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Mobilitätsplan 2035+: Keine einzige Maßnahme fällt bei den Dresdnern durch

Stadtratssaal
Baubürgermeister Stephan Kühn (Grüne) beantwortet Fragen zum Mobilitätsplan 2035+ (Bild: Thomas Wolf)
Von: Thomas Wolf
Keine der 70 Maßnahmen für den künftigen Dresdner Mobilitätsplan 2035+ ist bei der Bürgerbeteiligung „mobiVOTE“ abgelehnt worden. Das haben Baubürgermeister Stephan Kühn und Axel Wittkuhn, Sachgebietsleiter Verkehrsentwicklungsplanung im Amt für Stadtplanung und Mobilität, am Donnerstag im Stadtforum mitgeteilt. 12.559 Menschen hätten sich beteiligt, 77 Prozent von ihnen würden dem Plan zustimmen, wenn sie im Stadtrat säßen.

Abschlussfrage: Wie würden Sie als Stadtrat entscheiden?

Am Ende der Umfrage sei jede Teilnehmerin und jeder Teilnehmer gefragt worden, ob sie dem Mobilitätsplan und seinen Maßnahmen als Stadträtin oder Stadtrat zustimmen würden. 65 Prozent hätten mit Ja geantwortet, weitere 12 Prozent mit „Ja, mit Änderungen“. Zur Auswahl hätten dieselben Möglichkeiten gestanden, die auch ein Stadtratsmitglied habe: Zustimmung, Zustimmung mit Änderungsantrag, Ablehnung oder Enthaltung.

Kühn sprach von dem Beteiligungsformat mit der bislang größten Resonanz. Das Ergebnis sei ein gutes Fundament, um die Vorlage nun dem Stadtrat vorzulegen.

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763.400 Einzelbewertungen in gut vier Wochen

Die Umfrage lief vom 6. März bis 7. April 2026. Als gültige Teilnahme habe die Stadt gewertet, wer mindestens 20 Maßnahmen bewertet und mindestens drei Minuten investiert habe. So seien 12.559 Teilnahmen zusammengekommen, insgesamt sei das Tool mehr als 40.000 Mal aufgerufen worden.

10.425 Teilnehmende – 83 Prozent – hätten alle 70 Maßnahmen bewertet. Insgesamt seien 763.400 Einzelbewertungen zusammengekommen, dazu 4.200 Kommentare im Freitextfeld. Jede einzelne Maßnahme habe zwischen 8.000 und 12.000 Bewertungen erhalten, Ausreißer habe es nicht gegeben.

Bewertet wurde mit fünf Stufen, von zwei Daumen nach unten bis zu zwei Daumen nach oben. Rechnerisch entspricht das einer Skala von 1 bis 5, neutral ist der Wert 2,5. Keine Maßnahme sei unter 3,0 gerutscht, fast alle lägen über 3,5. Der Gesamtdurchschnitt betrage 3,96.

Barrierefreiheit und einfache Tarife vorn

Die höchsten Werte hätten einfache Tarife und ein stabiles Deutschlandticket, ein barrierefreier ÖPNV sowie barrierefreie Fußwege erreicht. Neue S-Bahn-Stationen kämen auf 4,0, der Neubau der Carolabrücke und der Neubau der Straßenbahnlinie 5 jeweils auf 3,9, mehr Tempo 30 auf einen Wert über 3,5.

Auch nach Themenfeldern habe jede der acht Kategorien im Schnitt Zustimmung erfahren: Der Fußverkehr liege bei 4,2, das Parken bei 3,8 und der Kfz-Verkehr bei 3,7.

Am schwächsten – und damit im neutralen Bereich – schnitten fünf Maßnahmen ab. Dazu zählten die Erweiterung des Bewohnerparkens, die Durchbindung der Liebstädter Straße und die generelle Prüfung neuer Straßen.

Frauen, Senioren und Pendler setzen andere Schwerpunkte

Interessant seien die Unterschiede zwischen den Gruppen. Bei den Frauen rücke die Maßnahme „direkte Durchwegungen“ neu in die Top Ten. Wittkuhn vermutete dahinter das Sicherheitsempfinden.

Bei den Teilnehmenden aus dem Umland tauschten sich acht der zehn wichtigsten Maßnahmen aus: Dichtere S-Bahn-Takte, regionale Kooperation und ein robustes Verkehrssystem rückten nach vorn – typische Pendlerthemen. Rund 1.000 Teilnahmen oder acht Prozent stammten aus dem Dresdner Umland. Der Pendlerverkehr mache 32 Prozent der Fahrten und 50 Prozent der gefahrenen Kilometer aus, rund 100.000 Wege pro Tag, überwiegend mit dem Auto.

Bei den über 65-Jährigen stehe die Maßnahme für den Dresdner Osten auf Platz eins – ihr Kern sei der Erhalt des Blauen Wunders. Neu in deren Top Ten seien der Infrastrukturerhalt und der Güterverkehr. Wer viel Auto fahre, wünsche sich der Auswertung zufolge trotzdem ein Deutschlandticket und einen besseren Fernverkehr.

Kritik an der Repräsentativität

Auf die Frage, ob nicht vor allem Rad- und Fußverkehrsfreunde mitgemacht hätten, verwies Kühn auf die Daten: 60 Prozent der Teilnehmenden seien in unterschiedlicher Regelmäßigkeit auch mit dem Auto in Dresden unterwegs. Dieser Anteil decke sich mit dem SrV, der Verkehrsbefragung der TU Dresden. Eine Verzerrung bei der Verkehrsmittelwahl gebe es daher nicht, die Ergebnisse seien belastbar.

Anzumerken bleibt: „mobiVOTE“ war eine freiwillige Online-Umfrage ohne Zufallsstichprobe und damit keine repräsentative Erhebung im statistischen Sinn.

Kosten: rund 54.000 Euro

Die Hamburger Agentur Urbanista habe für Konzeption, Programmierung, Betrieb und die Absicherung gegen Bots einen Auftrag über rund 43.000 Euro brutto erhalten. Die Kinder- und Jugendbeteiligung habe 7.000 Euro gekostet, die begleitenden Videos rund 3.800 Euro brutto. Die Auswertung habe die Stadt selbst übernommen.

Die 4.200 Freitextkommentare seien mit einer abgeschotteten Test-KI des städtischen Eigenbetriebs IT ausgewertet worden. Manipulationsversuche durch Bots habe es nicht gegeben, sagte Wittkuhn.

Fünf Jahre Vorarbeit im MOBIdialog

Erarbeitet wurden die 70 Maßnahmen über fünf Jahre im Dresdner MOBIdialog 2035+, einem Gremium mit 63 Mitgliedern – von ADAC bis ADFC, von der IHK bis Fridays for Future. 25 Bürgerinnen und Bürger seien per Zufallsauswahl dazugekommen. Das Ergebnis sei bewusst ein Kompromiss, der rund 80 Prozent der vom Stadtrat beschlossenen Leitziele erreiche.

Beteiligt wurden auch Kinder und Jugendliche: In Dresdner Oberschulen, Gymnasien und Berufsschulen fanden Workshops ab Klasse 7 statt.

Der Mobilitätsplan 2035+ löst den Verkehrsentwicklungsplan 2025plus ab, den der Stadtrat 2014 beschlossen hatte und der zwischen 2009 und 2013 erarbeitet wurde. Themen wie Sharing-Angebote, Elektromobilität, automatisiertes Fahren oder Künstliche Intelligenz kamen darin noch nicht vor.

Wie es weitergeht

Die Beschlussvorlage soll noch in diesem Jahr in den Stadtrat eingebracht werden. Das letzte Wort über die 70 Maßnahmen hat das Stadtparlament: Es kann Maßnahmen ergänzen oder ablehnen.

Faktenbox mobiVOTE

  • Zeitraum: 6. März bis 7. April 2026
  • 12.559 gültige Teilnahmen, über 40.000 Aufrufe
  • 10.425 Teilnehmende (83 Prozent) bewerteten alle 70 Maßnahmen
  • 763.400 Einzelbewertungen, 4.200 Kommentare
  • Durchschnittswert aller Maßnahmen: 3,96 (Skala 1 bis 5)
  • 77 Prozent Zustimmung zum Gesamtplan
  • Kosten: rund 54.000 Euro
  • Alle 70 Maßnahmen im Detail (PDF, dresden.de)
Thomas Wolf
Artikel von

Thomas Wolf

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