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Dresdens härteste Adresse: Ein Jahr Citywache am Wiener Platz

Eingang der Citywache Dresden im Erdgeschoss eines modernen Glasgebäudes (Prager Spitze). Drei blau-silber-gelbe VW Passat Polizeiautos der sächsischen Polizei sind davor geparkt. Schilder an der Tür weisen auf Landeshauptstadt Dresden und Polizeidirektion hin.
Die Citywache Dresden im Erdgeschoss der „Prager Spitze“ am Wiener Platz. Der gemeinsame Standort von Polizei, Ordnungsamt und Citymanagement zeigt auch durch die davor geparkten Streifenwagen erhöhte Präsenz. Fotos: CdH
Von: Cornelius de Haas
Die Kriminalität am Wiener Platz bricht deutlich ein, doch die Dealer geben nicht auf und nutzen sogar die Stadtverschönerung für ihre Zwecke. Jetzt zieht die Stadt die Reißleine und setzt auf eine Taktik, die man sonst nur aus München kennt - doch reicht das aus, um den Drogenhandel endgültig zu vertreiben?

Dresden. Wer vom Hauptbahnhof in die Innenstadt will, kommt am Wiener Platz nicht vorbei. Seit Mai 2025 auch nicht an der Citywache: Im Erdgeschoss der Prager Spitze, Glasfront zur Straße, sitzen Polizisten, Ordnungsamt und Citymanagement Seite an Seite. Montags bis freitags, 13.30 bis 20.30 Uhr. Ein Jahr später ist die Bilanz gespalten.

Die Straßenkriminalität im Bereich Wiener Platz/Prager Straße sank laut Polizeilicher Kriminalstatistik um 37,5 Prozent, die Gewaltkriminalität um 22,5 Prozent. Die Rauschgiftkriminalität stieg um 10,6 Prozent – weil mehr Präsenz mehr Kontrollen bedeute und damit mehr erfasste Delikte, erklärte Polizeipräsident Lutz Rodig am Donnerstag auf der gemeinsamen Pressekonferenz von Polizeidirektion und Landeshauptstadt. Erster Bürgermeister Jan Donhauser sprach noch nicht von einem Erfolgsmodell: „Was wir bislang erreicht haben, erhält die Motivation, das Projekt weiterzubetreiben."

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600 Anzeigen, mehr als ein Sechstel davon Jugendliche

Die Zahlen dahinter sind konkret: Mehr als 600 Strafanzeigen im vergangenen Jahr, rund 1.000 beschuldigte Personen – alle am Wiener Platz aufgegriffen, wenn auch nicht alle ihre Taten dort begangen. 48 gemeinsame Einsätze mit der Bereitschaftspolizei, neun Beamte eigens für die Strafverfolgung. Zwei Drittel der Fälle betrafen Ausländer, ein Drittel deutsche Staatsbürger. Was Rodig besonders beschäftigt: 18 Prozent der Fälle gehen auf das Konto Jugendlicher. Bundesweit liegt dieser Wert unter neun Prozent.


Bilanz-Pressekonferenz nach einem Jahr Citywache Dresden (v.l.n.r.): Jan Donhauser (Erster Bürgermeister), Dr. Johannes Schulz (Referent Strategie/KPR) und Matthias Gollan (Vorstand Citymanagement Dresden). Im Hintergrund stehen Polizeipräsident Lutz Rodig und Polizeisprecher Thomas Geithner.

Rodig hatte auf der Pressekonferenz auch um Geld gebeten – der Stadtrat solle die nötigen Mittel im kommenden Doppelhaushalt bereitstellen. Donhauser antwortete trocken: Das sei bereits geschehen. 135.000 Euro jährlich seien eingestellt.

Die Kübel als Alibi

Dass der Wiener Platz kein leichter Fall ist, zeigt eine Nebengeschichte, die symptomatisch für das Ganze steht. Die Baumkübel auf dem Platz wurden irgendwann verschlossen - weil Dealer sie als Drogenversteck nutzten. Daraufhin entstanden Sitzgelegenheiten. Die nutzten die Dealer fortan als Alibi: einfach dasitzen, Bier in der Hand. „Gut gemeint ist nicht immer gut gemacht", sagte Polizeisprecher Thomas Geithner. Bis zum Sommer sollen die Kübel verschwinden, die Bäume woanders neu gepflanzt werden.

Der Erfolg verlagert sich

Matthias Gollan, Centermanager der CentrumGalerie und Vorstand des Citymanagements, bestätigte: Am Wiener Platz selbst sei der Fortschritt von außen sichtbar. Aber die Probleme wanderten weiter. Er hoffe auf eine Ausweitung des Projekts, zunächst auf die gesamte Prager Straße. Und beim Ladendiebstahl, dem täglich spürbaren Problem für den Einzelhandel, zeigten die eigenen Messungen bislang keinen Rückgang.

Drogenhandel als Geschäftsmodell

Der scheidende Referent für Kriminalprävention, Dr. Johannes Schulz, beschrieb einen Ansatz, der im städtischen Verwaltungsalltag ungewöhnlich klingt: Man habe aufgehört, Drogenhandel als Delikt zu betrachten, und fange an, ihn als Geschäftsmodell zu analysieren. Welche Bedingungen brauchen Dealer - Sichtschutz, Dunkelheit, Rückzugsorte? Und wie lassen sich genau diese Bedingungen zerstören? Das Straßen- und Tiefbauamt, das sich bislang um Verkehrssicherheit kümmerte, sitzt inzwischen gemeinsam mit der Polizei in einer Arbeitsgruppe Beleuchtung - die künftig auch für andere Brennpunkte der Stadt arbeiten soll. Rund 150 Veranstaltungen hat die Citywache im vergangenen Jahr ausgerichtet, darunter Austausche zwischen Polizei, Streetwork und Bürgerinnen und Bürgern mit Beschwerden. Schulz räumte ein: „Natürlich fallen wir auch manchmal in alte Muster zurück."

Eine Weitwinkelaufnahme auf Straßenebene vom gepflasterten Wiener Platz in Dresden mit Blick nach Süden zum Hauptbahnhof unter einem bewölkten Himmel. Große Betonkübel mit Bäumen säumen den Fußgängerbereich auf beiden Seiten. Im Vordergrund stehen ein gelbes Leihfahrrad und ein orangefarbener E-Scooter. Moderne Geschäftsgebäude mit Logos von Decathlon und Rewe rahmen den Platz ein. Das Bild zeigt die Elemente, die bis zum Sommer 2026 entfernt werden sollen.
Problemfall Baumkübel: Die massiven Betonkübel mit Bäumen am Dresdner Wiener Platz sollen bis zum Sommer 2026 entfernt werden. Polizeisprecher Thomas Geithner erklärte, dass Dealer sie als Drogenverstecke und später als Sitzgelegenheiten-Alibi nutzten. Die Bäume werden an anderer Stelle neu gepflanzt.

Donhauser zog am Ende eine nüchterne Bilanz zur Stadtplanung: Der Wiener Platz sei kein städtebauliches Glanzlicht. Wer künftig baue, solle Kriminalprävention von Anfang an mitdenken - nicht als Nachbesserung. Das Münchner Beispiel am alten Botanischen Garten zeige, was möglich sei: Polizeipräsenz, Videotechnik, Beleuchtung und Geländeumbau gemeinsam.

Das Projekt läuft bis Mai 2027. Dann wird ausgewertet - und entschieden, ob es weitergeht.

Cornelius de Haas
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Cornelius de Haas

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