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„Hase und Igel“ gegen die Müllberge: Warum Dresden beim Altkleider-Chaos machtlos ist

Ein vollgestopfter oranger Altkleidercontainer an der Falkenstraße in Dresden mit davor aufgetürmten Kleiderhaufen vor einem mehrstöckigen Wohnblock.
Wertstoff-Krise an der Falkenstraße: Weil billige Kleidung den Markt überschwemmt, bricht das Sammelsystem zusammen. An Standplätzen wie der Falkenstraße stapeln sich die unbrauchbaren Textilberge vor den Containern. Foto: CdH
Von: Cornelius de Haas
Wer in Dresden alte Kleidung spenden will, steht oft vor wahren Müllbergen. Die Stadtverwaltung gesteht nun ein frustrierendes Katz-und-Maus-Spiel mit säumigen Entsorgern. Dahinter steckt eine bundesweite Krise, die jeden Verbraucher betrifft.

Dresden. Eine alte Jacke, ein Tütenberg, dazwischen etwas, das mal ein Kuscheltier war - wer an einem Altkleidercontainer in Pieschen, Prohlis oder Cotta vorbeiläuft, kennt das Bild. Der Container voll, daneben der Rest. Seit Monaten. Und die Stadt? Spielt nach eigenen Worten „Hase und Igel".

Hinter dem Dauerproblem steckt mehr als schlechte Arbeit einzelner Betreiber. Es ist eine Marktkrise, ein Gesetzgebungsvakuum - und mittendrin Dresden, das versucht, ein System zu retten, das unter den gegebenen Umständen eigentlich längst neu gedacht werden müsste.

Dresden sei mit seinem Angebot grundsätzlich gut aufgestellt und besser als viele andere Städte, sagt Thomas Kügler, Abteilungsleiter Abfallwirtschaft und Stadtreinigung im Amt für Stadtgrün und Abfallwirtschaft. „Punktuell gibt es in Dresden aber Probleme." In drei der zehn Dresdner Sammelgebiete erbringen die beauftragten Betreiber ihre Leistung dauerhaft nicht in ausreichender Qualität: Im Stadtbezirk Pieschen ist es die APR GmbH, in Prohlis die Profittex GmbH und im Stadtbezirk Cotta mit seinen Ortschaften die PR-Tex Recycling GmbH. Die Folgen sind sichtbar: überfüllte Container, Nebenablagerungen, Vermüllung - und ein Schneeballeffekt, der weitere illegale Entsorgungen anzieht.

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Ein Markt im freien Fall

Die Ursache für die Misere liegt nicht allein in mangelhafter Arbeit einzelner Betreiber. Sie liegt in einer bundesweiten Marktkrise, die das gesamte System der Alttextilsammlung erschüttert. Bis Ende 2024 sank der Marktpreis für gesammelte Alttextilien um mehr als 50 Prozent gegenüber dem Vorjahr - in besseren Zeiten erzielten Sammler bis zu 600 Euro pro Tonne. Heute ist das Geschäft für die meisten defizitär: Laut einer aktuellen Umfrage des Verbandes kommunaler Unternehmen betreiben 72 Prozent der kommunalen Entsorger in Deutschland die Alttextilsammlung inzwischen als Zuschussgeschäft, nur 28 Prozent erwirtschaften noch Erlöse.


Ein beigefarbener, mit Graffiti bespühter Altkleidercontainer am Carusufer in Dresden-Neustadt, neben dem Kleidung auf dem Gehweg liegt.
üllproblem am Carusufer: Ein überlaufender Altkleidercontainer und wild abgelegte Textilien blockieren den Gehweg in der Dresdner Neustadt. Das Phänomen überfüllter Sammelstellen zieht sich durch das gesamte Stadtgebiet. Foto: CdH

Treiber dieser Entwicklung ist Fast Fashion. Kleidung, die auf Verschleiß produziert wird, landet schnell im Container - aber als minderwertige Ware, die sich kaum noch verwerten lässt. 81 Prozent der befragten Unternehmen melden eine rückläufige Qualität der gesammelten Alttextilien, 35 Prozent sprechen von einer starken Verschlechterung, wie das Amt für Stadtgrün und Abfallwirtschaft im heutigen Hintergrundgespräch darlegte.

Auch beim Altpapier zeigt sich ein ähnliches Muster: Papier- und Glascontainer werden teils nicht regelmäßig geleert. Diese fallen unter das duale System – die Entsorgung ist Sache der Hersteller. In Dresden ist dafür die Firma Veolia zuständig. Veolia habe parallel mehrere Fahrzeugausfälle und einen überproportionalen Krankheitsausfall zu verzeichnen, erläuterte Kügler. Die Stadt sei mit dem Unternehmen in Kontakt und hoffe, die Probleme schnell beheben zu können.

Was Dresden jetzt plant - und was es kostet

Das laufende Standortkonzept für die Alttextilsammlung, nach dem zehn gemeinnützige und gewerbliche Betreiber die rund 420 Altkleidercontainer an Dresdner Wertstoffstandplätzen bewirtschaften, läuft zum 31. Dezember 2026 aus. Man wolle die zehn Gebiete erneut für zwei Jahre ausschreiben, sagte Kügler. Der Oberbürgermeister hat dem Stadtrat dazu eine Vorlage (V0852/26) vorgelegt. Beschlossen werden soll sie am 24. September 2026; erste öffentliche Beratungen in den Stadtbezirksbeiräten beginnen am 15. Juni.

Das Kontrollproblem mit säumigen Betreibern bleibt dabei eine offene Flanke. Das Verfahren ist langwierig: Werden Nebenablagerungen gemeldet, hat der Betreiber zunächst zwei Werktage Zeit zur Reaktion. Kommt er nicht nach, folgen Ankündigung und Androhung einer Ersatzvornahme - bis die tatsächlich greift, vergehen rund zwei Wochen. Und selbst dann zeigt das Instrument Grenzen. „Wenn wir eine Ersatzvornahme ankündigen, entsorgt das Unternehmen dort meist schnell die Textilien, dafür werden aber andere Container nicht geleert", beschrieb Kügler das Dilemma. „Wir spielen Hase und Igel."

Abgeschafft werden sollen die Container dennoch nicht - das sei ausdrücklich nicht das Ziel, betonte Kügler. „Wir wollen es zumindest versuchen, wenn der Stadtrat zustimmt", sagte auch Umweltbürgermeisterin Eva Jähnigen (Grüne). Die Alternative wäre, dass Alttextilien im Restmüll landen und über die Stadtreinigung entsorgt werden müssten - das sei nicht nachhaltig und für die Gebührenzahler kostspielig.

Allerdings müssen für alle zehn Gebietslose Angebote eingehen, um Dresden flächendeckend zu versorgen. Sollten nicht für alle Lose Betreiber gefunden werden, droht das Worst-Case-Szenario: Die Container-Sammlung würde in den betroffenen Gebieten eingestellt. Dresdnerinnen und Dresdner müssten ihre Altkleider dann zu einem der acht städtischen Wertstoffhöfe bringen.

Das geplante Textilgesetz als Ausweg

Mittelfristig soll die Kostenverantwortung dahin verlagert werden, wo sie hingehört: zu den Textilherstellern. Auf europäischer Ebene gilt seit Oktober 2025 eine neue Abfallrahmenrichtlinie, die erstmals eine verbindliche erweiterte Herstellerverantwortung für Textilien vorschreibt. Deutschland muss diese bis zum 17. Juni 2027 in nationales Recht umsetzen. Das Bundesumweltministerium hat dazu am 27. März 2026 ein Eckpunktepapier für ein deutsches Textilgesetz vorgelegt.

Das Prinzip: Hersteller tragen künftig die Kosten für Sammlung, Sortierung und Verwertung ihrer Produkte. Wer langlebige, gut recycelbare Kleidung in den Markt bringt, zahlt weniger - wer auf billige Fast-Fashion-Ware setzt, zahlt mehr. Angestrebt werden eine Sammelquote von 70 Prozent, eine Verwertungsquote von 95 Prozent und eine Recyclingquote von 85 Prozent, wie das Amt für Stadtgrün und Abfallwirtschaft mitteilte. Das Dresdner Standortkonzept soll so lange gelten, bis dieses Bundesgesetz greift und die Finanzierung neu geregelt ist.

Was Bürgerinnen und Bürger jetzt wissen müssen

Bis dahin gilt: In den Altkleidercontainer gehören saubere, trockene Kleidungsstücke, Wäsche, Tischwäsche, Federbetten, Decken und Schuhe. Nasse, verschimmelte oder stark verschmutzte Textilien gehören in den Restabfallbehälter - das soll mit der geplanten Satzungsänderung künftig ausdrücklich so festgeschrieben sein. Gut erhaltene Kleidung lässt sich auch direkt bei karitativen Einrichtungen abgeben.

Altpapier sammelt Dresden über drei Systeme: die Blaue Tonne mit zweiwöchentlicher Leerung, Depotcontainer an 295 Standplätzen sowie die Wertstoffhöfe. Pappen und Kartons sollten vor dem Einwurf zerkleinert werden. Die Papierkörbe im öffentlichen Raum hingegen sind ausschließlich für Unterwegsabfälle gedacht – man stelle immer wieder fest, dass dort Hausmüll entsorgt werde, um eigene Abfallgebühren zu sparen, so Kügler.

Mängel an Containerstandorten können über den Mängelmelder auf www.dresden.de gemeldet werden. Das Abfall-Info-Telefon ist unter 0351-4889633 erreichbar (Montag bis Freitag 8–12 Uhr, Dienstag und Donnerstag auch 13–17 Uhr).

Die Aktion „Deutschland trennt" macht am Mittwoch, 10. Juni, von 14 bis 18 Uhr an der Prager Straße (Skulptur „Völkerfreundschaft") und am Freitag, 19. Juni, von 14 bis 18 Uhr vor dem Kulturpalast Station. Zum Weltumwelttag am Freitag, 5. Juni, ist das Amt für Stadtgrün und Abfallwirtschaft von 14 bis 18 Uhr in der Zentralbibliothek im Kulturpalast, Wilsdruffer Straße 18, vertreten.

Cornelius de Haas
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Cornelius de Haas

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