Dresden: Was die Investoren aus dem Lingnerschloss machen wollen
Dresden. Lange hielten sie sich auffällig zurück - keine Interviews, keine Kampagne, während die Stadtpolitik über ihre Pläne stritt. Jetzt legen die Unternehmer Thomas Bohn und Oliver Kreider die Karten auf den Tisch: Auf einer eigens gestarteten Dialogplattform stellen sie erstmals im Detail vor, wie das Lingnerschloss unter ihrer Regie aussehen soll - und bitten die Dresdner ausdrücklich um Rückmeldung, Anregungen und auch Kritik.
Was am Schloss neu entstehen soll
Das Konzept baut auf Bewährtem auf und setzt zugleich auf frische Formate. Die Vortragsreihe und das „Kino am Schloss", über Jahre vom Förderverein getragen, sollen bleiben. Dazu kommen Ideen, die man an einem Denkmal so nicht erwartet: Sunset-Konzerte und Rooftop-Yoga auf der Dachterrasse, Astronomie-Nächte über dem Elbtal und ein eigens entwickeltes Outdoor-Escape-Game „Auf den Spuren von Lingner". Gründer-Abende und Vorträge zu Gesundheit und Wissenschaft sollen an das Erbe des Unternehmers und Hygiene-Museum-Gründers Karl August Lingner anknüpfen.
Auch das Drumherum soll sich wandeln: Im Erdgeschoss ist ein öffentliches Café mit Lingner-Shop geplant, das Schweizer Haus soll eine Vinothek beherbergen, der Biergarten auf den Terrassen zu sozial verträglichen Preisen weiterlaufen. Ein Skulpturenpark - gespeist aus Kreiders privater Sammlung - und ein Naturpfad an den Elbhängen sollen den Park bereichern.
Wie es zur Investorenlösung kam
Am Anfang steht eine Pleite. Ende November 2023 musste der Förderverein Lingner-Schloß e. V. Insolvenz anmelden - nach über zwei Jahrzehnten, in denen ehrenamtliche Mitglieder Millionen in die Sanierung des Denkmals gesteckt hatten. Nach einem Rechtsstreit mit der Stadt schloss Insolvenzverwalter Lucas F. Flöther am 21. April 2026 vor dem Oberlandesgericht Dresden einen Vergleich.
Auf dieser Grundlage unterzeichneten die Unternehmer Thomas Bohn (Dresden) und Oliver Kreider (Radebeul) Ende Juni beim Notar einen Vertrag: Für 1,65 Millionen Euro wollen sie das Erbbaurecht übernehmen - also das Nutzungsrecht am Areal für 44 Jahre, nicht das Schloss selbst. Zusätzlich verpflichten sie sich, Sanierung und Betrieb komplett privat zu finanzieren. Für die Stadt, so die Investoren, sollen dabei keinerlei Kosten entstehen.
Warum das Konzept ausgerechnet jetzt kommt
Der Zeitpunkt ist kein Zufall. Am 3. September entscheidet der Stadtrat, ob dieser Vertrag überhaupt in Kraft treten darf - und der Gegenwind nimmt zu. Nach der SPD hat nun auch die Grünen-Fraktion angekündigt, den gerichtlichen Vergleich abzulehnen. Sie verlangt zunächst das bereits 2023 beauftragte, bis heute nicht vorgelegte Schlösserkonzept und eine Perspektive für das gesamte Elbschlösser-Ensemble statt einer Vorfestlegung auf einen einzelnen Betreiber. Die kulturpolitische Sprecherin Ulla Wacker hält Kreider zudem für ungeeignet - und verweist auf die Radebeuler Friedensburg, die er nach Darstellung der Fraktion der Öffentlichkeit entzogen habe.
Rückendeckung erhalten die Investoren dagegen von Oberbürgermeister Dirk Hilbert (FDP), der Sorgen um eine Privatisierung zuletzt als übertrieben zurückwies. Genau in dieser Gemengelage setzen Bohn und Kreider nun nicht auf eine Medienkampagne, sondern auf den direkten Draht zu den Bürgern - in der Hoffnung, mit Offenheit zu überzeugen, wo die Politik mauert.
Was rechtlich gesichert ist - und was strittig bleibt
Vieles ist nicht Versprechen, sondern Vorschrift. Das Vermächtnis von Karl August Lingner aus dem Jahr 1916 bindet jeden Betreiber: öffentlicher Park, öffentliche Gaststätte, keine Wohnnutzung. Wer dagegen verstößt, riskiert den sogenannten Heimfall - die Stadt könnte das Nutzungsrecht zurückholen. Die Terrasse mit ihrem berühmten Blick auf das Blaue Wunder soll ausdrücklich öffentlich bleiben.
Kritiker sehen im Modell dennoch einen „Verkauf auf Zeit", bei dem die Investoren eine eigentümerähnliche Stellung erhielten. Die Betreiber halten dagegen: Eigentümerin bleibe die Stadt, das Erbbaurecht sei streng an die Auflagen gebunden.
Wie es weitergeht
Entschieden ist nichts. Bis zur Abstimmung im September läuft der Bürgerdialog - und damit die vielleicht entscheidende Phase, in der sich zeigt, ob das Konzept die Skepsis in der Stadt zerstreuen kann. Das letzte Wort aber hat der Stadtrat.