Logo Die Sachsen News
Nachrichten / Dresden News

Experiment: Wäre die KI Stadtrat in Dresden, würde sie so beim Lingnerschloss entscheiden

Am 3. September entscheidet der Dresdner Stadtrat über die Zukunft des Lingnerschlosses.
Symbolbild Lingnerschloss / pixabay geoworld
Von: Thomas Wolf
Bohn und Kreider oder die gemeinnützige Fördergesellschaft? DIE SACHSEN NEWS hat die verfügbaren Konzepte, Angebote, Wirtschaftsdaten, öffentlichen Aussagen, die Geschichte des Lingnerschlosses und frühere Projekte der Beteiligten von einer KI nach 25 Kriterien bewerten lassen. Das Ergebnis fällt mit 86,2 zu 79,3 Punkten zugunsten der gGmbH aus. Doch die Analyse zeigt auch, warum Stadträte zu einer anderen Entscheidung kommen können.

Dresden. Was wäre, wenn am 3. September keine Fraktion, kein Investor und keine persönliche Beziehung über die Zukunft des Lingnerschlosses entscheiden würde, sondern eine Künstliche Intelligenz? Wir haben genau dieses Experiment gemacht.

Die Aufgabe an ChatGPT war bewusst nüchtern formuliert: Stell dir vor, du wärst Mitglied des Dresdner Stadtrates. Prüfe die beiden vorliegenden Modelle für das Lingnerschloss anhand nachvollziehbarer Kriterien und entscheide, welches aus Sicht der Stadt über die verbleibenden rund 44 Jahre des Erbbaurechts die geringeren Risiken und die größeren Sicherheiten bietet.

Das Ergebnis: 86,2 von 100 Punkten für die Fördergesellschaft Lingnerschloss gGmbH, 79,3 Punkte für das Modell von Thomas Bohn und Oliver Kreider.

Die KI würde damit nach heutigem Kenntnisstand für die gGmbH stimmen.

Dieses Ergebnis braucht allerdings eine Erklärung. Denn die KI kennt weder die handelnden Personen persönlich noch bewertet sie Sympathien oder politische Lager. Sie kann nur die Informationen beurteilen, die ihr zur Verfügung gestellt werden. Einige Zusagen sind durch Dokumente belegt, andere bislang lediglich öffentlich erklärt worden. Genau diese Unterschiede haben wir in der Bewertung berücksichtigt.

Mehr aus dieser Kategorie

So haben wir die KI prüfen lassen

Für die Analyse haben wir nach bestem Wissen die auffindbaren und uns vorliegenden öffentlich zugänglichen Informationen zu beiden Modellen zusammengetragen. Dazu gehören die veröffentlichten Konzepte von Bohn und Kreider, die Internetseite der Fördergesellschaft, deren Präsentation und achtseitiges schriftliches Zukunftskonzept, das verbindliche Angebot der gGmbH an den Insolvenzverwalter, öffentliche Aussagen der Beteiligten, die jüngste Pressekonferenz, Veröffentlichungen des bestehenden Fördervereins, Medienberichte, Informationen zum Insolvenzverfahren und Unterlagen zur Friedensburg in Radebeul.

Auch eigene bisherige Recherchen von DIE SACHSEN NEWS wurden einbezogen. Dazu gehören die ausführliche Darstellung der Pläne von Bohn und Kreider sowie die Position von CDU-Stadtrat Peter Krüger zur Entscheidung.

Das Lingnerschloss selbst bleibt dabei der Bezugspunkt der Analyse.

Die Bewertungsmatrix entstand bereits während der Recherche und wurde anschließend mit neuen Informationen aktualisiert. Damit sollte verhindert werden, die Kriterien nachträglich so auszuwählen, dass ein bestimmter Bewerber gewinnt.

Bewertet wurden 25 Punkte. Dazu gehören Finanzierung des Erwerbs, Finanzierung der weiteren Sanierung, Liquidität, Businessplan und Krisenszenarien ebenso wie öffentliche Zugänglichkeit, Einhaltung des Lingner-Testaments, Ausschluss einer Wohnnutzung, Denkmalschutz, Sanierungsfahrplan und langfristige Instandhaltung. Hinzu kamen Governance, mögliche Gesellschafterwechsel in der Laufzeit, Transparenz, Interessenkonflikte, Insolvenzschutz, bisheriger unternehmerischer Track Record, frühere Konflikte mit öffentlichen Interessen, lokale Verankerung, Ehrenamt und die Frage, wie schnell die jeweilige Lösung tatsächlich umgesetzt werden kann.

Jedes Kriterium erhielt zwischen null und fünf Punkten und eine vorher definierte Gewichtung. Die 25 Gewichte ergeben zusammen 100 Prozent. Eine gesicherte Finanzierung zählt damit beispielsweise stärker als eine interessante einzelne Veranstaltungsidee.

Zur Transparenz gehört auch: 86,2 zu 79,3 ist kein mathematischer Beweis dafür, dass eine Seite „besser“ ist. Schon die Gewichtung enthält eine Wertentscheidung. In dieser Analyse wurde langfristiger Schutz des öffentlichen Charakters ähnlich ernst genommen wie Finanzierung und wirtschaftliche Stabilität. Ein Stadtrat, der Umsetzungsgeschwindigkeit oder private Investitionsgarantien stärker gewichtet, kann deshalb sachlich zu einem anderen Ergebnis kommen.

Genau das zeigt CDU-Stadtrat Peter Krüger. Er hat sich für Bohn und Kreider entschieden.

„Für mich sprechen derzeit vor allem zwei Punkte für Bohn und Kreider: Die Finanzierung ist belastbar gesichert und das Konzept kann unmittelbar umgesetzt werden. Beim Lingnerschloss geht es auch darum, jetzt schnell Verlässlichkeit zu schaffen und weitere Verzögerungen zu vermeiden“, sagte Krüger gegenüber DIE SACHSEN NEWS.

Sein Argument taucht auch in der KI-Bewertung auf. In den Kriterien Finanzierung und Transaktionsreife liegen Bohn und Kreider vorne.

Die gGmbH hat ihre anfänglich größte Schwäche deutlich reduziert

Als die Gruppe um die Fördergesellschaft erstmals auftrat, war ihr Hauptproblem aus Sicht einer Due Diligence klar: Es gab ein gemeinwohlorientiertes Konzept, aber zunächst keinen öffentlich nachvollziehbaren Businessplan und keinen belastbaren Finanzierungsnachweis.

Das hat sich verändert.

Im inzwischen vorliegenden schriftlichen Konzept erklärt die gGmbH, insgesamt 1,9 Millionen Euro über Gesellschafterdarlehen zu erhalten. Das spätere verbindliche Angebot an den Insolvenzverwalter nennt einen Preis von 1,7 Millionen Euro zuzüglich Erwerbsnebenkosten und erklärt ausdrücklich, dass die Finanzierung durch die beteiligten Gesellschafter sichergestellt sei. Die benötigten Mittel würden bereitgestellt und garantiert.

Das Angebot wurde inzwischen auch notariell bestätigt beziehungsweise beurkundet und beim Insolvenzverwalter eingereicht. Damit ist die Fördergesellschaft nicht mehr lediglich eine Interessentengruppe mit einem Konzept. Sie hat ein konkretes Gegenangebot vorgelegt. Bohn und Kreider sind trotzdem einen Schritt weiter: Mit ihnen besteht bereits ein notarieller Übertragungsvertrag über 1,65 Millionen Euro, der bei Zustimmung des Stadtrates wirksam werden kann.

Auch wirtschaftlich hat die gGmbH nachgelegt. Das Konzept kalkuliert nach einer Anlaufphase mit 420.000 Euro jährlichen Einnahmen und 340.000 Euro Kosten. Daraus ergeben sich rechnerisch 80.000 Euro Überschuss. Zusätzlich sollen jährlich mindestens 100.000 Euro zweckgebundene Spenden eingeworben werden. Für laufende Instandhaltung sind bereits 60.000 Euro pro Jahr eingeplant.

Bei der jüngsten Pressekonferenz erklärte die Gruppe außerdem, die 1,9 Millionen Euro seien innerhalb des derzeitigen Gesellschafterkreises abgedeckt. Eine Beteiligungseinheit soll 95.000 Euro umfassen. Einige der momentan 15 Gesellschafter hätten zwei Einheiten übernommen. Auch öffentlich wurde inzwischen bestätigt, dass mindestens 95.000 Euro je Beteiligung vorgesehen sind und einzelne Beteiligte 190.000 Euro übernehmen.

Für die KI ist die Finanzierung deshalb mittlerweile weitgehend plausibel. Zur höchsten Bewertung fehlt allerdings weiterhin der Blick in die im Angebot erwähnte Investorenvereinbarung und die einzelnen Gesellschafterdarlehensverträge.

Stärker fällt der Unterschied bei der Struktur aus. Die gGmbH soll langfristig von bis zu 20 Beteiligten getragen werden. Bei der Pressekonferenz wurde erläutert, dass wesentliche Veränderungen über eine 75-Prozent-Mehrheit abgesichert werden sollen. Damit könnte weder ein einzelner Gesellschafter noch eine kleine Gruppe allein über die Zukunft des Schlosses bestimmen. Diese Regel muss allerdings noch durch den Gesellschaftsvertrag bestätigt werden.

Hinzu kommt die Gemeinnützigkeit. Das Konzept sieht keine gewöhnliche Gewinnausschüttung an die Gesellschafter vor. Überschüsse sollen in Denkmalpflege, Sanierung, Kultur, Barrierefreiheit und Betrieb zurückfließen. Die Gesellschafterdarlehen dürfen allerdings verzinst werden. Im Konzept sind drei Prozent pro Jahr vorgesehen.

Ein weiterer Pluspunkt ist die von der gGmbH angebotene Rückkaufoption für Dresden. Frank Wießner erklärte öffentlich, die Stadt solle das Erbbaurecht zurückkaufen können, wenn sie mit der Entwicklung nicht mehr zufrieden ist. Als Größenordnung wurde der gezahlte Kaufpreis genannt.

Sollte diese Regel tatsächlich ohne hohe zusätzliche Hürden vertraglich abgesichert werden, wäre sie für einen Zeitraum von 44 Jahren ein starkes Kontrollinstrument.

Die gGmbH hat aber auch einen klaren Schwachpunkt: Die privatwirtschaftliche DGM Event & Gastro GmbH & Co. KG soll nach dem Konzept die Bewirtschaftung, Gastronomie und Veranstaltungen übernehmen. Personen aus diesem wirtschaftlichen Umfeld gehören zugleich zur neuen Initiative.

Für eine gemeinnützige Gesellschaft ist deshalb wichtig, dass Miet-, Betreiber- und Veranstaltungsverträge marktüblich abgeschlossen und unabhängig kontrolliert werden. Andernfalls könnten wirtschaftliche Vorteile theoretisch aus der gemeinnützigen Gesellschaft in ein verbundenes Privatunternehmen verlagert werden. Dafür gibt es bislang keinen Beleg. Es ist ein klassisches Risiko, das eine Due Diligence prüfen muss.

Bohn und Kreider haben beim Tempo einen echten Vorteil

Wer am 3. September möglichst schnell eine umsetzbare Lösung möchte, findet bei Bohn und Kreider gute Argumente.

Ihr Übertragungsvertrag über 1,65 Millionen Euro ist bereits notariell geschlossen. Das Konzept steht, die Gesellschaft existiert, und Bohn und Kreider sagen zu, notwendige Investitionen in einer Größenordnung von mindestens ein bis zwei Millionen Euro privat zu tragen. DIE SACHSEN NEWS hatte die Planungen bereits ausführlich vorgestellt.

Der bestehende Förderverein sieht die beiden Unternehmer ebenfalls vergleichsweise positiv. Der Verein hatte sich im Juli öffentlich über das Auftreten der neuen Gruppe irritiert gezeigt und auf die bereits laufenden Gespräche mit Bohn und Kreider verwiesen. Gleichzeitig machen der Verein und seine mehr als 200 Mitglieder deutlich, welche Bedeutung das bisherige Ehrenamt für das Schloss besitzt.

Diese Vorgeschichte ist für die Bewertung wichtig.

Seit 2002 sind nach Angaben des Fördervereins mehr als 16 Millionen Euro in das Lingnerschloss geflossen. Das Geld stammte aus Spenden, Sachleistungen, betrieblichen Mitteln und Fördermitteln. Die größte Einzelspende betrug fünf Millionen Euro.

Dazu kommen viele tausend Stunden ehrenamtlicher Arbeit. Allein 2025 leisteten 45 Helfer 10.090 Stunden. Sie ermöglichten 202 Veranstaltungen und Vermietungen sowie 13.500 Besuche.

Das bedeutet: Egal welche Gruppe gewinnt, sie übernimmt wirtschaftlich kein unsaniertes Objekt. Ein großer Teil des heutigen Nutzwertes des Schlosses wurde bereits mit privaten Spenden, öffentlichen Mitteln, Sachleistungen und Ehrenamt geschaffen.

Die KI hat deshalb einen eigenen Punkt „Schutz des bereits geschaffenen Public Value“ aufgenommen. Hier schneidet die gGmbH aufgrund ihrer Gemeinnützigkeit besser ab. Das bedeutet nicht, dass Bohn und Kreider den vorhandenen Wert unzulässig privatisieren würden. Es bedeutet lediglich, dass bei einer gemeinnützigen Gesellschaft Überschüsse strukturell stärker an den Zweck gebunden bleiben.

Auch die Friedensburg in Radebeul wurde berücksichtigt. Oliver Kreider hatte dort über Jahre einen Konflikt mit der Stadt über die zukünftige Nutzung der Immobilie. Radebeul wollte unter anderem eine gastronomische und öffentlich zugängliche Nutzung sichern, während Kreider eine Wohnnutzung verfolgte. Das Sächsische Oberverwaltungsgericht erklärte den entsprechenden Bebauungsplan der Stadt später für unwirksam. Ein rechtswidriges Verhalten Kreiders stellte das Gericht nicht fest.

Für die Bewertung war die Friedensburg deshalb kein Ausschlusskriterium und keine persönliche Wertung gegen Kreider. Die KI leitete daraus lediglich ein Risiko ab: Wenn sich wirtschaftliche Interessen eines privaten Erbbauberechtigten und öffentliche Interessen später unterscheiden, müssen die Rechte der Stadt vertraglich belastbar sein.

Genau deshalb erhalten Bohn und Kreider gleichzeitig hohe Punkte für den bestehenden Heimfallschutz und die vertragliche Zweckbindung.

Das KI-Ergebnis: 86,2 zu 79,3, aber vier Unterlagen fehlen noch

Bewertung: 0 = nicht erfüllt, 5 = sehr gut erfüllt. Vorteil Bohn/Kreider Vorteil gGmbH Gleichstand
Nr. Kriterium Gewichtung Bohn / Kreider gGmbH Begründung
1 Finanzierung der Übernahme 6 % 5,0 4,8 Bohn/Kreider verfügen bereits über einen Übertragungsvertrag. Die gGmbH hat ein verbindliches notarielles Angebot abgegeben und erklärt die Finanzierung durch Gesellschafter für gesichert. Die Investorenvereinbarung wurde noch nicht geprüft.
2 Finanzierung weiterer Sanierungen 6 % 4,5 4,2 Bohn/Kreider wollen zusätzlich erhebliche private Mittel investieren. Die gGmbH bevorzugt Spenden, erklärt aber, dass ihre Gesellschafter notwendige Investitionen bei Bedarf ebenfalls finanzieren könnten. Dafür fehlt bislang eine verbindliche Garantie.
3 Laufende Liquidität 4 % 2,5 3,5 Die veröffentlichte Kalkulation der gGmbH weist 420.000 Euro Einnahmen und 340.000 Euro Kosten aus. Damit besteht rechnerisch ein größerer laufender Puffer.
4 Belastbarkeit des Businessplans 4 % 2,5 4,0 Die gGmbH veröffentlicht konkrete Einnahme- und Kostenpositionen. Offen bleibt, ob insbesondere die geplanten rund 500 Veranstaltungen pro Jahr dauerhaft erreichbar sind.
5 Worst-Case-Absicherung 3 % 2,0 3,0 Für beide Modelle fehlt ein vollständiger öffentlicher Stresstest. Die gGmbH hat allerdings zusätzliche Finanzierung durch Gesellschafter und einen möglichen Rangrücktritt bei Darlehen angekündigt.
6 Öffentliche Zugänglichkeit 7 % 5,0 5,0 Beide Modelle bekennen sich eindeutig zur dauerhaften öffentlichen Nutzung des Lingnerschlosses.
7 Umsetzung des Lingner-Vermächtnisses 7 % 4,8 5,0 Beide orientieren ihre Konzepte am Testament. Bei der gGmbH ist der Gemeinwohlzweck zusätzlich Bestandteil der gewählten Gesellschaftsform.
8 Ausschluss einer Wohnnutzung 4 % 5,0 5,0 Eine dauerhafte private Wohnnutzung soll bei beiden Lösungen ausgeschlossen bleiben.
9 Schutz des geschaffenen Public Value 4 % 3,0 4,8 Mehr als 20 Jahre Spenden, Fördermittel und Ehrenamt haben erheblichen Wert geschaffen. Bei der gGmbH bleiben erwirtschaftete Überschüsse grundsätzlich dem gemeinnützigen Zweck verpflichtet.
10 Kultur und gesellschaftliche Nutzung 3 % 4,5 4,8 Beide planen umfangreiche kulturelle Angebote. Die gGmbH verankert Vereins-, Bildungs-, Kino-, Kultur- und Charityangebote besonders breit.
11 Denkmalschutzkompetenz 4 % 4,5 4,5 Auf beiden Seiten sind relevante Erfahrungen mit Immobilien, Bau, Architektur und historischen Gebäuden vorhanden.
12 Konkreter Sanierungsfahrplan 5 % 3,5 4,5 Die gGmbH benennt unter anderem Fenster, Türen, Brandmeldeanlage, Dachterrasse, Parkett und weitere Innenbereiche als konkrete Maßnahmen.
13 Langfristige Instandhaltung 4 % 2,5 3,7 Die gGmbH kalkuliert bereits 60.000 Euro jährlich für Instandhaltung. Zusätzlich sollen Überschüsse und Spenden eingesetzt werden.
14 Übernahme des Baukostenrisikos 2 % 5,0 4,2 Bohn/Kreider sagen klar zu, die notwendigen Investitionen privat zu tragen. Die gGmbH setzt bei größeren Sanierungen bevorzugt zusätzlich auf Spenden.
15 Qualität des Nutzungskonzeptes 6 % 4,5 4,5 Beide Konzepte verbinden Gastronomie, Veranstaltungen, Kultur und öffentliche Nutzung nachvollziehbar.
16 Governance und Machtverteilung 5 % 2,5 4,7 Bei Bohn/Kreider konzentriert sich die Kontrolle auf zwei Personen. Die gGmbH verteilt sie auf einen größeren Gesellschafterkreis und kündigt qualifizierte Mehrheiten von 75 Prozent an.
17 Schutz bei Gesellschafterwechsel 4 % 4,0 4,3 Die gGmbH beschreibt Mechanismen zum Austausch und zur Aufnahme von Gesellschaftern. Der Gesellschaftsvertrag muss diese Regeln noch bestätigen.
18 Transparenz 2 % 4,0 4,5 Beide Seiten haben umfangreiche Informationen veröffentlicht. Die gGmbH kündigt zusätzlich regelmäßige öffentliche Berichterstattung an.
19 Related-Party- und Interessenkonflikte 3 % 3,5 2,5 Bei der gGmbH soll DGM Event & Gastro wesentliche operative Aufgaben übernehmen. Durch personelle Verbindungen müssen Vertragskonditionen und Marktüblichkeit besonders transparent kontrolliert werden.
20 Insolvenz- und Rückfallschutz 4 % 5,0 4,8 Bei Bohn/Kreider bestehen bereits starke Heimfallmechanismen. Die gGmbH bietet zusätzlich eine Rückkaufoption für Dresden an, deren genaue Vertragsgestaltung noch geprüft werden muss.
21 Unternehmerischer Track Record 3 % 4,5 4,0 Bohn und Kreider verfügen über einen klar belegbaren gemeinsamen Unternehmer- und Immobilien-Track-Record. Die gGmbH bündelt dafür Kompetenzen vieler unterschiedlicher Personen.
22 Historischer Umgang mit öffentlichem Interesse 3 % 2,5 3,0 Die Friedensburg ist bei Kreider ein relevantes historisches Risikosignal. Auf Seiten der gGmbH fließen frühere Konflikte zwischen Gastronomiebetrieb und Förderverein ebenfalls negativ ein.
23 Konflikt- und Vertragshistorie 2 % 2,5 2,5 Auf beiden Seiten existieren frühere Konflikte, die für eine langfristige Vertragsgestaltung relevant sind. Daraus ergibt sich für keine Seite ein klarer Vorteil.
24 Lokale Verankerung und Ehrenamt 2 % 4,5 4,0 Die gGmbH ist breit in Dresden verankert. Der bestehende Fördervereinsvorstand hat bislang allerdings das deutlich bessere Verhältnis zu Bohn/Kreider öffentlich dokumentiert.
25 Transaktions- und Umsetzungsreife 3 % 5,0 4,5 Bohn/Kreider haben bereits einen notariellen Übertragungsvertrag. Die gGmbH hat inzwischen ebenfalls ein verbindliches notarielles Angebot abgegeben, benötigt aber noch den eigentlichen Übertragungsvertrag.
Gewichtetes Gesamtergebnis 79,3 / 100 86,2 / 100 Vorsprung gGmbH: 6,9 Punkte

Hinweis zur Methodik: Die Bewertung basiert auf den öffentlich verfügbaren Konzepten, Angeboten, Dokumenten und öffentlichen Aussagen beider Bewerber sowie auf recherchierbaren Informationen zu bisherigen Projekten und Konflikten. Die Punktwerte stellen keine mathematisch objektive Wahrheit dar. Sie sind das Ergebnis einer gewichteten Due-Diligence-Analyse. Bei bislang nur mündlich oder öffentlich zugesagten Sicherheiten wurde ein Abschlag gegenüber vollständig dokumentierten Regelungen vorgenommen.

Nach Gewichtung aller 25 Kriterien kommt die Fördergesellschaft auf 86,2 von 100 möglichen Punkten. Bohn und Kreider erreichen 79,3 Punkte.

Die gGmbH gewinnt vor allem bei Governance, Gemeinnützigkeit, langfristigem Schutz des bereits geschaffenen gesellschaftlichen Wertes, Sanierungsplanung und der angebotenen Rückkaufmöglichkeit.

Bohn und Kreider liegen bei der unmittelbaren Umsetzbarkeit, dem bereits erreichten Vertragsstand, der privaten Übernahme des Sanierungsrisikos und dem belegbaren gemeinsamen unternehmerischen Track Record vorne.

Die KI würde deshalb nicht bedingungslos für die Fördergesellschaft stimmen.

Vor einer endgültigen Zustimmung möchte sie vier Unterlagen sehen: die Investorenvereinbarung, den Gesellschaftsvertrag, die Gesellschafterdarlehensverträge einschließlich möglicher Rangrücktritte sowie die konkrete vertragliche Ausgestaltung des Rückkaufrechts der Stadt.

Bestätigen diese Dokumente die öffentlich gemachten Aussagen, bleibt die gGmbH in der Bewertung vorne.

Fallen beispielsweise die angekündigte 75-Prozent-Regel, die Finanzierungsgarantien oder die Rückkaufoption schwächer aus als öffentlich dargestellt, müsste neu gerechnet werden. Dann kann der Vorsprung schrumpfen.

Auch deshalb ist das Ergebnis kein Urteil über die handelnden Menschen.

Die entscheidende Frage für die KI war eine andere: Welche Konstruktion funktioniert am zuverlässigsten, wenn die Menschen, die heute hinter ihr stehen, in zehn, zwanzig oder dreißig Jahren nicht mehr dieselben sind?

Bei einem normalen Immobiliengeschäft wäre die Antwort möglicherweise anders. Beim Lingnerschloss zählt aber das Testament Karl August Lingners. Auf der Internetseite des bestehenden Fördervereins wird sein Wunsch mit den Worten wiedergegeben, es solle „kein Etablissement für nur reiche Leute“ entstehen.

Hinzu kommen mehr als 20 Jahre Arbeit der Dresdner Stadtgesellschaft.

Aus diesen Gründen gewichtet die Analyse den langfristigen Schutz des öffentlichen Charakters hoch. Das gibt am Ende den Ausschlag für die gGmbH.

Peter Krügers Entscheidung für Bohn und Kreider zeigt zugleich, dass eine andere Abwägung sachlich begründbar bleibt. Wer Finanzierungssicherheit und schnelle Umsetzung stärker gewichtet, kann zu ihrem Modell gelangen. Wer den Blick stärker auf die Struktur der kommenden 44 Jahre richtet, landet nach unserer KI-Analyse bei der gemeinnützigen Fördergesellschaft.

Am 3. September entscheidet darüber keine KI.

Dann entscheidet der Dresdner Stadtrat.

Thomas Wolf
Artikel von

Thomas Wolf

Thomas Wolf ist für die Inhalte selbst verantwortlich. Es gilt der Kodex der Plattform. Die Plattform prüft und behandelt Inhalte gemäß den gesetzlichen Vorgaben, insbesondere nach dem NetzDG.

Social Media