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Ein Jahrhundert Werkskapelle am größten Chemiestandort Sachsens. Ein Leben für die Musik – Herbert Winde erzählt

Kopie eines Zeitungsartikels von 1936 mit Titel "Der Friedrich von Heyden-Marsch" und einem abgedruckten Foto einer Musikkapelle mit zwei Dutzend uniformierten Musikern samt ihrer Blas- und Schlag-Instrumente
Werkskapelle 1936, Foto: Werkszeitung 1936
Von: Bürgerjournalismus in Sachsen
Fragt man jemanden nach dem größten Chemiestandort Sachsens, erhält man nur selten die Antwort „Nünchritz“. Seit 1998 gehört der Standort zur bayerischen Wacker Chemie AG. Doch bis zur Auflösung der DDR blickt das Werk auf eine bewegte sächsische Geschichte zurück, die eng mit dem Unternehmensgründer Friedrich von Heyden verbunden ist.

Ein Bericht von Ralf Nitsche

Aus dem Unternehmen gingen nicht nur bedeutende chemische Patente und Produkte hervor, sondern auch musikalische Traditionen. Eine besondere Rolle spielte dabei der Rechtsanwalt Dr. A. Schmidt, der bereits 1936 den „Friedrich-von-Heyden-Marsch“ komponierte. Dieser wurde am 3. Oktober 1936 von der damals 25 Mann starken Werkskapelle uraufgeführt; und da bestand das Orchester schon einige Zeit.

Das älteste Mitglied der Werkskapelle, Herbert Winde, der Ende April seinen 88. Geburtstag feierte, erinnert sich:

Ich war schon als Jugendlicher musikalisch interessiert. Hausmusik hatte nicht nur in unserer Familie einen hohen Stellenwert. Es wurde viel gesungen, und vorhandene Instrumente wurden intensiv genutzt. So meldete mich meine Mutter, als ich 9 Jahre war, zum Geigenunterricht an. Immerhin 5 Mark musste man für eine Unterrichtsstunde zahlen.

Als ich 1960 dann als Lehrmeister an der zum Chemiewerk gehörenden Berufsschule begann, erfuhr der damalige Orchesterleiter von meiner Musikalität. Ich konnte ja bereits etwas Geige spielen. Eines Tages kam er zu mir und sagte nur: „Nächsten Donnerstag ist 17 Uhr Probe.“ Und plötzlich war ich Orchestermitglied – denn gemeinsames Musizieren macht einfach mehr Freude.

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Herbert Wind mit Waldhorn 1976.
Foto: privat                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                

Allerdings waren meine Fähigkeiten auf der Violine noch ausbaufähig. Also nahm ich zur Festigung noch mal knapp zwei Jahre Unterricht. Für mich war das eine wunderbare Erfahrung, und mein musikalisches Gespür half mir sehr dabei.

Das Orchester wurde mit der Zeit wie eine zweite Familie. Durch die Freundschaft zu einem tschechischen Orchester entwickelte es sich zunehmend zu einem Blasorchester. Damit stand für mich erneut ein Instrumentenwechsel an – diesmal zum Waldhorn, einem der anspruchsvollsten Blasinstrumente der klassischen Musik.

Nun ist Waldhorn völlig anders als Violine. Auch dafür war eine zusätzliche Ausbildung notwendig und das Orchester unterstützte mich dabei.

Das Orchester wuchs stetig. In den 1970er Jahren traten viele Blasmusiker ein. Ich hatte in dieser Zeit ständig Probleme mit meinen Lippen. Offenbar vertrug sich das Mundstück nicht mit meinem Mund. Deshalb übernahm ich die große Trommel mit Becken – und blieb bis 2024 dabei. Da war ich immerhin schon 86 Jahre alt. Und jetzt sogar, zu meinem Geburtstagsständchen konnte ich mal wieder selbst „bummsen“ mit der Trommel. Was mir viel Freude bereitete.

Die schönste Zeit im Orchester war für mich die DDR-Zeit. Da war der Zusammenhalt am größten und viele Veranstaltungen, auch oft mit den Ehepartnern, waren stets intensive Erlebnisse. Aber auch die neuen Herausforderungen danach waren immer spannend. Die Werkskapelle reiste zu Partnerbetrieben und Partnerorchestern, spielte bei zahlreichen Veranstaltungen des Trägerbetriebes und war in ganz Sachsen unterwegs. Es gibt sogar heute noch Stammgäste, die das Orchester seit über 45 Jahren regelmäßig buchen.

Auch wenn ich aus Altersgründen nicht mehr aktiv mitspiele, versuche ich doch möglichst oft als Ehrengast dabei zu sein. Es ist einfach schön. Ich wünsche mir, dass die Kapelle noch lange bestehen bleibt und viele Menschen Freude an der Musik haben.


Werkskapelle 1976
Foto: privat                                                                                                                                                                                                                 


Seit wann es im 1899 gegründeten Unternehmen erstmals eine Kapelle gab, ist heute leider nicht genau überliefert. Es liegt jedoch nahe, dass neben Wissenschaft und Technik auch die Kunst von Beginn an einen festen Platz im Werk hatte. Darauf verweist auch die Orchesterchronik, die seit dem 10. Oktober 1949 – dem Datum der Neugründung der Werkskapelle – intensiv geführt wird. Bis heute besteht die Kapelle fort, seit 1998 als Verein unter dem Namen „Blasorchester der Wacker Chemie AG“.

Mittlerweile ist das Orchester mit nunmehr etwa 15 aktiven Mitglieder in die Jahre gekommen, da einerseits der Nachwuchs fehlt und anderseits das Interesse an den durchaus vorhandenen „musikalischen Chemiewerkern“ bisher nicht mehr geweckt werden konnte. Trotzdem wäre das Orchester über jeden Neuzugang sehr froh.

Dieser Mangel an Musikern bewirkt aber auch, dass man stets im Austausch mit anderen, befreundeten Orchestern ist, um die Auftritte absichern zu können. Deshalb spielen manche Musiker in mehreren Orchestern. Aber Musik hält jung und dies kann man bei den zirka acht bis zehn Auftritten im Jahr immer wieder spüren. Nicht nur das Chemiewerk besitzt als größter Chemiestandort Sachsens eine besondere Stellung – auch die Werkskapelle dürfte zu den ältesten, betrieblich geförderten Orchestern des Freistaates gehören.


Info:
28. Juni 2026, 11 Uhr, Blattersleben (Gemeinde Priestewitz):
Frühschoppen mit dem Blasorchester der Wacker Chemie AG, im Rahmen des Sport- und Heimatfestes Blattersleben und Porschütz


Dieser Artikel ist im Rahmen des Projekts "Bürger machen Journalismus" entstanden.
Mehr Informationen zum Projekt - und wie auch Sie teilnehmen können - finden Sie unter: www.buergerjournalismus-sachsen.de

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