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Wenn Sie Stadträtin wären: Woran man in Dresden erkennt, wie jemand unterwegs ist

Mobilitätsplan
Dr. Külz-Ring / Georgenplatz aus dem Stadtforum zum Mobilitätsplan Dresden 2035+ (Bild: Thomas Wolf)
Von: Thomas Wolf
Zwölftausend Dresdnerinnen und Dresdner haben in diesem Frühjahr für ein paar Minuten Stadtrat gespielt. Sie haben 70 Verkehrsmaßnahmen bewertet, mit Daumen hoch oder Daumen runter. Das Spannende an den Ergebnissen ist nicht, dass fast alles Zustimmung fand. Sondern, wer wobei anders abstimmt als der Rest.

763.400 Mal ist zwischen dem 6. März und dem 7. April ein Daumen vergeben worden. Zwei nach unten, einer nach unten, neutral, einer nach oben, zwei nach oben – mehr Auswahl gab es bei „mobiVOTE“ nicht, der dritten und letzten Bürgerbeteiligung zum Dresdner Mobilitätsplan 2035+. 12.559 gültige Teilnahmen kamen zusammen, 10.425 Menschen arbeiteten sich durch alle 70 Maßnahmen. Am 23. Juli hat die Stadtverwaltung die Auswertung im Stadtforum vorgestellt.

Das Gesamtergebnis ist schnell erzählt: Keine Maßnahme fiel durch, 77 Prozent würden dem Plan zustimmen, wenn sie im Stadtrat säßen. Interessanter wird es, wenn man die Auswertung nach Gruppen aufschlüsselt. Denn dann verschieben sich die Prioritäten teilweise erheblich – und man kann ziemlich gut erraten, wer da geklickt hat.

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Worauf sich alle einigen können

Es gibt einen gemeinsamen Nenner, und er ist bemerkenswert unspektakulär. Ganz oben stehen bei allen Gruppen einfache Tarife und ein stabiles Deutschlandticket, ein barrierefreier ÖPNV und barrierefreie Fußwege. Keine Verkehrswende-Kampfansage, keine Autofahrer-Rebellion. Sondern: Es soll funktionieren, es soll verständlich sein, und man soll auch mit Rollator oder Kinderwagen durchkommen.

Der Fußverkehr ist mit einem Schnitt von 4,2 die bestbewertete der acht Kategorien. Gehen ist die einzige Fortbewegungsart, die wirklich alle betrifft – auch jede Autofahrt beginnt und endet zu Fuß.

Frauen wollen durchkommen

Bei den Frauen taucht eine Maßnahme in den Top Ten auf, die es in der Gesamtwertung nicht dorthin geschafft hat: direkte Durchwegungen. Also kurze, klare Verbindungen statt Umwege um Blöcke und durch Hinterhöfe.

Axel Wittkuhn, Sachgebietsleiter Verkehrsentwicklungsplanung, brachte das bei der Vorstellung mit dem Sicherheitsempfinden von Frauen in Verbindung – und fügte hinzu, dass er das eigentlich traurig finde. Belegen lässt sich die Deutung mit den Umfragedaten nicht, gefragt wurde ja nur nach der Maßnahme, nicht nach dem Motiv. Aber sie deckt sich mit dem, was Verkehrsplanerinnen seit Jahren beschreiben: Wer nachts allein unterwegs ist, wählt seine Wege anders.

Das Umland tauscht acht von zehn Themen aus

Rund 1.000 Teilnahmen kamen aus dem Dresdner Umland – acht Prozent. Bei ihnen bleiben von den zehn wichtigsten Maßnahmen nur zwei gleich. Alles andere wird ausgetauscht gegen: dichtere S-Bahn-Takte, regionale Kooperation, ein robustes Verkehrssystem, die Carolabrücke.

Das ist keine Überraschung, aber ein gutes Argument dafür, das Umland überhaupt zu befragen. Der Pendlerverkehr macht 32 Prozent der Fahrten in Dresden aus und 50 Prozent der gefahrenen Kilometer. Rund 100.000 Wege pro Tag, überwiegend mit dem Auto. Wer über Dresdens Verkehr redet, redet zur Hälfte über Menschen, die woanders wohnen.

Die Generation 65 plus denkt an das, was schon da ist

Bei den über 65-Jährigen steht die Maßnahme für den Dresdner Osten auf Platz eins. Ihr Kern ist der Erhalt des Blauen Wunders. Neu in ihren Top Ten: Infrastrukturerhalt und Güterverkehr.

Wittkuhns Erklärungsversuch für den Infrastrukturerhalt: Lebenserfahrung. Wer lange genug in dieser Stadt lebt, hat gesehen, was passiert, wenn eine Brücke zu lange nicht saniert wird. Beim Güterverkehr wollte er sich nicht festlegen und bot mit einem Augenzwinkern eine sächsische Deutung an – vielleicht gehe es ja darum, dass der Stollenversand zur Weihnachtszeit gesichert sei.

Und wer viel Auto fährt?

Zunächst eine Zahl, die die Umfrage gegen den häufigsten Vorwurf verteidigt: 60 Prozent der Teilnehmenden sind zumindest zeitweise mit dem Auto in Dresden unterwegs. Das war also keine Veranstaltung von Radfahrern für Radfahrer.

In deren Top Ten rücken erwartbare Dinge nach vorn: die Carolabrücke, das Blaue Wunder. Und dann steht dort etwas, das man auf den ersten Blick nicht dort vermutet – besserer Fernverkehr. Dazu, weiterhin, das Deutschlandticket.

Die naheliegende Lesart: Wer im Alltag Auto fährt, will trotzdem entspannt in den Urlaub kommen. Das Verkehrsmittel, mit dem man zur Arbeit fährt, ist nicht dasselbe, mit dem man an die Ostsee will. Die TU Dresden misst seit Jahrzehnten dasselbe Muster: Immer mehr Menschen sind multimodal unterwegs und entscheiden situativ – bei Regen anders als bei Sonne.

Bei denen, die vor allem mit Bahn und Rad unterwegs sind, taucht dafür ein sehr dresdenspezifisches Thema auf: die Anbindung der Elbbrücken. Also die Frage, wie man eigentlich vom Elberadweg auf die Brücke kommt, ohne zu schieben.

4.200 Mal wurde ins Freitextfeld getippt

Ein Drittel der Teilnehmenden nutzte das offene Kommentarfeld. Herausgekommen sind 4.200 Anmerkungen, die die Stadt mit einer abgeschotteten Test-KI des städtischen IT-Eigenbetriebs sortiert hat – von Hand wäre das kaum zu schaffen gewesen.

Die Themen sind bodenständig. Baulich getrennte, durchgehende Radwege, bitte auch mit Winterdienst. Erhalt leistungsfähiger Hauptverkehrsstraßen. Bessere ÖPNV-Anbindungen für Pendler. Und ein Klassiker, der gerade tatsächlich diskutiert wird: die Beibehaltung analoger Fahrscheine. Also die Frage, ob man die Viererkarte künftig noch ans Pinnbrett heften kann.

Auffällig war laut Verwaltung, dass die meisten Kommentare gar keine Bedingungen formulierten. Auch wer „Ja, mit Änderungen“ angeklickt hatte, schrieb eher auf, was ihm wichtig ist – nicht, was zwingend anders werden muss.

Was daraus jetzt wird

Die 70 Maßnahmen sind kein Wunschzettel, sondern ein Kompromiss. Fünf Jahre lang hat ein Gremium mit 63 Mitgliedern daran gearbeitet, vom ADAC bis zum ADFC, von der IHK bis Fridays for Future, dazu 25 ausgeloste Bürgerinnen und Bürger. Herausgekommen ist ein Paket, das rund 80 Prozent der vom Stadtrat beschlossenen Leitziele erreicht – bewusst nicht 100.

Noch in diesem Jahr soll die Beschlussvorlage in den Stadtrat gehen. Dann stimmen die echten Stadträtinnen und Stadträte ab. Sie haben allerdings mehr als fünf Daumen zur Auswahl.

Was ist der Dresdner Mobilitätsplan 2035+?

Der Mobilitätsplan 2035+ ist die Verkehrsstrategie für Dresden für die kommenden Jahre. Er löst den Verkehrsentwicklungsplan 2025plus ab, den der Stadtrat 2014 beschlossen hatte. Erarbeitet wurde der alte Plan zwischen 2009 und 2013 – in einer Zeit, in der Sharing-Angebote, Elektrobusse, automatisiertes Fahren und Künstliche Intelligenz noch keine Rolle in der Verkehrsplanung spielten. Alle 70 Maßnahmen stehen als PDF auf dresden.de.

Thomas Wolf
Artikel von

Thomas Wolf

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