Die Wein-Enkelin
Ein Porträt von Alexandra Burghardt
Ein Weinberg in Radebeul. Vom Terrassenberg reicht der Blick weit in das Elbtal hinein. Bis Cossebaude und Dresden, die in der Ferne liegen. Es ist warm und es weht ein Wind an diesem Freitagabend.
Zwischen den Weinreben Julia Sendler, 27 Jahre jung. Sie streicht sich die langen braunen Haare aus dem Gesicht und bindet geschickt einzelne Triebe an den Metalldrähten fest. Vor ein paar Wochen hat sie die Reben ausgegeizt. Dabei werden die Teile ausgebrochen, die keine Trauben tragen oder zu dicht stehen. „Stehen die Triebe zu dicht, sind sie anfälliger für Krankheiten. Jetzt werden sie gegipfelt, also gekappt, damit sie nicht unendlich in die Länge wachsen und die Rebe ihre Energie in die Reifung der Trauben lenkt“, erklärt sie weiter. Julia Sendler weiß, was sie tut.
Eigentlich arbeitet die studierte Wirtschaftsinformatikerin als Projektleiterin für IT-Projekte bei SAP. Sie liebt ihren Job bei dem Softwareunternehmen, doch nach Feierabend und an den Wochenenden zieht es sie immer wieder in den Weinberg. „Der Weinbau ist meine Leidenschaft“, sagt sie mit einem Lächeln. Die Arbeit im Weinberg erdet sie und ist ein Ausgleich für ihre geistig anspruchsvolle Tätigkeit im Büro. Nicht die Verbindung zur Natur zu verlieren, das ist ihr wichtig.
Julias Liebe zum Weinbau wurde ihr in die Wiege gelegt.
Sie ist froh, dass sie seine Geräte übernehmen konnte. Denn fallen die Kosten für die Pacht der rund 460 qm eher weniger ins Gewicht, so sind die Folgekosten umso höher. Sie hat mehr als 300 Reben von Traminer, Weißburgunder, Müller-Thurgau und Souvignier Gris. Der Draht, die Spritzmittel, die Schutzausrüstung, die Miete für die Spritzdrohnen - da kommt einiges zusammen. Auch für die Instandhaltung und Reparatur der Trockenmauern sind die Pächter verantwortlich.
Julia Sendler gehört zu den rund 1200 Kleinwinzerinnen und -Winzern in Sachsen, die sich der Bewirtschaftung der oft steilen Weinberge im Elbtal verschrieben haben. Hier ist Handarbeit gefragt, weil der Einsatz von Maschinen kaum möglich ist. Carsten Puhlmann vom Verein Weinbaugemeinschaft Radebeul-Niederlößnitz e.V. betont, dass die Kleinwinzer entscheidend zum Erhalt der einzigartigen Kulturlandschaft im Elbtal beitragen.
„Der indirekte Mehrwert für die Immobilienwirtschaft, den Tourismus und die Betriebe, die sich hier ansiedeln, wird häufig unterschätzt. Wir wollen die Kulturlandschaft im Elbtal mit seinen Steillagen erhalten und brauchen Nachwuchswinzer in den Weinbaugemeinschaften, wenn wir den Generationenwechsel meistern wollen“. Puhlmann berichtet, dass es in seiner Weinbaugemeinschaft momentan keine freien Weinberge gibt. „Wir machen viel für die Nachwuchsgewinnung. Wir haben zum Beispiel ein monatliches Jungwinzertreffen in unserer Besenschänke „Zur Gemse“ eingeführt.“ Julia Sendler schätzt diesen Austausch sehr, die Gemeinschaft und die Unterstützung, die sie durch den Verein erfährt.
Das Thema Wein hat Julia Sendler nie losgelassen. Sie befasste sich auch wissenschaftlich mit dem Thema. In der Schule fertigte sie ihre Komplexe Leistung, eine Facharbeit zu einem selbstgewählten Thema, über die Auswirkungen der Reblausplage (1885-1907) auf den sächsischen Weinbau an. In einer umfangreichen wissenschaftlichen Arbeit, der Besonderen Lernleistung (BELL), die ein mündliches Prüfungsfach im Abitur ersetzt, untersuchte die Wirtschaftsabiturientin Formen der Schädlingsbekämpfung im Weinbau. Die Prüfung bestand sie mit Bravour und anschließend wollte sie sogar Önologie studieren. „Ich habe mich aber dann doch für Wirtschaftsinformatik entschieden und während meines Studiums meine Mutter bei den Arbeiten im Weinberg unterstützt, die diesen Weinberg seit 2017 gepachtet hatte“, erzählt sie.
Als ihre Mutter im letzten Jahr starb, hat sie den Weinberg übernommen, auch um das Andenken Ihrer Mutter zu bewahren und die Familientradition weiterzuführen. Die Arbeit mit den Reben haben ihr geholfen, den Tod ihrer Mutter zu verarbeiten. „Ich komme auch in den Weinberg, wenn gerade keine Arbeiten anstehen. Es ist eine eigene Welt, man vergisst alles um sich herum. Ich sehe im Weinbau Parallelen zum Leben. Es ist wie ein ewiger Kreislauf, das Wachstum im Frühling, die Arbeiten, die sich nach den Jahreszeiten richten, schließlich im Herbst die Ernte“, erzählt sie.
Dann verstaut sie das Werkzeug, setzt sie sich auf die Bank an die noch warme Mauer und schaut über den Weinberg weit ins Elbtal hinein.
Dieser Artikel ist im Rahmen des Projekts "Bürger machen Journalismus" entstanden.
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