Eine wichtige Aufgabe wartet, doch plötzlich erscheinen Aufräumen, Kaffeekochen oder das Beantworten unwichtiger E-Mails erstaunlich dringend. Und obwohl wir längst satt sind, greifen wir nach einem anstrengenden Arbeitstag erneut zu etwas Süßem.
Viele Menschen kennen solche Situationen. Ebenso vertraut ist die Reaktion darauf: Wir ärgern uns über uns selbst. „Warum bekomme ich das nicht in den Griff?“, „Ich müsste disziplinierter sein“ oder „Jetzt reiß dich endlich zusammen“ sind typische Gedanken.
Kurzfristig entsteht dadurch vielleicht der Eindruck, wieder Kontrolle zu gewinnen. Langfristig hilft diese Härte jedoch selten weiter. Im Gegenteil: Selbstkritik kostet Kraft, verstärkt den inneren Druck und kann genau das Verhalten fördern, das wir eigentlich verändern möchten.
Hinter jedem Verhalten steckt eine Funktion
Die Dresdner Diplom-Psychologin und Coach Anne Pietag empfiehlt deshalb einen anderen Blick. Statt das unerwünschte Verhalten sofort zu verurteilen, lohnt es sich, neugierig zu werden: Welche Funktion erfüllt es – und welches Bedürfnis könnte dahinterstehen?

Wer ständig zum Smartphone greift, sucht möglicherweise nicht einfach nur Ablenkung. Vielleicht geht es um Kontakt, Information, Anerkennung oder das Gefühl, dazuzugehören. Wer in stressigen Situationen mehr isst, als ihm guttut, sehnt sich womöglich nach Entspannung, Sicherheit, Wärme oder Geborgenheit. Und hinter dem Aufschieben einer Aufgabe können Überforderung, Erschöpfung oder die Angst vor einem unzureichenden Ergebnis stehen.
Diese Bedürfnisse sind weder falsch noch ein Zeichen von Schwäche. Sie gehören zum Menschsein. Problematisch ist häufig nicht das Bedürfnis selbst, sondern die Strategie, mit der wir versuchen, es zu erfüllen.
Bedürfnisse verschwinden nicht, wenn wir sie ignorieren
Im beruflichen Alltag gelten Disziplin, Belastbarkeit und Durchhaltevermögen als wichtige Eigenschaften. Viele Menschen haben deshalb gelernt, ihre eigenen Bedürfnisse zurückzustellen. Müdigkeit wird übergangen, Anspannung heruntergespielt und der Wunsch nach Unterstützung als persönliche Schwäche bewertet.
Doch ein Bedürfnis verschwindet nicht, nur weil wir es ignorieren. Es sucht sich häufig einen anderen Weg, um auf sich aufmerksam zu machen. Je länger wir diesen Hinweis übergehen, desto deutlicher kann er werden – etwa durch Unruhe, Gereiztheit, Erschöpfung oder Verhaltensweisen, die wir anschließend wiederum kritisieren.
Der erste Schritt zu einer Veränderung besteht deshalb nicht darin, noch strenger mit sich zu werden. Hilfreicher ist es, anzuerkennen, dass hinter dem eigenen Verhalten ein nachvollziehbarer Grund stecken könnte.
Aus der vorwurfsvollen Frage „Was stimmt nicht mit mir?“ wird dann eine offenere Frage: „Was brauche ich gerade wirklich?“
Dieser Perspektivwechsel entschuldigt nicht automatisch jedes Verhalten. Er schafft aber die Voraussetzung dafür, eine passende Alternative zu finden.
Neue Strategien statt alter Gewohnheiten
Sobald das eigentliche Bedürfnis sichtbar wird, vergrößert sich der Handlungsspielraum. Wer Verbindung sucht, könnte bewusst einen Freund oder eine Kollegin anrufen, statt immer wieder auf das Smartphone zu schauen. Wer Entspannung braucht, kann einen kurzen Spaziergang machen, sich bewegen oder eine echte Pause einplanen. Wer eine Aufgabe aus Überforderung aufschiebt, kann sie in kleinere Schritte teilen oder um Unterstützung bitten.
Der Unterschied: Wir kämpfen nicht länger nur gegen das unerwünschte Verhalten. Wir kümmern uns um die Ursache.
Das erfordert Aufmerksamkeit und ein wenig Übung. Schließlich sind viele Gewohnheiten über Jahre entstanden. Doch schon die Bereitschaft, sich selbst mit mehr Neugier und weniger Härte zu begegnen, kann viel verändern.
Dabei hilft ein einfacher Gedanke: Wie würden wir mit einem guten Freund oder einer guten Freundin sprechen, die sich in derselben Situation befindet? Vermutlich würden wir nicht sagen: „Du bist einfach zu schwach.“ Wir würden zuhören, nachfragen, Verständnis zeigen und gemeinsam nach einer Lösung suchen. Genau diese Haltung dürfen wir auch uns selbst gegenüber einnehmen.
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Selbstführung beginnt mit Verstehen
Der Blick auf Bedürfnisse ist nicht nur im persönlichen Alltag hilfreich. Auch in Teams, Unternehmen, Familien und Beziehungen entstehen Konflikte häufig deshalb, weil vor allem über Positionen und Verhaltensweisen gestritten wird. Die Bedürfnisse dahinter bleiben dagegen unausgesprochen.
Nicht jeder Wunsch kann erfüllt werden. Doch wenn Menschen verstehen, was der jeweils andere wirklich braucht, entstehen eher tragfähige Kompromisse und gemeinsame Lösungen.
Im Coaching unterstützt Anne Pietag Unternehmerinnen und Unternehmer sowie Führungskräfte dabei, die Ursachen wiederkehrender Verhaltensmuster zu erkennen und neue, alltagstaugliche Strategien zu entwickeln.
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