Der Winzer nôt – anders als erwartet
Die letzte Zeile des reichlich langen Nibelungenlieds liest sich im Original in etwa (kommt auf die Fassung an…) so: „dâ hât daz mære ein ende / diz ist der nibelunge nôt„. Das letzte Wort – nôt – ist der Titel des neuesten Buchs von Philip Krömer, mit der bedeutungsschwangeren Unterzeile „Der letzte Liebesroman“.
Philipp Krömer, Jahrgang 1988, hat Germanistik und Buchwissenschaft studiert und auch abgeschlossen (erst Bachelor, dann Master. Mit dieser Fächer-Kombi hätte er vieles werden können, vom Taxifahrer über Kellner oder Wirt bis zum Journalisten, aber Krömer entschied sich für: Schriftsteller.
Da hat er gut dran getan, denn Krömer schreibt herrlich fesselnd. Der letzte Liebesroman ist – was Umfang und Übersichtlichkeit anbelangt, ja auch eher eine spannende Erzählung, so dass man das Büchlein an einem erklärten Faulenzer-Tag in einem Rutsch durchlesen kann. Man muss dabei ja nicht gleich alle Weine trinken, die da kapitelweise auch eine Rolle spielen.
Das Buch spielt nämlich auf einem Weingut in Österreich (ich tippe mal auf Steiermark, wegen des Morillon…) , und da gibt es naturgemäß immer was zu trinken. Dass es auch vom Weingut kommt: davon gehen Feriengäste ja meistens aus. Hier ist das anders, woraus Autor und Verlag auch kein Geheimnis machen: kann man alles im Klappentext nachlesen, der so heißt, obwohl er ja mangels Schutzumschlag mit Klappe nun auf der Rückseite des Buches steht.
Man lernt da auch alle Protagonisten kennen: übersichtlich (was das Lesen erleichtert). Marget (ohne r nach dem g) ist Wissenschaftlerin und schreibt an ihrer Dissertation. Ihr dritter Versuch eines Vorworts zur Disse leitet den Roman ein – und man liest gleich, dass es gut wird. Vor allem denkt man sich spätestens nach dem dritten Absatz: ach, wäre das schön, wenn Dissertationen in so einem freundlich erzählenden, manchmal fast flapsigen Ton geschrieben würden! Marget schreibt übrigens auf einem Mac im Programm Pages, was sie doch sehr sympathisch macht, oder? Andere Zitat-Dokumente in nôt lassen dann übrigens auch andere Betriebssysteme erkennen: Der Herr Professor hat bei seiner Sommerfest-Begrüßungsrede auf dem PC mit Word geschrieben (Korrekturmodus zum Nachverfolgen – immer gut zu wissen, was gestrichen wurde!), und einen LibreOffice-Text gibt es auch noch – wenn auch nicht unter Linux geschrieben, wie man zuerst meinen möchte, sondern auch auf dem PC. Was will uns der Autor mit solchen Details sagen? Keine Ahnung, bestenfalls: nichts.
Die Geschichte der Forscherin Marget, die im Nibelungenlied lieber die Liebe sieht als das Gemetzel bei Etzel, nimmt schnell Fahrt auf, wobei das Verseopos ja durchaus beide Varianten des Miteinander-Umgehens in sich vereint (zum Nachlesen meine Zusammenfassung in vier Worten: Erst Liebe, dann Hiebe). Dass sie sich im Weingut Fetzel einquartiert, liegt natürlich auch am Vornamen der Wirtin: Kriemhild. Dass sie den Lautenspieler Volkmar trifft und die beiden die Knickhalslaute des Musikus urlaubsbedingt sehr schnell im interessanten Ambiente zum Klang bringen, ist ein Kniff des Autors, wie auch die Tatsache, dass das Ehepaar Zagel Stoff für eine ziemlich lustig zu lesende Synonym-Orgie rund ums Thema Penis führt. Mehr sei hier nicht verraten, sonst macht das Lesen der insgesamt sieben Aventiure (so viel Nibelungentreue muss sein) weniger Spaß.
Zwei Dinge habe ich nach der Lektüre – neben Spaß und Spannung beim Lesen – mitgenommen: zum einen sollte ich mal wieder das Nibelungenlied im Original lesen. Ist anstrengend, aber man kann es machen. Wobei ich natürlich Original einschränken muss, denn Mittelhochdeutsch ist über lange Strecken nicht meins – aber Karl Simrocks Übertragung empfindet das ganz gut nach – und das sogar frei zugänglich in diesem nicht immer schlechten Internet. Zum anderen wünsche ich mir ganz arg eine Verfilmung des letzten Liebesromans. Es wäre eine äußerst vielschichtige Liebes-Krimi-Wein-Tragikomödie. Leichen kann man ja im Fernsehen ausführlich schon am frühen Abend genießen, im wirklichen Leben mit Sicherheit viel häufiger vorkommender Sex findet im TV, wenn überhaupt, aber erst um Mitternacht statt. Eine gute nôt-Verfilmung wäre also auch etwas fürs Spätabendprogramm.
Philip Krömer, nôt – der letzte Liebesroman
Gebunden, 144 Seiten
Septime-Verlag
ISBN: 978-3-99120-088-8
Preis: 20,00 €