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Laserblick ins Plasma: Wie Atome ihre Elektronen verlieren

Nur mit der richtigen Einstellung des Lasers konnten die Forscher die Kupferionen im Plasma überhaupt erkennen – der Laser musste exakt zur Energie der gesuchten Teilchen passen.
Der Laser musste auf die richtige Energie eingestellt werden, um die Kupferionen im heißen Plasma sichtbar zu machen – ähnlich wie ein Radio, das den richtigen Sender sucht. © B. Schröder/HZDR
Von: Wissensland
Ein Kupferdraht, dünner als ein Haar, trifft auf einen der stärksten Laser der Welt – und verdampft in Milliardstel Sekunden. Dresdner Forschende haben diesen Prozess erstmals in voller Schärfe beobachtet. Was sie dabei sahen, könnte helfen, den Reaktor der Zukunft zu bauen.

Licht kann Materie zerstören. Wer das nicht glaubt, sollte sich vorstellen, was passiert, wenn ein Laser auf einen Kupferdraht trifft, der sieben Mal dünner ist als ein menschliches Haar. Der Draht verdampft augenblicklich. Es entsteht ein Plasma, das mehrere Millionen Grad Celsius heiß ist. Genau diesen Moment haben Forschende des Helmholtz-Zentrums Dresden-Rossendorf (HZDR) jetzt so genau beobachtet wie noch niemand zuvor. Ihre Ergebnisse erschienen im Fachjournal Nature Communications.

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Zwei Laser, ein winziger Draht

Für ihr Experiment nutzten die Wissenschaftler zwei Laser der Extraklasse. Der erste, ein optischer Hochintensitätslaser namens ReLaX, schießt einen Lichtblitz auf den Kupferdraht. Dieser Blitz dauert nur 25 Femtosekunden, das sind 25 Billiardstel Sekunden. Oder anderes erklärt: Eine Femtosekunde verhält sich zu einer Sekunde etwa so wie eine Sekunde zu 32 Millionen Jahren. Der Lichtblitz ist dabei so intensiv, dass er Bedingungen erzeugt, die sonst nur in der Nähe von Neutronen-Sternen vorkommen. Der Draht verdampft, die Kupferatome verlieren viele ihrer Elektronen. Sie werden ionisiert. So entsteht ein heißes Plasma aus geladenen Teilchen.

Ein zweiter Laser, der Freie-Elektronen-Röntgenlaser am European XFEL in Schenefeld bei Hamburg, macht anschließend Momentaufnahmen dieses Plasmas. Er funktioniert wie ein extrem schneller Fotoapparat. "In unserem Pump-Probe-Experiment messen wir genau die zeitliche Entwicklung dieser stimulierten Röntgenemission", sagt Dr. Lingen Huang, der die Experimente in der HZDR-Abteilung Hoch-Energiedichte leitete. "Denn sie zeigt uns, wie viele Cu²²⁺-Ionen zu jedem Zeitpunkt im Plasma vorhanden sind." Cu²²⁺ bezeichnet Kupferatome, denen genau 22 Elektronen fehlen.

Elektronen auf der Flucht – und ihre Rückkehr

Was die Forschenden dabei beobachteten, war mit bisher unerreichter Genauigkeit sichtbar. Unmittelbar nach dem Laserblitz entstehen die ersten stark ionisierten Kupferionen. Nach zweieinhalb Pikosekunden, also zweieinhalb Billionstel Sekunden, erreicht ihre Zahl ihren Höchststand. Dann werden die Elektronen wieder eingefangen, und nach etwa zehn Pikosekunden sind keine solchen Ionen mehr nachweisbar.

"So genau hat noch niemand zuvor auf diese Art von Ionisation geschaut", sagt Prof. Tom Cowan, ehemaliger Direktor des Instituts für Strahlenphysik am HZDR. Mithilfe von Computersimulationen konnten die Physiker auch erklären, warum das so abläuft. Der erste Laserpuls entreißt den Kupferatomen nur wenige Elektronen. "Diese sind so energiereich, dass sie sich wie eine Welle ausbreiten und immer mehr Elektronen aus benachbarten Kupferatomen herausschlagen", erklärt er. Danach verlieren die Elektronen ihre Energie, werden wieder eingefangen. Am Ende liegen neutrale Kupferatome vor.

Diese Erkenntnisse sind mehr als reine Grundlagenforschung. Sie helfen zu verstehen, wie sich Materie unter extremen Bedingungen verhält. Genau solche Zustände spielen auch bei der Kernfusion eine Rolle. Dabei verschmelzen Atomkerne und setzen große Mengen Energie frei, die als mögliche klimafreundliche Energiequelle der Zukunft gilt. Damit solche Reaktoren funktionieren, müssen Forschende genau wissen, wie sich Elektronen und Ionen in diesen Plasmen bewegen. Die neuen Messdaten liefern dafür wichtige Bausteine und helfen, die bisherigen Computermodelle deutlich zu verbessern.


Originalpublikation:
L. Huang et al.: Probing ultrafast heating and ionization dynamics in solid density plasmas with time-resolved resonant X-ray absorption and emission, Nature Communications, 2026.

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