Logo Die Sachsen News
Nachrichten / Meißen News

Die Gratulantin

zwei ältere Damen sitzen im Grünen bei Kuchen und Sekt an einem Tisch und unterhalten sich
Gundula Rabe (rechts) steht heute im Mittelpunkt - Friedrun Lindner (68) gratuliert zum 85. Ehrentag. Foto: Nancy v. Raven
Von: Bürgerjournalismus in Sachsen
Die Moritzburger Kirchnerin Friedrun Lindner auf Geburtstagsmission.

Ein Erlebnisbericht von Nancy v. Raven

Die Haustür steht offen, Friedrun Lindner tritt über die Schwelle und befindet sich sofort inmitten einer fröhlichen Geburtsrunde. Eine junge Frau begrüßt sie freudig: „Schwester Friedrun, wie schön, Großmutter hat Sie schon erwartet“.

Friedrun Lindner ist die gute Seele der Gemeinde und verantwortet den Besuchsdienst der evangelischen Kirche in Moritzburg. Sie ist langjährige Kirchnerin und war Schwester in der örtlichen Arztpraxis. Als Mutter von fünf Kindern hat sie viel erlebt. Der Besuchsdienst ist für sie eine Herzensangelegenheit und gelebte Nächstenliebe. In Moritzburg gibt es zum Geburtstag nicht einfach eine Karte in den Briefkasten. Friedrun Lindner koordiniert ein Team aus vier Frauen, die den Gemeindemitgliedern zu runden hohen Geburtstagen ganz persönlich gratulieren. Die Blumen für die Geburtstagssträuße stellt sie im eigenen Garten zusammen. Die Karte überreicht sie den Jubilaren im Namen der Pfarrerin persönlich.

Ihr Ziel heute: Elsa Hofmann, die ihren 85-jährigen Geburtstag zuhause auf dem Hof ihrer Familie feiert. Hier wird man nicht eingeladen, hier ist man einfach da. Das gilt auch für die Gratulantin und das wissen auch die Nachbarn. Die Kaffeetafel ist eingedeckt mit Zwiebelmuster. Elsa hat eigens beim Bäcker Kuchen backen lassen, nach ihrem Rezept und mit ihren eigenen Zutaten wie der selbstgemachten Johannisbeermarmelade, die den Kleckselkuchen so besonders macht. Dazu gibt es noch Kokoskuchen und Eierschecke, schön gewürfelt, als bunte Teller auf der Tafel. Kaffee wird hier noch selbst gebrüht. Angestoßen wird mit Rotkäppchen halbtrocken. Und natürlich dürfen auch die Hackepeterschnittchen nicht fehlen.

Mehr aus dieser Kategorie

Herzlich wird Friedrun zum Bleiben eingeladen. Sie gratuliert Elsa, wünscht Glück und Gottes Segen und schnell erfährt sie viel über das Geburtstagskind, die Familie, über das Dorf und auch die neuesten Nachrichten aus der Nachbarschaft. Den Hof hat Elsa mit ihrem Mann geführt. Inzwischen hat Sohn Hugo übernommen und möchte die alte Scheune und den Kälberstall in eine gemütliche Landpension verwandeln. Die Hühner und Hahn Kunibert werden Elsa erhalten bleiben, sie sind ihre ganze Freude. Gegen Mittag leert sich dann die Kaffeetafel. Am Nachmittag wird die Verwandtschaft erwartet. Und auch Friedrun verabschiedet sich, nicht ohne eine Packung bunte Eier im Gepäck, die sie gegen eine kleine Gabe in die Kasse des Vertrauens erstanden hat.

Doch nicht überall wartet eine fröhliche Festgesellschaft. „Manchmal bin ich der einzige Gast“, berichtet Friedrun Lindner. Die Kinder sind in die Ferne gezogen, Ehepartner, Freunde und Verwandte nicht mehr unter uns. „Gerade diese Menschen freuen sich besonders über meinen Besuch“, so die Gratulantin. „Hier nehme ich mir gerne die Zeit zuzuhören. Das ist für viele etwas Seltenes und oft erhalte ich noch Monate später bei zufälligen Begegnungen im Dorf ein Dankeschön in Form eines ‚Das hat mir wirklich gutgetan, kommen Sie doch mal wieder bei mir vorbei‘.“

Friedrun weiß viel über die Lebensgeschichte der Menschen im Ort. Und wie dankbar, doch die meisten auf ihr Leben zurückblicken trotz so mancher Schicksalsschläge und auch wenn es im Alter nicht immer so einfach ist.

Die letzte Station heute ist Gundula, auch sie feiert ihren 85. Geburtstag. 2014 aus Bayern nach Moritzburg gezogen, musste sie vor sechs Jahren von ihrem geliebten Mann Abschied nehmen. Froh ist sie, dass Sohn und Schwiegertochter nebenan wohnen, auch wenn ihre Schwestern und der Enkel aus Argentinien heute nicht in Moritzburg sein können. Gundula liebt Krimsekt und serviert Kirsch-Streuselkuchen, genau so, wie sie ihn vor 60 Jahren zum ersten Mal für ihren Mann gebacken hat. Als leidenschaftliche Rosengärtnerin hat sie den Geburtstagstisch im Garten gedeckt. Als das Telefon klingelt – die Schwestern Barbara, Viktoria und Erika wollen gratulieren – verabschiedet sie sich herzlich. „Ich freue mich sehr, dass jemand an mich denkt an meinem Geburtstag“, ruft sie Friedrun Lindner noch nach.


Dieser Artikel ist im Rahmen des Projekts "Bürger machen Journalismus" entstanden.
Mehr Informationen zum Projekt - und wie auch Sie teilnehmen können - finden Sie unter: www.buergerjournalismus-sachsen.de

Bürgerjournalismus  in Sachsen
Artikel von

Bürgerjournalismus in Sachsen

Bürgerjournalismus in Sachsen ist für die Inhalte selbst verantwortlich. Es gilt der Kodex der Plattform. Die Plattform prüft und behandelt Inhalte gemäß den gesetzlichen Vorgaben, insbesondere nach dem NetzDG.

Social Media