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Warum mich eine Schreibwerkstatt in Meißen mit der Kirche versöhnt hat

Foto: Blick in eine Hofeinfahrt an einem historischen Gebäude
Hinter diesem Tor ist die Evangelische Akademie auf dem Meißner Burgberg. Foto: Dr. Kerstin Schimmel
Von: Bürgerjournalismus in Sachsen
1955 wurde die Meißner Schriftstellerin Inge Krause aus der Christenlehre ausgeschlossen - weil ihr ein Taufschein gefehlt hat. Jahrzehntelang bleib diese Erfahrung ein stiller Schmerz. Erst viele Jahre später, in der Schreibwerkstatt der Evangelischen Akademie Meißen, öffnete sich für sie plötzlich eine Tür.

Ein persönlicher Bericht von Inge Krause

Weinböhla 1955. Ich ging in die erste Klasse. Nach Schulschluss trotteten meine Klassenkameradinnen und Klassenkameraden zur Christenlehre. Da durfte ich nicht fehlen. Neugierig und gespannt hörte ich der Katechetin zu, wie sie von Jesus und seinen Jüngern erzählte. Hier wollte ich wieder dabei sein. Am Ende der Stunde rief sie mich nach vorn. „Bitte bringe beim nächsten Mal deinen Taufschein mit!“

Als meine Eltern am Abend von der Arbeit nach Hause kamen, fragte ich sofort danach. Doch sie erklärten mir, dass ich keinen Taufschein habe, weil ich nicht getauft bin. Trotzdem ging ich noch einmal mit zur Christenlehre. Gleich zu Beginn forderte die Katechetin erneut den Nachweis. Ich konnte ihn nicht erbringen und musste den Raum verlassen. Tieftraurig verstand ich nicht, warum alles von diesem einen Schein abhing.

Dieses Erlebnis hat mich geprägt und mich unterschwellig bis 1997 begleitet. Die Kirche hatte es in den Jahren der DDR schwer. Erst ein Hinweis meiner Freundin Christina half mir später zu verstehen, dass die Katechetin damals kaum Handlungsspielraum hatte.

Nach der Wende standen zunächst berufliche Aufgaben und die persönlichen Folgen des gesellschaftlichen Umbruchs im Vordergrund. Dennoch blieb die Kindheitsenttäuschung präsent. Nach meinem Belletristikstudium in Hamburg wollte ich am Schreiben dranbleiben und erfuhr von der Schreibwerkstatt der Evangelischen Akademie Meißen. Ich meldete mich an – innerlich darauf vorbereitet, erneut abgewiesen zu werden, weil ich keiner Kirche angehöre. Doch es kam anders.

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Späte Bewältigung eines Kindheitstraumas

Ich erinnere mich an die erste Schreibgruppe 1997. Zehn Menschen saßen an einem runden Tisch. Viele erzählten von ihren Kirchgemeinden. Ich sagte lediglich, dass ich konfessionslos sei und aus Freude am Schreiben teilnehme. Überraschung war spürbar. Anfangs hörte ich mehr zu, später fiel es mir leichter, meine Sicht einzubringen. Ob alle Teilnehmenden so tolerant waren, wie es die Schreibwerkstatt anstrebte, ließ sich nicht erkennen. Für mich aber überwog das Gefühl, aufgenommen zu sein.

Die Teilnahme fühlte sich an wie eine späte Bewältigung des Kindheitstraumas. Was waren die Beweggründe der Evangelischen Akademie, so offen zu handeln? Eine Antwort fand ich in ihrer Geschichte.

Die Evangelische Akademie Meißen wurde 1949 gegründet. Initiator war der Pfarrer und Schriftsteller Otto Riedel. Sein Anspruch war es, „zwischen Theologen und Gliedern anderer Berufsstände […] Klarheit über gegenwartsnahe und zukunftsträchtige Lebensfragen“ zu suchen. Dieser Ansatz richtete sich nicht nur an Christen. Geprägt wurde die Akademie insbesondere durch das Ehepaar Muntschick, das für eine Atmosphäre sorgte, in der Gegensätze zugunsten des Gemeinsamen zurücktraten.

Nach dem Umzug in den Klosterhof St. Afra Anfang der 1990er Jahre wurde das Programm erweitert. Neben Religion traten Politik, Kultur und Jugend. In diesem Zusammenhang entstanden die Schreibwerkstätten.

Ein Raum für den Austausch

Dr. Kerstin Schimmel, seit über 30 Jahren Studienleiterin und verantwortlich für die Schreibwerkstätten, beschreibt den Ansatz so: Ziel sei es, allen Interessierten Raum für Austausch auf Augenhöhe zu geben und kreative Formen der Auseinandersetzung zu ermöglichen. Die Schreibwerkstätten hätten neue Personengruppen erreicht und früh einen Ost West Dialog eröffnet. Anfangs seien sie kritisch betrachtet worden, da man Spaß statt ernsthafter Inhalte hinter dem kreativen Arbeiten vermutete. Inzwischen habe sich das Bild gewandelt, auch wenn kreative Formate bis heute schwerer zu fördern seien als klassische Vorträge.

Die Verkürzung der Werkstätten aus Kostengründen wurde von vielen Teilnehmenden kritisch gesehen. Dennoch sichern Offenheit, Themenvielfalt und der besondere Ort im Klosterhof seit Jahrzehnten den Erfolg dieser Arbeit.

Die Schreibstunden verlaufen meist reibungslos, auch wenn es gelegentlich Spannungen gibt. Die Räume im Klosterhof, in denen wir arbeiten, atmen Geschichte. Wenn es kühl ist oder die Akustik schwierig, hilft mir der Gedanke an ihr Alter. Das gemeinsame Schreiben bringt uns einander näher – wie früher das gemeinsame Essen im Kloster.

Auch Nichtchristen sind willkommen

Alle sind willkommen, sagt Dr. Schimmel: Christen, Nichtchristen, Menschen anderer Religionen und solche, denen Kirche nichts bedeutet. Angebote wie „Das Wort an den Tag“ sollen einladen, nicht verpflichten. Aus meiner Erfahrung prägt diese Freiheit die besondere Atmosphäre der Schreibwerkstätten. Sie führt zu intensiven Gesprächen, manchmal zu Streit, oft zu Nähe – und gelegentlich zu Freundschaften.

So auch zu der zwischen Christina D. aus dem Vogtland und mir. Mein Buch „Dreiviertelhundert bunte Bilder mit Worten gemalt“ geht auf die Schreibwerkstatt „Bilder“ 2019 zurück. Christina war begeistert, nutzte die Texte für ihre Arbeit, und aus dieser Begegnung entstand eine herzliche Freundschaft, die bis heute trägt.

Erst durch sie verstand ich rückblickend auch das Erlebnis von 1955 neu. In der Zeit Walter Ulbrichts stand die Kirche unter massivem Druck. Selbst wenn die Katechetin mich hätte aufnehmen wollen, hätte sie mit schweren Konsequenzen rechnen müssen. Dieses Wissen verändert meinen Blick auf sie – auch wenn sich die kindliche Enttäuschung nicht ungeschehen machen lässt.

Christina beschreibt ihre Sicht so: Sie schätzt die Angebote der Evangelischen Akademie, die Begegnungen mit unterschiedlichen Menschen und deren Lebenswirklichkeiten. Konfessionszugehörigkeit spiele für sie keine Rolle – neugierig sei sie auf den Menschen. Als Christin empfinde sie den Klosterhof St. Afra als Ort mit Ausstrahlung und geistiger Kraft. Für sie sei die Arbeit der Akademie Ausdruck gelebter Nächstenliebe.

Im Januar 2027 steht die nächste Schreibwerkstatt unter dem Motto „Wenn wir den Wald sterben lassen, verlieren Worte ihren Sinn“ (Günter Grass).

Ich werde wieder dabei sein – und mit Vorfreude durch die Tür gehen, die in der Evangelischen Akademie auch für mich offensteht.


Angaben zur Autorin:
Inge Krause, 1947 geboren im sächsischen Weinböhla, seit mehr als 50 Jahren in Meißen lebend, ist Autorin von Kurzgeschichten und Gedichten und hat einen Roman und ein Kinderbuch veröffentlicht. Ihr literarisches Rüstzeug holte sie sich in einem Fernstudium, diversen Schreibwerkstätten und verschiedenen Vereinigungen von Autoren. So steht sie mit regionalen und überregionalen Autoren in bereicherndem Austausch. Zuletzt sammelte sie Erfahrungen im von der Volkswagenstiftung geförderten Projekt „Bürger machen Journalismus“ des Zentrums Journalismus und Demokratie der Universität Leipzig und des Deutschen Journalisten-Verbands Sachsen.



Dieser Artikel ist im Rahmen des Projekts "Bürger machen Journalismus" entstanden.
Mehr Informationen zum Projekt - und wie auch Sie teilnehmen können - finden Sie unter: www.buergerjournalismus-sachsen.de

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