Dresdens härteste Adresse: Ein Jahr Citywache am Wiener Platz
Dresden. Wer vom Hauptbahnhof in die Innenstadt will, kommt am Wiener Platz nicht vorbei. Seit Mai 2025 auch nicht an der Citywache: Im Erdgeschoss der Prager Spitze, Glasfront zur Straße, sitzen Polizisten, Ordnungsamt und Citymanagement Seite an Seite. Montags bis freitags, 13.30 bis 20.30 Uhr. Ein Jahr später ist die Bilanz gespalten.
Die Straßenkriminalität im Bereich Wiener Platz/Prager Straße sank laut Polizeilicher Kriminalstatistik um 37,5 Prozent, die Gewaltkriminalität um 22,5 Prozent. Die Rauschgiftkriminalität stieg um 10,6 Prozent – weil mehr Präsenz mehr Kontrollen bedeute und damit mehr erfasste Delikte, erklärte Polizeipräsident Lutz Rodig am Donnerstag auf der gemeinsamen Pressekonferenz von Polizeidirektion und Landeshauptstadt. Erster Bürgermeister Jan Donhauser sprach noch nicht von einem Erfolgsmodell: „Was wir bislang erreicht haben, erhält die Motivation, das Projekt weiterzubetreiben."
600 Anzeigen, mehr als ein Sechstel davon Jugendliche
Die Zahlen dahinter sind konkret: Mehr als 600 Strafanzeigen im vergangenen Jahr, rund 1.000 beschuldigte Personen – alle am Wiener Platz aufgegriffen, wenn auch nicht alle ihre Taten dort begangen. 48 gemeinsame Einsätze mit der Bereitschaftspolizei, neun Beamte eigens für die Strafverfolgung. Zwei Drittel der Fälle betrafen Ausländer, ein Drittel deutsche Staatsbürger. Was Rodig besonders beschäftigt: 18 Prozent der Fälle gehen auf das Konto Jugendlicher. Bundesweit liegt dieser Wert unter neun Prozent.
Rodig hatte auf der Pressekonferenz auch um Geld gebeten – der Stadtrat solle die nötigen Mittel im kommenden Doppelhaushalt bereitstellen. Donhauser antwortete trocken: Das sei bereits geschehen. 135.000 Euro jährlich seien eingestellt.
Die Kübel als Alibi
Dass der Wiener Platz kein leichter Fall ist, zeigt eine Nebengeschichte, die symptomatisch für das Ganze steht. Die Baumkübel auf dem Platz wurden irgendwann verschlossen - weil Dealer sie als Drogenversteck nutzten. Daraufhin entstanden Sitzgelegenheiten. Die nutzten die Dealer fortan als Alibi: einfach dasitzen, Bier in der Hand. „Gut gemeint ist nicht immer gut gemacht", sagte Polizeisprecher Thomas Geithner. Bis zum Sommer sollen die Kübel verschwinden, die Bäume woanders neu gepflanzt werden.
Der Erfolg verlagert sich
Matthias Gollan, Centermanager der CentrumGalerie und Vorstand des Citymanagements, bestätigte: Am Wiener Platz selbst sei der Fortschritt von außen sichtbar. Aber die Probleme wanderten weiter. Er hoffe auf eine Ausweitung des Projekts, zunächst auf die gesamte Prager Straße. Und beim Ladendiebstahl, dem täglich spürbaren Problem für den Einzelhandel, zeigten die eigenen Messungen bislang keinen Rückgang.
Drogenhandel als Geschäftsmodell
Der scheidende Referent für Kriminalprävention, Dr. Johannes Schulz, beschrieb einen Ansatz, der im städtischen Verwaltungsalltag ungewöhnlich klingt: Man habe aufgehört, Drogenhandel als Delikt zu betrachten, und fange an, ihn als Geschäftsmodell zu analysieren. Welche Bedingungen brauchen Dealer - Sichtschutz, Dunkelheit, Rückzugsorte? Und wie lassen sich genau diese Bedingungen zerstören? Das Straßen- und Tiefbauamt, das sich bislang um Verkehrssicherheit kümmerte, sitzt inzwischen gemeinsam mit der Polizei in einer Arbeitsgruppe Beleuchtung - die künftig auch für andere Brennpunkte der Stadt arbeiten soll. Rund 150 Veranstaltungen hat die Citywache im vergangenen Jahr ausgerichtet, darunter Austausche zwischen Polizei, Streetwork und Bürgerinnen und Bürgern mit Beschwerden. Schulz räumte ein: „Natürlich fallen wir auch manchmal in alte Muster zurück."
Donhauser zog am Ende eine nüchterne Bilanz zur Stadtplanung: Der Wiener Platz sei kein städtebauliches Glanzlicht. Wer künftig baue, solle Kriminalprävention von Anfang an mitdenken - nicht als Nachbesserung. Das Münchner Beispiel am alten Botanischen Garten zeige, was möglich sei: Polizeipräsenz, Videotechnik, Beleuchtung und Geländeumbau gemeinsam.
Das Projekt läuft bis Mai 2027. Dann wird ausgewertet - und entschieden, ob es weitergeht.