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Kommentar: Beicha braucht keine Beschwichtigungen

Kommentar: Beicha braucht keine Beschwichtigungen
An der Wippe war auch Blut. Foto: privat
Neun Verletzte, ein verängstigtes Dorf und bisher keine Festnahme. Nach der Gewaltnacht von Beicha wächst das Gefühl, dass der Staat nicht schützt. Dieses Gefühl ist gefährlich.

Ein Kommentar von Ulf Mallek

Ein Dorffest mit 128 Einwohnern, ein Bierzelt neben dem Spielplatz, die Feuerwehr lädt ein. Mehr Heimat geht nicht. Am Ende der Nacht zum 27. September liegen in Beicha neun Verletzte auf dem Festplatz. Sechs kommen ins Krankenhaus. Am nächsten Morgen wischen die Leute Blut von der Kinderwippe.

Was danach kommt, ist für viele im Ort fast so schwer zu ertragen wie die Gewalt selbst. Die Polizei hat das mutmaßliche Fluchtauto noch in der Nacht in Döbeln gestoppt. Sie hat die Personalien aufgenommen, und dann durften die Insassen weiterfahren. Es fehlten Blut an der Kleidung oder eine Tatwaffe, heißt es. Ein Kriseninterventionsteam für die Verletzten, ihre Familien und die Helfer war nicht vor Ort, weil kein Massenanfall von Verletzten ausgerufen wurde. Es sitzt niemand in Haft. Bisher gibt es keinen Zeugenaufruf und keine Antwort auf die Frage, ob Messer im Spiel waren. Die Polizei bittet um Geduld.

Geduld kann man von Menschen verlangen, die sich sicher fühlen. Die Menschen in Beicha fühlen sich nicht sicher. Angeblich sollen einige der nichtdeutschen Angreifer am Tag danach zurückgekommen sein und gedroht haben, Häuser anzuzünden, wenn jemand redet. Natürlich gilt der Rechtsstaat auch für mutmaßliche Schläger. Für Untersuchungshaft braucht es einen dringenden Tatverdacht gegen eine bestimmte Person und einen Haftgrund. Das ist richtig so. Aber der Rechtsstaat ist eben auch den Opfern etwas schuldig. Er muss sichtbar ermitteln, offen informieren und den Menschen erklären, warum etwas geschieht oder nicht. Eine Polizeimeldung mit einer „körperlichen Auseinandersetzung mit mehreren Beteiligten“ wird dem, was in Beicha passiert ist, nicht gerecht.

Zur Offenheit gehört auch, nicht zu verschweigen, was man weiß. Im Dorf ist von auswärtigen Angreifern die Rede, viele halten sie für nicht deutsch. Die Polizei hat dazu nichts gesagt. Wer schweigt, überlässt das Thema den Gerüchten und den sozialen Netzwerken. Herkunft erklärt keine Tat. Aber wenn die Behörden etwas wissen und es dem Ort vorenthalten, wirkt das wie Vertuschung.

Dass der Staat handeln kann, wenn er will, haben die Menschen im Osten nicht vergessen. In der Corona-Zeit wurden Kontaktverbote, Ausgangssperren und Bußgelder mit großer Härte durchgesetzt, bis zum Spaziergänger auf der Parkbank. Wer das erlebt hat, versteht nicht, warum nach einer Massenschlägerei mit neun Verletzten die Verdächtigen nach einer Ausweiskontrolle wieder nach Hause fahren.  Daraus wächst ein Gefühl, das man hierzulande an Wahlabenden ablesen kann: Viele Menschen trauen den etablierten Parteien nicht mehr zu, sie zu schützen. Davon profitiert vor allem die AfD. Wer das ändern will, gewinnt Vertrauen nur dadurch zurück, wenn er Gewalt konsequent verfolgt, egal wer sie ausübt.

Das Gefährlichste wäre, wenn sich in Dörfern wie Beicha die Überzeugung festsetzt: Wenn die Polizei uns nicht schützt, müssen wir es selbst tun. Selbstjustiz ist keine Lösung. Sie ist das nächste Verbrechen und trifft am Ende oft die Falschen. Gerade deshalb darf der Staat keinen Raum dafür lassen. Das Gewaltmonopol bleibt nur so lange unbestritten, wie die Menschen spüren, dass es auch für sie da ist.

Die Polizeidirektion Chemnitz und die Staatsanwaltschaft sollten deshalb jetzt erklären, was sie wissen. Wie viele Tatverdächtige gibt es? Wurden Spuren gesichert? Gibt es einen Zeugenaufruf? Hat man die Drohungen gegen das Dorf überprüft? Beicha braucht keine Beschwichtigung. Beicha braucht Antworten, und zwar bald.