich wollte eigentlich keinen Fußballer"

"Da war aller drei Monate mal Disko. Ich hatte einen Freund aus der Leichtathletik, der hatte gerade das Auto von seinem Vater. Er hat dann gesagt: Was hältst du denn davon, wenn wir heute mal in die Disko gehen?", erinnert sich Volker Schmidt schmunzelnd. Damals hat er zunächst kopfschüttelnd abgelehnt. "Mein Kumpel hat dann aber gesagt: Du kannst aber mit meinem Auto fahren. Die Chance habe ich genutzt. Dann sind wir hingefahren – und da hat sie angegriffen", sagt er. Seine Frau muss lachen. 

"Er war mir vorher schon immer beim Mittagessen aufgefallen. Ich bin überredet worden, zu dieser Disko zu gehen. Das war für mich immer anstrengend. Die Mädels haben mich überredet", sagt sie. Da ihre Schwimmgruppe am nächsten Tag zum längeren Trainingslager nach Lindow musste, "dachte ich: Jetzt oder nie. Er hat sich anfangs ein bisschen gesträubt", erklärt sie augenzwinkernd in Richtung ihres Mannes. Erst nach den ersten drei oder vier Dates, erfährt sie, dass Volker Dynamo-Fußballer ist. "Ich wollte eigentlich keinen Fußballer, einen Sportler schon. Aber da war es schon zu spät."


Eigentlich wollte sie ja keinen Fußballer. Noch heute ist ihr der Traditionsklub FC Erzgebirge Aue dankbar, dass sie damals auf ihr Herz gehört hat. Foto: Alexander Hiller

Das neue Paar heiratet 1979 in Görlitz, zieht ein Jahr später nach Aue. Im Schatten von Dynamo-Legende Hans-Jürgen "Dixie" Dörner kann sich der Hüne nicht entfalten, absolviert für die Schwarz-Gelben nur ein Oberligaspiel, nachdem er in Böhlen für den verletzten Dörner eingewechselt wurde.

In Aue aber reift Volker Schmidt zu einem der besten Liberos der DDR, wird zur Vereinsikone der BSG Wismut, absolviert zwischen 1980 und 1994 insgesamt 403 Pflichtspiele für die Veilchen, spielte für die DDR-Olympiamannschaft und wurde im März 2026 in die Jahrhundert-Elf des heutigen FC Erzgebirge Aue gewählt. 

Seine berühmte Frau lernt Kosmetikerin, bekommt die beiden Kinder Nadine und Martin, geht in ihrer Mutterrolle auf. „Ich würde alles wieder so machen, wie es war", stellt sie klar und meint damit sowohl ihren zeitigen Ausstieg aus Sport, als auch den unerbittlichen Trainingsalltag von 7 bis 18 Uhr - unterbrochen von drei, vier Stunden Schule. "Dir kann niemand diese Emotionen nehmen, wenn du auf diesem Treppchen stehst. Bei Olympia ist das wirklich etwas Besonderes."

Heute gibt die Montreal-Siegerin noch Schwimmunterricht

Daran denkt sie eigentlich nur noch, wenn sie danach gefragt oder hin und wieder das Traditionszimmer im heimischen Kellertrakt betritt. Dort hängen und stehen unzählige Fotos, Urkunden, Medaillen, Pokal - wertvolle Erinnerungsstücke. Und ärgert sich dann hin und wieder, dass sportliche DDR-Erfolge von Außenstehenden oftmals auf bunte Pillen reduziert werden. 

Dahinter steckt freilich viel mehr wie etwa herausragende Leistungsdiagnostik. Im Schwimmsport wurde beispielsweise bereits 1972 der weltweit vermutlich erste Strömungskanal in Leipzig gebaut - von der schwedischen Firma Flygt. Das Projekt zwischen beiden Ländern galt als streng geheim.  

Doch die 67-Jährige hat ganz andere Prioritäten, geht liebend gern mit ihren fünf Enkeln in den Wald. "Meine Welt ist der Wald, meine Enkeln gehen da mit Lupe rein, schauen sich neugierig alles an", erzählt sie begeistert. "Der Wald ist ein Ruhepol für mich, unsere Energiequelle." 

Doch die vierfache Ex-Weltmeisterin hat auch das Schwimmbecken wieder für sich entdeckt, gibt jede Woche montags und mittwochs insgesamt vier Schwimmkurse für Kinder ab fünf Jahren. "Ich führe sie sachte ans Schwimmen heran, will, dass sie ihre Motorik entdecken und die Kunst erlernen, den eigenen Körper durch das Wasser zu bewegen. Andere Ex-Sportler unterstützen Stiftungen, ich lege lieber selbst Hand an", beschreibt sie ihre Motivation. 

"Für mich ist wichtig", sagt sie nachdenklich, "wenn ich als Mensch geschätzt werde, nicht als erfolgreiche Ex-Sportlerin. Meine Familie war für mich immer das Wichtigste. Meine Enkel und Kinder können von mir alles verlangen, ich werde immer da sein." Denn dafür braucht sie ihre Olympiamedaillen nicht. 

Alexander Hiller
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Alexander Hiller

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