324-Millionen-Projekt startet: Dresden verabschiedet die „Sardinenbüchse“
Dresden. Es ist eines der größten Verkehrsprojekte der Stadt - und jetzt ist der Startschuss gefallen. An der Kreuzung Nossener Brücke / Budapester Straße griffen Sachsens Infrastrukturministerin Regina Kraushaar, Oberbürgermeister Dirk Hilbert, Baubürgermeister Stephan Kühn sowie Vertreter der Verkehrsbetriebe, der TU Dresden und von SachsenEnergie am Montag gemeinsam zum Spaten. Damit eröffneten sie das Kernstück der sogenannten Campuslinie.
„Das ist ein imposanter Spaten für ein imposantes Projekt", brachte es Oberbürgermeister Hilbert auf den Punkt. „Es geht hier um mehr als ein Jahresvolumen der Landeshauptstadt." Tatsächlich ist der Plan ambitioniert: Die marode Nossener Brücke wird komplett neu gebaut und in ihrer Mitte um eine eigene Straßenbahnbrücke ergänzt. Von dort führt die neue Trasse über die Nürnberger Straße bis zum Nürnberger Platz - rund 1,7 Kilometer frische Gleise. Fertig sein soll alles bis Mitte 2031.
Bus 61 als „Sardinenbüchse": Wer von der neuen Straßenbahn am meisten profitiert
Für die Fahrgäste zählt vor allem eines: kürzere Wege. Die künftige Stadtbahnlinie 7 soll den Westen rund um Gorbitz ohne Umstieg an den Campus der TU Dresden anbinden und zugleich die überlastete Buslinie 61 entlasten. Wie überlastet, machte Staatsministerin Kraushaar mit einem Augenzwinkern deutlich: „Aus eigener Erfahrung verstehe ich, warum die Buslinie 61 auch die Sardinenbüchse genannt wird - wobei in einer Sardinenbüchse wahrscheinlich mehr Platz ist." Genutzt werde die 61 vor allem von jungen Menschen, so Kraushaar. „Deswegen ist der Bau auch ein Bekenntnis zum Exzellenz- und Wissenschaftsstandort. Straßenbahnen sind dafür das richtige Mittel."
Die Zahlen untermauern das: Auf den Linien 7 und 61 rechnen die Verkehrsbetriebe künftig mit rund 18.700 Fahrgästen - dreimal so vielen wie heute. Für DVB-Vorstand Andreas Hemmersbach ein persönlicher Meilenstein: „Es ist ein großer Tag für uns. Mich persönlich begleitet das Thema bereits seit mehr als 20 Jahren." Und einen Engpass schließt er gleich aus: Die Anbindung zum Nürnberger Platz lasse sich mit dem vorhandenen Fahrzeugbestand abdecken.
Neue Haltestelle auf der Nossener Brücke: Umstieg zur künftigen S-Bahn
Eine neue Haltestelle auf der Brücke schafft obendrein den direkten Umstieg zu einem geplanten S-Bahn-Halt darunter. Genau dafür dankte Baubürgermeister Kühn ausdrücklich der Deutschen Bahn: „Sie beteiligt sich mit der Schaffung eines neuen Haltepunktes unter der Nossener Brücke." So wird aus der Haltestelle ein Verkehrsknoten zwischen Schiene und Stadtbahn.
Damit die Tram zügig durchkommt, erhält die Campuslinie einen eigenen Gleiskörper und fährt unabhängig vom übrigen Verkehr. Für Autofahrer bleiben vier Fahrspuren erhalten, an den Kreuzungen kommen teils Abbiegespuren hinzu. Radler bekommen abgesetzte, erhöhte Radwege über die Brücke und Radfahrstreifen entlang der Nürnberger Straße.
324 Millionen Euro für die Campuslinie: Wer das Großprojekt in Dresden finanziert
Billig ist das alles nicht. Rund 324 Millionen Euro kostet das Gemeinschaftsprojekt, getragen von Stadt, Verkehrsbetrieben, Stadtentwässerung, SachsenEnergie und Bahn. Erhebliche Fördermittel von Bund und Freistaat - allein rund 77,7 Millionen Euro aus dem Sachsenfonds - drücken den Eigenanteil von Stadt und DVB auf rund 75 Millionen Euro. Für Staatsministerin Kraushaar lohnt sich der Aufwand: „Es ist nicht nur eine Sanierung, sondern auch eine Ertüchtigung - und darum eine gute Investition." Ohne das Sondervermögen, räumte sie ein, hätte das Projekt wohl nicht an den Start gehen können.
Dass die Finanzierung überhaupt stand, war keineswegs selbstverständlich. Baubürgermeister Kühn nutzte den Termin für klare Worte des Dankes: „Ich möchte den Landtagsabgeordneten Albrecht Pallas (SPD, d.Red.) und Ingo Flemming (CDU, d.Red.) danken, ohne deren Unterstützung die Finanzierung nicht zustande gekommen wäre." Auch SachsenEnergie zollte er Respekt - der Versorger sei mit der großen Investition in einen sogenannten Mediendüker in Vorleistung gegangen, „obwohl das Projekt, zwar auf der Zielgeraden, noch nicht beschlossen war".
Mehr als nur Gleise: Rasengleis, Alleebäume und barrierefreie Haltestellen
Die Campuslinie ist mehr als ein Schienenstrang. Auf der Nürnberger Straße kommt Rasengleis zum Einsatz, das Lärm schluckt, Feinstaub bindet und das Stadtklima verbessert. Vier neue Baumreihen sollen der Straße Alleecharakter verleihen, ein breiter Grünstreifen trennt künftig Schienen und Fahrbahn.
Drei Haltestellen werden barrierefrei ausgebaut, sodass auch Menschen mit Rollstuhl oder Kinderwagen bequem ein- und aussteigen können. Vor der Ruine der Zionskirche entsteht ein neuer Aufenthaltsbereich mit Grün, Sitzplätzen und einem MOBIpunkt für Sharing und Ladeinfrastruktur. Neue Ampeln und Querungen, etwa an der Hohen und der Kaitzer Straße, sollen Fußgängern das Überqueren erleichtern.
SachsenEnergie verlegt Leitungen tiefer: Die Großbaustelle unter der Nürnberger Straße
Mindestens ebenso viel passiert unter der Erde. Leitungen für Strom, Fernwärme, Telekommunikation, Trinkwasser und Erdgas werden komplett erneuert, dazu kommt eine eigene Datentrasse für die TU Dresden. Für die Versorger ist so ein Großvorhaben ein zweischneidiges Schwert, wie Finanzvorstand Dr. Axel Cunow von SachsenEnergie einräumte: „Als Versorger ist man von Großbaustellen selten begeistert - können doch Leitungen beschädigt werden oder umverlegt werden müssen." Doch bei guter Koordination, so Cunow, entstünden eben auch Chancen.
Genau die hat der Versorger bereits genutzt: Schon ab dem Ebertplatz begann SachsenEnergie damit, ihre Medien zu erneuern. „Nun steht die Nürnberger Straße bevor, wo die Leitungen für die Campuslinie zu flach liegen und deshalb tiefergelegt werden müssen", erklärte Cunow.
Erste Sperrungen ab 12. Juni: Das ändert sich für Pendler und Anwohner
Bis dahin aber heißt es durchhalten. Schon am zweiten Juniwochenende sperrt die Stadt die Nossener Brücke nachts in Fahrtrichtung Plauen. Der Verkehr rollt dann über den südlichen Brückenzug, die Chemnitzer Straße wird zur Einbahnstraße Richtung Zentrum, Umleitungen führen über die Zwickauer und die Hohe Straße. Im Nahverkehr bleibt die Buslinie 61 auf ihrer Stammstrecke, die Linie 62 wird ab 15. Juni umgeleitet, die Linie 8 folgt im Oktober. Eine Zusage geben die Verkehrsbetriebe ihren Fahrgästen aber: Der Busverkehr läuft während der gesamten Bauzeit weiter.
Oberbürgermeister Hilbert appellierte deshalb an die Geduld der Dresdner: „Ich möchte alle um Verständnis bitten, dass trotz der vielen anderen Baustellen und Umleitungen, die wir in der Stadt haben, nun auch hier große Anstrengungen vonseiten der Verkehrsteilnehmer erforderlich sind." Doch er gab sich überzeugt: „Wenn es dann geschafft ist, werden wir allesamt viel Freude haben." Gebaut wird in Etappen - zuerst die Nordseite bis Mai 2028, dann die Südhälfte samt neuer Gleise bis Frühjahr 2030, ehe Mitte 2031 der südliche Brückenzug steht.
Weitere Informationen
Mehr zum Projekt: www.dresden.de/campuslinie-abschnitt2 · Virtuelle Fahrt durch die künftige Strecke: youtube.com
Infos zum geplanten S-Bahn-Haltepunkt unter der Nossener Brücke: sachsen-franken-magistrale.de