Ein persönlicher Bericht von Inge Krause
Weinböhla 1955. Ich ging in die erste Klasse. Nach Schulschluss trotteten meine Klassenkameradinnen und Klassenkameraden zur Christenlehre. Da durfte ich nicht fehlen. Neugierig und gespannt hörte ich der Katechetin zu, wie sie von Jesus und seinen Jüngern erzählte. Hier wollte ich wieder dabei sein. Am Ende der Stunde rief sie mich nach vorn. „Bitte bringe beim nächsten Mal deinen Taufschein mit!“
Als meine Eltern am Abend von der Arbeit nach Hause kamen, fragte ich sofort danach. Doch sie erklärten mir, dass ich keinen Taufschein habe, weil ich nicht getauft bin. Trotzdem ging ich noch einmal mit zur Christenlehre. Gleich zu Beginn forderte die Katechetin erneut den Nachweis. Ich konnte ihn nicht erbringen und musste den Raum verlassen. Tieftraurig verstand ich nicht, warum alles von diesem einen Schein abhing.
Dieses Erlebnis hat mich geprägt und mich unterschwellig bis 1997 begleitet. Die Kirche hatte es in den Jahren der DDR schwer. Erst ein Hinweis meiner Freundin Christina half mir später zu verstehen, dass die Katechetin damals kaum Handlungsspielraum hatte.
Nach der Wende standen zunächst berufliche Aufgaben und die persönlichen Folgen des gesellschaftlichen Umbruchs im Vordergrund. Dennoch blieb die Kindheitsenttäuschung präsent. Nach meinem Belletristikstudium in Hamburg wollte ich am Schreiben dranbleiben und erfuhr von der Schreibwerkstatt der Evangelischen Akademie Meißen. Ich meldete mich an – innerlich darauf vorbereitet, erneut abgewiesen zu werden, weil ich keiner Kirche angehöre. Doch es kam anders.