Logo Die Sachsen News
Nachrichten / Meißen News

Alkoholsucht: Lost in Kroppen - Teil 2

Foto: Ortseingangsschild Kroppen an einer Straße, die an dörflichen Häusern und Bäumen vorbeiführt. Der Himmel ist heiter.
Lost in Kroppen: Schöner Ort, aber Busverkehr ist selten. Foto: Andreas Schrock
Von: Bürgerjournalismus in Sachsen
Enrico, 51 Jahre, kämpft seit Jahren mit einem Alkoholproblem. Nach einem ersten Entzug folgte kurze Zeit später ein Rückfall. Er verlor seinen Führerschein, gab seine Selbstständigkeit auf. Zum Schluss folgte die Scheidung. Tief am Boden beschloss Enrico einen Neustart und ging nochmal für drei Wochen nach Radebeul zur qualifizierten Entgiftung.

Ein Feature von Jutta Wolff

Lesen Sie Teil 1 hier

Nach seiner Entlassung suchte Enrico die für ihn nächstgelegene Suchtberatung auf. Gemeinsam mit der Beraterin, gingen sie die nun folgenden Schritte durch, die ihm helfen sollen, abstinent zu bleiben und seinen Führerschein wieder zu bekommen. Da ihm in nächster Zeit eine Knie-OP bevorstand, konnte er sich noch nicht für eine stationäre Langzeittherapie anmelden. Dennoch oder gerade auch deshalb, sollte er engmaschig betreut werden und sich einer Selbsthilfe-Gruppe anschließen. Zudem hatte er einige Termine bei der Agentur für Arbeit und sonstigen Behörden.


„Mein anfänglicher Enthusiasmus wurde durch die Realität schnell wieder ausgebremst“, meinte Enrico enttäuscht, „ ich wollte unbedingt alles schaffen und wirklich neu anfangen, aber plötzlich hatte ich das Problem der fehlenden Mobilität. In Kroppen kannst du wirklich schön und ruhig wohnen. Aber wehe, du willst das Dorf verlassen und hast kein Fahrzeug, beziehungsweise Führerschein.“


Nicht nur überall zu bekommen, sondern auch super günstig: Droge Alkohol.
Quelle: Statistisches Bundesamt                                                                                                                                 


Um irgendwie aus diesem Dorf zu kommen, muss er mit dem Bus nach Ortrand, um dort mit dem Zug weiterzufahren. Der Bus fährt nur Montag bis Freitag, am Wochenende bleibt man schließlich in Kroppen. Die meisten Linien werden auch nur in der Schulzeit bedient. In den Ferien ist es ganz schwer den Ort zu verlassen. Abends geht der letzte Bus gegen 19 Uhr zurück.

Die Selbsthilfegruppe, in die er gehen möchte, ist in Großenhain. Während seiner Entwöhnung in Radebeul hatte sich diese Gruppe unter anderem in der Klinik vorgestellt und er befand diese als für ihn passend. Start ist um 18 Uhr, meist dauert das bis 20 Uhr. Theoretisch unmöglich, für Enrico hin- und zurückzukommen! Aber er hat Glück, seine Eltern wohnen in Großenhain, sodass er mittwochs jetzt immer bei seinen Eltern übernachtet, um zur Selbsthilfegruppe gehen zu können.

Durch die wöchentliche Übernachtung, wurde das Verhältnis zum Vater sehr angespannt und Enrico beschloss die Selbsthilfegruppe 2-wöchig zu besuchen, um den Frieden zu bewahren.  Zur psychologischen Beratung wegen der Vorbereitung zur MPU (Medizinisch-Psychologische Untersuchung) muss er nach Dresden, das gestaltet sich zuweilen schon sehr schwierig.

Mehr aus dieser Kategorie


Man kommt einfach schlecht weg: Bushaltestelle in Kroppen (Unterdorf).
Foto: Andreas Schrock                                                                                                                                                                           


Die Agentur für Arbeit vermittelte ihm eine Maßnahme, die führte ihn eine Zeitlang bis Senftenberg. Enrico war häufig sehr verzweifelt und Verzweiflung kann Suchtdruck erzeugen und dem immer Stand zu halten, war sehr schwer. „Du verbringst irre viel Zeit an Bushaltestellen und auf Bahnhöfen,“ sagt Enrico. „Das ist Zeit, die ich jetzt so gerne anders nutzen würde. Ich bin manchmal so frustriert, wenn wieder die Bahn ausfällt oder sich verspätet. Da würde ich am liebsten zum nächsten Kiosk laufen…!“

Im Zuge der MPU-Vorbereitung muss Enrico seine Abstinenz durch Haar- oder Urinproben beweisen. Und zwar dann, wenn sie abgefordert wird, das heißt adhoc, morgen oder übermorgen. Da kann man schon ins Schwitzen geraten, um den Termin einzuhalten, wenn man auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen ist.


Enrico mit Blick zum Fenster
Foto: Jutta Wolff                                                                                                                                                                             

Das Dorfleben hat für abstinente Alkoholiker aber noch andere Tücken. Man kann einfach nirgends hin. Unten im Hof sitzen die alten Kumpels und trinken ihr Bierchen, wie eh und je. „Am Anfang konnte ich mich nicht dazu setzen, das war nicht machbar. Ich hatte zu viel Lust mitzutrinken, aber genau das wollte ich ja auch nicht mehr, diese Crux machte mich manchmal wahnsinnig“, denkt Enrico zurück. Dann saß er allein in seiner Wohnung, manchmal wehmütig, aber wenn der Abend dann rum war, auch voller Stolz, dass er stark geblieben war.

Enricos Leben bekam wieder Struktur und das ist so wichtig. Eine feste Struktur bietet Stabilität, fördert gesunde Gewohnheiten, reduziert Stress und Unsicherheit, unterstützt soziale Interaktionen, ermöglicht Selbstreflexion, stärkt das Selbstwertgefühl durch das Erreichen von Zielen und fördert Eigenverantwortung und Selbstkontrolle.

„In der Gesellschaft ist Alkohol 24/7 verfügbar.“
Jutta Wolff, Suchtberaterin
Enrico hat seitdem nur noch selten Gedanken an Alkohol, da hat er Glück. Viele trockene Alkoholiker haben sehr oft das Verlangen und den Gedanken an Alkohol. Im täglichen Leben wird man auch ständig damit konfrontiert. Lächelnde Menschen grinsen mit der Bierflasche in der Hand von Plakatwänden. Im Supermarkt, mal abgesehen von den Getränkeabteilungen, welche man ja umgehen kann, wird an den Kassen noch der kleine Schluck zum Mitnehmen angeboten. Keine Fernsehsendung ohne Alkohol. Weihnachtsfeiern im Betrieb, Geburtstagsfeiern mit Freunden, der Alkohol ist gesellschaftsfähig. Wer das Gläschen Sekt in der Runde ablehnt wird nicht selten belächelt. Alkohol ist 24/7 verfügbar und das noch zu sehr günstigen Preisen.“


In Deutschland wird massiv für Alkohol geworben.
Quelle: Bundesverband der Deutschen Spirituosen-Industrie und ‑Importeure e.V.

Das macht es Menschen mit einer Alkoholerkrankung nicht leicht. Diese Suggestionen im täglichen Leben, lassen oft zweifeln, ob ein Leben so ganz ohne Alkohol überhaupt lebenswert ist. Manchmal kommen dann Gedanken auf, dass es doch funktionieren muss mit dem kontrollierten Trinken. Tut es nicht und vor allem macht es nicht glücklich!!

„Ich bin so froh, dass ich es nochmal angepackt habe..“
Einrico zu seinem Entzug

Das Gehirn hat gelernt das Alkohol eine Belohnung ist und das vergisst es nicht, wurde ja meist auch jahrelang darauf trainiert. Das bedeutet, wenn Enrico ein Glas Bier oder ähnliches trinkt, erinnert sich sein Suchtgedächtnis und baut ein Verlangen in seinem Kopf auf, das kann sich ein nicht Süchtiger kaum vorstellen. Seine Gedanken kreisen dann nur noch darum, wann es wieder was gibt. Grauenhaft.

Enrico weiß das, das hat er gelernt aus seinem Rückfall, man ist so schnell wieder da drin, in diesem alten Kreislauf. „Ich bin so froh, dass ich es nochmal angepackt habe, ich habe wieder Ziele, Lebensmut und Freude. Ich weiß, dass mein Weg noch nicht zu Ende ist, aber ich fühle mich stabil. Diese Erkrankung wird immer Teil meines Lebens sein und ich muss immer am Ball bleiben, damit ich eine zufriedene Abstinenz leben kann.“, sagt Enrico heute. Das große Ziel ist jetzt, den Führerschein wieder zu erlangen, denn ohne Auto, beziehungsweise Fahrerlaubnis ist man wirklich LOST IN KROPPEN.

Wir wünschen an dieser Stelle Enrico alles erdenklich Gute! Die Jobsuche wird mit Führerschein sicherlich kein Problem werden. Er besucht weiterhin seine Selbsthilfegruppe, die ihm immer mit Rat und Tat zur Seite steht und für die er ein wertvolles Mitglied geworden ist. Vielen Dank auch an die beiden Mitarbeiterinnen der RASOP, die ihm so viel ermöglicht und stets toll beraten haben.

Info:
Rasop (Radebeuler Sozialprojekte) www.rasop.de/suchtberatung-meissen 


Dieser Artikel ist im Rahmen des Projekts "Bürger machen Journalismus" entstanden.
Mehr Informationen zum Projekt - und wie auch Sie teilnehmen können - finden Sie unter: www.buergerjournalismus-sachsen.de

Bürgerjournalismus  in Sachsen
Artikel von

Bürgerjournalismus in Sachsen

Bürgerjournalismus in Sachsen ist für die Inhalte selbst verantwortlich. Es gilt der Kodex der Plattform. Die Plattform prüft und behandelt Inhalte gemäß den gesetzlichen Vorgaben, insbesondere nach dem NetzDG.

Social Media