Es war eine dieser Aussagen, die man sich eigentlich merken sollte: Deutschland brauche eine Kurskorrektur, hieß es im Bundestagswahlkampf 2025. Die Ampel habe die Wirtschaft kaputtgemacht, das Bürgergeld Faulheit belohnt, die Energiepolitik sei eine ideologische Spielerei gewesen. Friedrich Merz gewann die Wahl. Die CDU/SPD-Koalition übernahm das Steuer. Und seitdem fährt Deutschland – nun ja – vor allem rückwärts.
Nicht weit von hier, hinter den Pyrenäen, macht derweil ein Land vor, wie ein anderer Weg aussehen kann. Spanien wächst. Spanien baut Solarparks. Spanien sagt Trump Nein. Und Spanien hat gerade die niedrigste Arbeitslosenquote seit 2008.
Und dann ist da noch Dänemark – aber dazu später.
Die Wirtschaft: Zahlen lügen nicht – aber Narrative schon
Beginnen wir mit dem, was sich schwer wegdiskutieren lässt: den nackten Zahlen.
+3,4 %
BIP-Wachstum 2024
Spanien
−0,2 %
BIP-Wachstum 2024
Deutschland
3 %
Ausländ. Direktinvestitionen
Spanien (% BIP)
1 %
Ausländ. Direktinvestitionen
Deutschland (% BIP)
Nach zwei Jahren Rezession wuchs das deutsche BIP 2025 um gerade einmal 0,2 Prozent. Spaniens Wirtschaft legte im gleichen Zeitraum um 2,8 Prozent zu – deutlich besser als die meisten Eurozonen-Partner.
Das wäre ungefähr so, als würden zwei Nachbarn gleichzeitig einen Garten anlegen – einer pflanzt Tomaten und baut einen Komposthaufen, der andere buddelt das Beet um und erklärt, das sei jetzt „Technologieoffenheit beim Gemüseanbau". Ein Begriff, der in Berlin in diesen Jahren fast schon religiösen Charakter angenommen hat: Immer dann, wenn man nicht weiß, welche Richtung man einschlagen will, ruft man „Technologieoffenheit" – und alle nicken.
Die Dynamik in Spanien hingegen ist konkret: Investitionen in erneuerbare Energien, digitale Infrastruktur, Tourismus als Wachstumsmotor. Investoren wissen, wohin die Reise geht.
Das Bürgergeld: Großes Versprechen, kleines Ergebnis
Neben der Energiepolitik war ein anderes Thema das Lieblingsprojekt der neuen Regierung: das Bürgergeld. Die Union hatte über Jahre daran gearbeitet, eine bestimmte Geschichte zu erzählen – die Geschichte der Faulheit. Wer arbeite, werde durch hohe Steuern bestraft. Wer nicht arbeite, werde mit staatlichen Leistungen belohnt. Ein System, das die Leistungsbereitschaft zerstöre. Der Heizungshammer der Sozialpolitik, wenn man so will.
Die Rechnung geht nicht auf
Merz versprach Einsparungen von 10 Milliarden Euro. Dann 5 Milliarden. Der tatsächliche Gesetzentwurf von Arbeitsministerin Bärbel Bas bringt im ersten Jahr gerade mal 86 Millionen Euro – bei Gesamtausgaben von rund 52 Milliarden Euro. Das sind 0,16 Prozent. Wer an dieser Stelle lacht, hat Recht.
Noch interessanter ist, was Correctiv herausgefunden hat: Von den rund 5,4 Millionen Leistungsberechtigten stand nur ein Bruchteil – rund 1,8 Millionen – tatsächlich dem Arbeitsmarkt zur Verfügung. Ein Großteil der Leistungsberechtigten sind Kinder oder Menschen in Ausbildung und Weiterbildung. Die Erzählung von der organisierten Drückebergerei zerfällt beim Blick auf die echten Zahlen.
Spanien macht es anders
- Mindestlohn seit 2018 um 61 Prozent gestiegen
- 2025: 16.576 Euro jährlich, steuerfrei
- Arbeitslosenquote Januar 2026: 9,9 Prozent – niedrigster Stand seit 2008
- Neuer Beschäftigungsrekord: 22,4 Millionen Erwerbstätige
Höherer Mindestlohn, mehr Beschäftigung. Das Gegenteil von dem, was konservative Ökonomen seit Jahrzehnten behaupten. Man sollte meinen, das wäre eine Nachricht wert.
Energie: Was man alles „grüne Ideologie" nennen kann
Im Wahlkampf hat die CDU das Kunststück vollbracht, fast jede Form moderner Energiepolitik in ein Schreckgespenst zu verwandeln. Das Heizungsgesetz – offiziell das Gebäudeenergiegesetz – wurde als „Heizungshammer" und „Habecks Heizungsgesetz" durch Talkshows getrieben, bis Millionen Hausbesitzer glaubten, die Regierung wolle ihnen mit Gewalt eine Wärmepumpe in den Keller stellen. Der Effekt war messbar: 2024 brach der Absatz von Wärmepumpen um 52 Prozent ein. Merz selbst räumte später ein, dass 2023 eigentlich viel mehr hätten eingebaut werden müssen. Zu spät – die Verunsicherung war gesät, die Öl- und Gasheizungen stattdessen auf Rekordhoch.
Beim Thema Elektromobilität lief es ähnlich. Statt der Industrie klare Signale zu geben – investiert in die Zukunft, wie Toyota, BYD und Volkswagen selbst es tun – setzte die neue Regierung erfolgreich durch, dass das geplante Neuzulassungsverbot für emissionsfreie Fahrzeuge 2035 EU-weit aufgeweicht wurde. Wieder das Zauberwort: „Technologieoffenheit". Das Ergebnis: Planungsunsicherheit für Hersteller, die bereits Milliarden in neue Antriebstechnologien gesteckt haben.
| Spanien | Deutschland | |
|---|---|---|
| Strom aus Erneuerbaren | ≈ 60 % (manchmal 100 %) | – |
| Anteil Kohlestrom | 1,4 % (Ausstieg 2026) | ≈ 20 % |
| Wärmepumpen-Absatz 2024 | – | −52 % (Einbruch) |
| Solarenergie-Pipeline | Größte in Europa | – |
Ein Detail am Rande, das gut als Metapher taugt: Auf Formentera, der kleinen Balearen-Insel, fahren Elektroautos gebührenfrei – für alle anderen gilt eine tägliche Nutzungsgebühr, und die Gesamtzahl der zugelassenen Fahrzeuge mit herkömmlichem Antrieb ist streng begrenzt. Keine Revolution, aber eine klare Botschaft: Der Wandel ist hier kein Angriff auf die Freiheit, sondern ein Plan.
Heute, 22. April 2026: Der Kanzler hält eine Klimarede
Ausgerechnet heute schließt Friedrich Merz den Petersberger Klimadialog in Berlin als Hauptredner ab – vor Vertretern aus über 40 Ländern, als Gastgeber, als verlässlicher Partner des internationalen Klimaschutzes. Draußen steigen die Ölpreise wegen des Iran-Kriegs. Drinnen verspricht der Kanzler Koalitionen für Klimaschutz und Energieunabhängigkeit.
Und zu Hause? Läuft gleichzeitig der politische Prozess, das Heizungsgesetz zu begraben und die EU-Klimaziele für Autos aufzuweichen. Der NABU brachte es vor der Konferenz auf den Punkt:
„Die Bundesregierung geht mit wenig Glaubwürdigkeit in die Gespräche: Sie ist Gastgeberin einer Klimaschutzkonferenz, drosselt im eigenen Land jedoch die Anstrengungen zum Klimaschutz."
Grünen-Chef Felix Banaszak ergänzte: „Wir können nicht der Welt etwas von Klimapartnerschaften erzählen, während Kanzler Merz und Wirtschaftsministerin Reiche im eigenen Land die Klima-Erfolge der letzten Jahre innerhalb weniger Monate abreißen wollen." Man muss das nicht weiter kommentieren.
Außenpolitik: Einer kriecht, einer steht
Das vielleicht deutlichste Bild des Unterschieds: die Haltung gegenüber Donald Trump.
Spanien wickelt nur 4,3 Prozent seiner Exporte mit den USA ab – die Amerikaner würden bei einem Embargo also mehr verlieren. Als die USA im Iran-Krieg spanische Militärbasen für Angriffe nutzen wollten, sagte Madrid klar Nein.
„Die Stützpunkte werden nicht genutzt – und werden auch nicht genutzt werden – für irgendetwas, das nicht in der Vereinbarung steht und auch nicht von der UN-Charta abgedeckt ist."
Trumps Reaktion: Drohungen mit Handelsabbruch und NATO-Ausschluss. Sánchez' Reaktion: eine internationale Konferenz in Barcelona.
„Sie schreit und tobt nicht, weil sie gewinnt, sondern weil sie weiß, dass ihre Zeit abläuft."
„America first, EU second – das war die Linie des Kanzlers in Washington. Deutschland stand an der Seite des 'Bully', nicht an der des Opfers."
Der Grund für diesen Unterschied ist kein charakterlicher, sondern ein wirtschaftlicher: Deutschland ist abhängig. Von amerikanischem Gas vor allem – 2023 wurden Gas und Öl im Wert von 80 Milliarden Euro importiert. Wer so tief in der Kreide steht, hat wenig Spielraum für Haltung. Spanien hat diesen Spielraum aufgebaut, gezielt, über Jahre. Das nennt sich Energiepolitik.
Das Narrativ und die Wirklichkeit
Die Erzählung der Merz-Regierung klingt in Kurzfassung so: Die Ampel hat Deutschland kaputtgemacht. Zu viel Sozialstaat, zu viel Klimaideologie, zu wenig Leistungsbereitschaft. Der „Heizungshammer" als Symbol staatlicher Bevormundung. Das Bürgergeld als Belohnung fürs Nichtstun. Der Green Deal als wirtschaftspolitischer Selbstmord. Kurs zurück, Ärmel hoch.
Interessant daran ist nicht, dass diese Erzählung populär ist. Interessant ist, dass sie der Realität so beharrlich widersteht. All diese Korrekturen finden statt, während die Wirtschaft stagniert, die Umfragen mies bleiben und Spanien mit dem gegenteiligen Kurs Quartal für Quartal besser dasteht. Goldman Sachs hob Spanien 2025 als am schnellsten wachsende große Volkswirtschaft Europas hervor.
Spanien – das Land, das man lange belächelt hat. Das Land der hohen Arbeitslosigkeit, der Schuldenkrise, der Sonnenbräune und des Sangría. Heute: Wachstumsstar der Eurozone. Getrieben nicht durch Rückschritt, sondern durch klare Entscheidungen.
Bonusrunde aus dem Norden
Dänemark nimmt ab – und legt trotzdem zu
Wer jetzt denkt, Spanien sei ein mediterranes Sonderphänomen – Sonne, Sommer, etwas laxere Arbeitsstunden – der möge kurz nach Norden schauen. Dänemark. Elf Millionen Menschen. Permanenter Nieselregen. Fjords. Und die mit Abstand frechste Wirtschaftsbilanz Europas.
- BIP-Wachstum 2024: +3,7 Prozent – mehr als Spanien, weit mehr als Deutschland
- Arbeitslosenquote seit Ende 2021 konstant unter 3 Prozent
- Staatshaushalt 2024: Überschuss von 4,5 Prozent des BIP
- 88,4 Prozent der Stromerzeugung aus erneuerbaren Quellen (2024)
- CO₂-Ausstoß pro Kopf seit 1990 um 47 Prozent gesenkt – bei stetig wachsender Wirtschaft
Das Ziel, bis 2030 bei 100 Prozent erneuerbarem Strom zu liegen, ist realistisch. Das ist keine grüne Ideologie. Das ist Ingenieurskunst mit langem Zeithorizont.
Nun muss man der Fairness halber erwähnen: Ein erheblicher Teil dieses Wachstumswunders hat einen sehr bekannten Namen – Novo Nordisk. Der Pharmariese hinter Ozempic, der weltbekannten Abnehmspritze, war 2024 für mehr als die Hälfte des gesamten dänischen BIP-Wachstums verantwortlich und war zeitweise der wertvollste Konzern Europas. Das heißt: Während in Deutschland politische Energie darauf verwendet wird, den Übergang zur sauberen Energie zu verlangsamen, hat eine dänische Firma buchstäblich die halbe Welt schlank gemacht – und dafür kassiert.
Man kann darüber lachen. Man sollte aber kurz innehalten und fragen: Wie entsteht so ein Unternehmen? Durch Jahrzehnte öffentlicher Investitionen in Forschung und Bildung. Durch ein Innovationssystem, das nicht fragt „Wie retten wir, was gestern funktioniert hat?", sondern „Was braucht die Welt morgen?"
Das dänische Modell ist in vielem das genaue Gegenteil dessen, was die Merz-Regierung predigt: starkes Sozialnetz, Kündigungsschutz kombiniert mit echter Flexibilität – das sogenannte „Flexicurity"-Modell –, aggressive Klimaziele, hohe Staatsausgaben für Bildung und Wohlfahrt. Und der Haushalt ist im Plus.
Fazit: Der Blick, der fehlt
Spanien und Dänemark sind keine Utopien. Spanien kämpft mit hoher Jugendarbeitslosigkeit und politischer Instabilität durch wechselnde Mehrheiten. Dänemark ist abhängig von einem einzigen Pharmariesen – und wer weiß, wie lange die Welt bereit ist, für Abnehmspritzen zu zahlen. Kein Modell ist einfach kopierbar.
Aber darum geht es nicht. Es geht um das, was beide Länder gemeinsam zeigen: dass mehr Klimaschutz, ein stärkeres Sozialsystem und eine selbstbewusste Außenpolitik keine Hindernisse für wirtschaftlichen Erfolg sind – sondern offenbar Voraussetzungen dafür. Das ist keine politische Meinung. Das sind Quartalsberichte.
Die eigentliche Frage lautet deshalb nicht „War die Ampel perfekt?" – sie war es nicht. Die Frage lautet: Warum ist die Antwort auf reale wirtschaftliche Probleme ausgerechnet der Rückbau von allem, was Länder wie Spanien und Dänemark stärker macht? Weniger Klimaschutz. Weniger Sozialstaat. Weniger öffentliche Investitionen. Mehr Misstrauen gegenüber jedem, der heizen, fördern und in die Zukunft investieren will.
Manchmal liegt die Antwort nicht in einer großen neuen Idee. Manchmal reicht es, einfach mal ernsthaft zu fragen: Wie macht ihr das eigentlich in Kopenhagen? Oder in Madrid?
Eine Abnehmspritze für veraltete Denkmuster gibt es leider noch nicht. Aber vielleicht wäre das ein Geschäftsmodell für ein deutsches Start-up – sofern man dafür hier noch Risikokapital findet.
Quellen
- Statista / IWF: Wirtschaftswachstum Deutschland – Veränderung des BIP bis 2025
- Statista / IWF: Spanien – Wachstum des realen BIP bis 2030
- taz: Was Spanien besser macht – Das spanische Wirtschaftswunder
- DZ Bank Research: Warum Spaniens Wirtschaft stärker wächst als die deutsche
- GTAI: Wirtschaftsausblick Spanien
- Wikipedia: Wirtschaft Spaniens
- BDEW: Spanien hält am Ausbau der erneuerbaren Energien fest
- Global Energy Monitor: Spaniens Führungsposition bei Solarenergie
- NZZ: Spanien gegen Trump – Sánchez verbietet US-Basen-Nutzung
- Euronews: Anti-Trump-Front – Sanchez versammelt internationale Politiker
- ZDF heute: Bürgergeld-Reform – Wenig Einsparungen, aber viel Druck
- Correctiv: Das Bürgergeld – Die hartnäckigsten Behauptungen im Faktencheck
- Euronews: Der Kanzler hat sich verschätzt – Kaum Einsparungen mit Bürgergeld
- Handelsblatt: Unternehmen kritisieren CDU-Ankündigungen zum Heizungsgesetz
- GTAI: Wirtschaftsausblick Dänemark
- Statista / IWF: Dänemark – Wachstum des realen BIP bis 2030
- WKO: Dänemark-Wirtschaftsbericht
- Infosperber: Dänemark – Beim Klimaschutz vieles richtig gemacht
- Statistisches Bundesamt: BIP Q2 2025 – internationaler Vergleich
- evangelisch.de: Klimadialog – Merz wirbt für „Koalitionen der Willigen" (22. April 2026)
- NABU / WUZ: Petersberger Klimadialog muss auf Unabhängigkeit setzen
- Rhein-Neckar-Zeitung / dpa: Wie weiter beim Klimaschutz? Kanzler Merz bezieht Stellung