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Neue Carolabrücke, alte Fehler? Dresdens Grüne stellen Vier-Spuren-Plan infrage

Ein großer Flachbildschirm zeigt eine digitale Visualisierung (Rendering) der neuen Carolabrücke in Dresden. Im Vordergrund der Darstellung sieht man eine grüne Wiese mit spielenden Menschen an der Elbe, im Hintergrund die moderne Brückenkonstruktion.
Vision für das Elbufer: Eine Computer-Simulation zeigt den möglichen Neubau der Carolabrücke. Beim Stadtforum in Dresden diskutierten Bürger und Fachleute intensiv darüber, ob die Brücke wie geplant vier Autospuren erhalten oder zugunsten von mehr Lebensqualität und Radwegen schmaler dimensioniert werden soll. Quelle: Screen-Shot, FHECOR+TSSB
Von: Cornelius de Haas
Der Stadtrat hat vier Fahrstreifen beschlossen, nicht nur Planer sagen, zwei reichen – und die Grünen fordern ein Umdenken, bevor eine neue Kostenfalle gebaut wird.

Dresden. Irgendwann in den 1990er Jahren muss jemand in einem Dresdner Planungsamt gedacht haben: Lieber zu viel als zu wenig. Breite Straßen, große Kreuzungen, Kapazitäten für eine Stadt, die wächst und wächst. Das Ergebnis steht heute noch – in Beton, in Fördermittelbescheiden, in Sanierungskosten.

Nun soll eine neue Brücke gebaut werden. Und die alte Frage stellt sich neu: Wie viel Straße braucht Dresden wirklich?

Die Grünen-Fraktion im Dresdner Stadtrat hat einen Antrag eingebracht, der eine der zentralen Entscheidungen zum Neubau der Carolabrücke wieder aufschnüren soll: die Vorgabe, vier Fahrstreifen für den Autoverkehr zu planen. Der Antrag ist ein direkter Angriff auf einen Stadtratsbeschluss vom Juni 2025 – und er trifft auf eine Debatte, die ohnehin längst in Bewegung geraten ist.

Susanne Krause, Sprecherin für Stadtentwicklung der Grünen-Fraktion, nennt konkrete Zahlen, um zu zeigen, was überdimensionierte Verkehrsplanung kostet: Der Tunnel am Wiener Platz müsse für rund 20 Millionen Euro saniert werden, die Waldschlößchenbrücke verursache jährlich 1,5 Millionen Euro Unterhaltungskosten. „Die Ergebnisse dessen müssen wir heute noch teuer bezahlen", sagt Krause – und meint damit das Planungsprinzip der 1990er Jahre, das auf möglichst großzügige Verkehrskapazitäten setzte. Als weitere Beispiele überdimensionierter Projekte nennt sie die vierspurige Waltherstraßenbrücke über den Güterbahnhof Friedrichstadt und die Weiterführung der Coventrystraße nach dem Autobahnanschluss.

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Krause warnt, dass sich dieses Muster bei der Carolabrücke wiederholen könnte – mit einer zusätzlichen Konsequenz: Wenn die Kosten für vier Autospuren dazu führten, dass die städtebauliche Anbindung der Brücke an Elbufer und Innenstadt – zwischen Synagoge und Carolaplatz – aus Kostengründen gestrichen werde, vergebe Dresden eine bedeutende Chance zur Aufwertung dieses Bereichs. Eine zeitliche Verzögerung durch eine Änderung des Beschlusses sei dabei nicht zu befürchten: Alle bisher vorgelegten Planungen ließen sich ausdrücklich auch mit weniger Spuren verwirklichen.

Dass die Grünen diesen Antrag jetzt stellen, ist kein Zufall. Erst kürzlich stellten die vier beauftragten Planungsbüros im Stadtforum erstmals ihre Konzepte vor – und machten dabei deutlich, dass die Breite der Brücke noch keine ausgemachte Sache ist. Varianten seien offen, sagte einer der Planer, alles sei technisch abbildbar. Entscheidend sei, was die Stadt politisch wolle.

Im Saal saßen Bürgerinnen und Bürger, Stadträte, Fachleute. Oft kam die gleiche Frage aus dem Publikum: Muss das so breit sein? Reicht das nicht auch anders? Auf den Moderationstischen stapelten sich Zettel aus der Bürgerbeteiligung – viele mit demselben Tenor: weniger Autospuren, mehr Raum für Rad- und Fußverkehr, mehr Gestaltung. Eine systematische Auswertung dieser Rückmeldungen steht noch aus.

Die Verkehrszahlen sprechen dabei eine zunehmend eindeutige Sprache. Trotz Bevölkerungswachstums geht der Autoverkehr in Dresden seit Jahren zurück. Dresdnerinnen und Dresdner sind heute stärker als früher mit Bus und Bahn, zu Fuß oder mit dem Fahrrad unterwegs. Wer die Carolabrücke für die nächsten Jahrzehnte plant, plant für eine Stadt, deren Mobilität sich bereits im Wandel befindet – nicht für die Verkehrsspitzen der Vergangenheit.

Die politische Linie im Rat verläuft dennoch klar. Team Zastrow und die CDU verweisen darauf, dass der Beschluss zur Vierstreifigkeit den Rahmen der weiteren Planung setze. Abweichungen müssten neu beschlossen werden, sonst drohten Verzögerungen. Auch aus der SPD kommen jedoch Signale, dass die Entscheidung nicht endgültig sein muss – der Stadtrat habe frühere Beschlüsse bereits angepasst, heißt es aus der Fraktion.

Der Bürgerdialog war dabei ausdrücklich auch als Lehre aus dem Konflikt um die Waldschlößchenbrücke gedacht. Damals hatte ein überwiegend technisch geführter Prozess die Bevölkerung gespalten. Diesmal sollte es anders laufen – ob das gelingt, hängt nicht zuletzt davon ab, ob die politischen Vorgaben noch veränderbar sind.

Die nächsten Schritte sind klar getaktet. Die Planungsbüros sollen ihre Entwürfe bis Ende Mai vorlegen, eine Fachjury bewertet anschließend die Arbeiten. Im Sommer folgt eine weitere Beteiligungsrunde, bevor der Stadtrat im Herbst erneut entscheidet. Der Antrag der Grünen dürfte diese Debatte schon vorher zuspitzen.

Die Carolabrücke steht damit exemplarisch für einen größeren Konflikt in der Stadtentwicklung Dresdens: Wie werden Infrastrukturprojekte dimensioniert, wenn Prognosen unsicher sind, Flächen begrenzt und Interessen unterschiedlich gewichtet werden?

Die Antwort darauf ist noch nicht gebaut.

Cornelius de Haas
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Cornelius de Haas

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