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Von: Ulrich van Stipriaan
Tulpenfelder, Windmühlen und Nordseestrände in Holland: Eine Reise abseits der Postkartenklischees mit grün geernteten Feldern, Küstenorten und ehrlichen Eindrücken.

Die Sache mit den endlosen weiten Tulpenfeldern und der schmucken Windmühle im Hintergrund, natürlich alles vor strahlendblauem Himmel: das haben die Holländer irgendwann einmal erfunden, denke ich. Die Tulpenfelder waren nämlich bei unserem Besuch endlich, die Windmühle stand ganz woanders und hatte gar keine Flügel. Und der Himmel? Meist Niederländischgrau statt preußischblau.

Unser Reiseführer hatte eine Straße quer durch die Felder versprochen, links und rechts nichts als Tulpenfelder. Links aber standen meistens Häuser, manchmal sogar nette. Rechts waren auch Häuser, und nur hin und wieder sahen wir den Hauch eines Tulpenfeldes. Aber von wegen Blüten! Hier machen sie – außerhalb von touristischen Orten wie dem Keukenhof, der sich das aber mit Eintritt recht ordentlich bezahlen lässt – hier also machen sie gar nicht auf Tourismus, sondern betreiben Gartenbau und Landwirtschaft. Und da werden die Blüten der Tulpen zur besseren Zwiebelvermehrung abgeschnitten. Will heißen: Viele Felder sind grün.

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So ist das in Nord- und Südholland, wenn man nicht gerade in den ein, zwei Wochen da ist, in der die Postkartenfotografen ihre Bausatz-Wander-Mühle mit riesigem blauem Hintergrundtuch in die Landschaft stellen, um ihre Fotos zu schießen.

Wir hatten unsere Mühle zu Hause gelassen und nahmen mit dem vorlieb, was die Natur hergab. Das war weniger als erwartet und mehr als nichts. Unweit von Bergen fanden wir das erste Feld, mit roten, lila, gelben und weißen Tulpen sowie als Zugabe farblich sehr schön blau kontrastierend Traubenhyazinthen. Ganz hinten am Horizont hatten die Fotografen sogar eine Mühle stehen lassen, und die Blauerhimmelschäfchenwolkenkulisse stand auch noch.

Natürlich haben die Holländer für die Zeit außerhalb der Tulpensaison noch andere Dinge für die Menschen dort arrangiert. Bergen aan Zee ist eins der klassischen holländischen Seebäder, mit meilenlangem Sandstrand und Dünen (aus gutem Grund: Betreten verboten) sowie Restaurationen für die Massen. Wir hatten mit SB Noord einen ganz netten Ort erwischt, mit freundlichem Personal und (wenn man das allein vom Spinksen an den Nebentisch so schreiben darf) ganz passablen Salaten. Man sitzt draußen, wird aber vom viehisch kalten Wind durch Glaswände geschützt. In meiner Heimat Ostfriesland, quasi der Fortsetzung der holländischen Küste gen Nord-Ost, gab’s das vor Jahrzehnten auch schon. Brutkästen nannten wir die praktische Einrichtung…

Der Ort selbst ist schnell durchschritten, weil nicht nach unserem Geschmack: Zu touristisch angelegt. Das geht, mussten wir dann später feststellen, auch noch schlimmer. Zandvoort reichte uns nach dem Durchfahren, Noordwijk aan Zee beim ersten Besuch nach halbstündigem Durchlaufen. Dass mehrere Millionen Strandurlauber pro Jahr das offenbar anders sehen, bestärkte uns übrigens eher in der schnell gefassten Meinung – und ja, auch wir waren später nochmal für längere Zeit da. Nichts ist in Stein gemeißelt, schon gar nicht vorschnelle Meinungen…

Da gönnten wir uns doch noch ein Tulpenfeld etwas landeinwärts. Natürlich Häuser rundum, aber das kannten wir ja schon. Dafür hatte man auch im blütengeköpften Teil den einen oder anderen roten Tupfer stehen lassen, so dass es ein schönes Lehrbuchbild geworden ist. Wir waren mit unserer Tulpenknipserei gerade fertig, als ein Kleinbus vorfuhr und eine überschaubare Ladung wild gewordener Touris auskippte. Die Rollenverteilung war ganz einfach: Frauen und Kinder, kreischend, ins Feld, die Männer mit ausgestreckten Armen die Digiknipse haltend an den Feldrand zum Ablichten. Der Busfahrer stand ungerührt vor seinem Bus und dachte sich sein Teil. Uns, die wir in einen Leihwagen mit niederländischem Kennzeichen einstiegen, machte er mit einem leichten eindeutigen Augenaufschlag zu seinen Verbündeten.

Ulrich van Stipriaan
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Ulrich van Stipriaan

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