Hunger auf Schokolade, obwohl man gerade erst gegessen hat. Appetit auf Gemüse, obwohl man sonst keinen mag. Was wir essen möchten, entscheidet nicht allein das Gehirn. Auch Milliarden Darmbakterien und andere Mikroorganismen in unserem Darm senden ständig Signale, die unser Essverhalten beeinflussen können.
PD Dr. Veronica Witte erforscht genau das. An der Leipziger Universitätsmedizin untersucht die Biologin, wie das Darm-Mikrobiom – also die Gesamtheit aller Darmbakterien und Mikroorganismen im Darm – unser Essverhalten beeinflusst. "Dass sich unser Gehirn ständig verändert und wir darauf Einfluss nehmen können, fasziniert mich schon seit dem Studium", erzählt sie. Im Exzellenzcluster LeiCeM arbeitet sie dafür eng mit Experten aus Medizin, Ernährungswissenschaft und Stoffwechselforschung zusammen.
Langfristig könnten die Ergebnisse helfen, neue Therapien gegen starkes Übergewicht zu entwickeln und Ernährungsempfehlungen stärker auf einzelne Menschen zuzuschneiden.
Chicorée gegen Heißhunger
Witte und ihr Team haben bereits erste Ergebnisse. In einer Studie nahmen Probanden ein Präparat aus der Chicoréewurzel ein. Danach zeigte ihr Gehirn eine schwächere Reaktion auf Bilder von hochkalorischen Speisen als zuvor. Die Forschenden vermuten, dass bestimmte Inhaltsstoffe der Pflanze über Veränderungen im Darm Signale an das Gehirn senden und so das Verlangen nach energiereichen Lebensmitteln beeinflussen könnten.
Blut- und Stuhlproben sowie hochauflösende MRT-Aufnahmen halfen, die Zusammenhänge sichtbar zu machen. Solche Erkenntnisse könnten helfen, neue Medikamente oder Ernährungspläne für Menschen mit starkem Übergewicht zu entwickeln. Noch steckt die Forschung in den Anfängen. "Kleine Veränderungen im Essverhalten wirken sich vermutlich erst nach einer gewissen Zeit auf unsere Messdaten aus", sagt Witte. Deshalb plant ihr Team eine Studie über sechs Monate mit einer Nachuntersuchung nach drei Jahren.
Dabei wollen die Forschenden auch berücksichtigen, dass jeder Mensch ein individuelles Mikrobiom aus Darmbakterien und Mikroorganismen besitzt, vergleichbar mit einem biologischen Fingerabdruck. Ziel ist es, auch Faktoren wie Schlaf, Bewegung und das individuelle Mikrobiom einzubeziehen. Künstliche Intelligenz soll dabei helfen, Muster in den komplexen Daten zu finden. "Vielleicht können wir Patientinnen und Patienten eines Tages anhand einiger einfacher Tests individuelle Ernährungsempfehlungen geben, mit denen sie gesünder leben und gar nicht erst erkranken."