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Projekt Carolabrücke: Vier Büros, eine Frage – wie viel Platz braucht das Auto?

Projekt Carolabrücke: Vier Büros, eine Frage – wie viel Platz braucht das Auto?
Beim Bürgerdialog am 18. März präsentierte die Arbeitsgemeinschaft FHECOR+TSSB bereits weit fortgeschrittene Entwürfe. Visualisierung: FHECOR+TSSB/Foto: CdH
Von: Cornelius de Haas
Beim offenen Bürgerdialog im Dresdner Stadtforum haben die vier beauftragten Planungsbüros am Mittwoch erste Ideen für den Wiederaufbau der Carolabrücke vorgestellt. Hunderte Dresdnerinnen und Dresdner diskutierten mit Architekten und Ingenieuren über Fahrspuren, Gestaltung und städtebauliche Visionen. Alle Infos zum Planungsstand und den nächsten Beteiligungsschritten.

Rund anderthalb Jahre nach dem Einsturz eines Teils der Carolabrücke im September 2024 hat Dresden heute den Startschuss für den öffentlichen Beteiligungsprozess zum Wiederaufbau gegeben. Im Stadtforum drängten sich Hunderte Bürgerinnen und Bürger, um mit den vier beauftragten Planungsbüros ins Gespräch zu kommen – und anders als vorab angekündigt gab es durchaus konkrete Entwürfe zu sehen.

Vier Büros, vier Ansätze

Vom Stadtrat beauftragt wurden FHECOR+TSSB aus Berlin und Dresden, das Ingenieurbüro GRASSL, Leonhardt, Andrä und Partner Beratende Ingenieure VBI sowie die Schüßler-Plan Ingenieurgesellschaft. Sie alle präsentierten im Messeformat ihre Ideen und sammelten Rückmeldungen ein. Die Besucherinnen und Besucher entschieden selbst, mit wem sie ins Gespräch kommen wollten – Themen waren Gestaltung, Materialien, Verkehrsführung und die städtebauliche Einbindung der künftigen Brücke.

Das Messeformat wurde gut angenommen und war von Beginn bis zum Ende ebenso gut besucht. Foto: CdH

Susanne Prüfer, Leiterin des Straßen- und Tiefbauamtes Dresden, zog ein positives Fazit: „Es war ein reger und intensiver Austausch, der für alle Aufwendungen in der Vorbereitung entschädigt. Wir haben das Ohr an der Masse."

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FHECOR+TSSB: Eine Brücke statt drei Züge

Den mutigsten Entwurf präsentierte die Arbeitsgemeinschaft FHECOR+TSSB. Architekt Jan Tröber erläuterte das bereits als Modell gezeigte Konzept: „Wir wollen die Bögen der ersten Carolabrücke und das Filigrane der zweiten miteinander verbinden." Geplant sei ein Sandsteinsockel sowie ein einziges Deck statt der bisherigen drei getrennten Brückenzüge. Mit 32 Metern Breite wäre der Bau einen Meter schmaler als erlaubt – aber flexibler: Möglich seien sowohl vier als auch zwei Fahrspuren für den Autoverkehr. Bei der schmaleren Variante könnten eine Radvorrangroute und breitere Fußwege entstehen. Auch die Lage der Straßenbahntrassen – seitlich oder mittig – bleibe in der Planung offen.

So sieht die Idee der Arbeitsgemeinschaft FHECOR+TSSB vom Elberadweg betrachtet aus. Visualisierung: FHECOR+TSSB/Foto: CdH

Leonhardt, Andrä und Partner: Flexibel bis hin zum Theater

Thomas Werner von Leonhardt, Andrä und Partner betonte die Offenheit seines Büros: „Wir planen selbstverständlich mit vier Fahrspuren, wie es vorgegeben ist. Sollten die Diskussionen aber zu anderen Prämissen führen, sind wir beweglich." Besonders auffällig: Die Planer denken auch den Raum unterhalb der Brücke mit. Auf der Altstädter Seite könnte ein überdachter Busbahnhof entstehen, auf der Neustädter Seite geschlossene Räume für Veranstaltungen wie die Filmnächte. Werner skizzierte eine weitreichende Vision: Unterhalb des Bauwerks könnte überdachter Raum im bislang ungekannten Ausmaß entstehen – groß genug sogar für ein Theater oder einen überdachten Spielplatz. 

Brückendesignerin Anthea Schneider ergänzte: „Uns geht es darum zu verstehen, was die Dresdner wollen. Unserer Gestaltungsfreiheit sind aber Grenzen gesetzt." Um das geforderte Lichtraumprofil einzuhalten, sei etwa eine Hängebrücke denkbar – fürs Stadtbild eine Sandsteinverkleidung.

GRASSL und Schüßler-Plan: Zuhören statt zeigen

Das Ingenieurbüro GRASSL entschied sich bewusst, keinen Entwurf zu präsentieren. „Wir zeigen hier nichts, damit Dresden vier unterschiedliche Entwürfe erhält und nicht vier gleiche", erklärte einer der beteiligten Planer. Das Format verstehe man eher als eine Art „Detektivarbeit": Gespräche und Anregungen der Bürgerinnen und Bürger sollen helfen, die richtige Lösung für diese sensible städtebauliche Stelle zu finden. Bauingenieur Hans Grassl fasste die Haltung des Büros schlicht zusammen: „Die Brücke muss zu Dresden passen. Wir untersuchen verschiedene Möglichkeiten."

Ähnlich verfuhr Schüßler-Plan, das gemeinsam mit DKFS Architekten antritt. Auch hier standen Befragungen der Besucherinnen und Besucher im Vordergrund – zu Nutzungsgewohnheiten, bevorzugten Verkehrsmitteln und Gestaltungswünschen. Eine gezeigte Verkehrssimulation verdeutlichte, dass der Verkehrsfluss selbst bei nur zwei Fahrspuren funktionieren könne – ausschlaggebend seien die Kreuzungspunkte. Architekt Dirk Krolikowski stellte das Konstruktionsprinzip vor: einen effizienten Hybrid aus Beton für die Flutbrücke und Stahl für den übrigen Teil – eine Bauweise, die den Zeitplan beschleunigen soll. Dass die Idee einer schmaleren Brücke nicht bei allen gut ankam, verschwieg er nicht: Ein Taxifahrer unter den Besuchern hatte seinen Unmut darüber unverhohlen geäußert.

Bürger bringen sich ein

Auf Klebezetteln hielten die Besucherinnen und Besucher ihre Wünsche fest. Gefordert wurden unter anderem eine zeitgemäße, aber historisch verwurzelte Konstruktion, ein sparsamer Umgang mit Baumaterialien sowie eine gute Anbindung des Elberadwegs. Und immer wieder tauchte die gleiche Grundsatzfrage auf: zwei oder vier Autospuren?

Am Stand von FHECOR+TSSB.zeigte sich - wie auch beim Büro Schüssler - das der Großteil der Teilnehmer des Bürgerdialogs nicht primär auf das Auto setzt. Zudem scheint eine Mehrheit eine zweispurige Lösung zu präferieren. Foto: CdH

Jan Tröber zeigte sich beeindruckt von der Qualität des Austauschs: „Die verschiedenen Perspektiven geben uns Sicherheit für die nächsten Aufgaben." Projektmanagerin Grit Ernst schloss sich an: „Das Schöne war, dass es keine heftigen Kontroversen gab. Die Menschen haben ihre Liebe zur Stadt gezeigt. Großen Dank an alle Beteiligten."

Ausgebuchte Podiumsdiskussion

Die anschließende Podiumsdiskussion von 19 bis kurz nach 21 Uhr war mit 150 Plätzen vollständig ausgebucht. Die Stadt richtete eine Live-Übertragung in den angrenzenden Freiraum ein. Auf dem Podium saßen neben den vier Planungsbüros auch Baubürgermeister Stephan Kühn sowie Projektleiterin Grit Ernst; moderiert wurde der Abend von Stadtbezirksamtsleiter Christian Barth.

Nächste Schritte: Entwürfe bis Mai, Stadtratsentscheid im September

Die fertigen Entwürfe müssen bis zum 26. Mai vorliegen. Danach begutachtet eine Fachjury aus Experten der Stadtplanung, Architektur, des Ingenieurwesens und des Denkmalschutzes die Konzepte bis Juni. Im Sommer sind die Bürgerinnen und Bürger erneut gefragt – bevor der Stadtrat voraussichtlich am 3. September über einen Entwurf entscheiden wird.

Weitere Informationen und Unterlagen zum Beteiligungsprozess sind unter www.dresden.de/carolabruecke abrufbar. 

Cornelius de Haas
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Cornelius de Haas

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