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Gehörlose im Theater: Leipziger Studie zeigt Barrieren auf

Gebärdensprache ist eine vollständige Sprache – mit eigener Grammatik und Kultur. Im Theater bleibt sie noch zu oft unsichtbar.
Was sie sagt, müsste auf jeder Bühne Platz haben. Forschende der Universität Leipzig zeigen, warum das bisher selten so ist. © Colourbox
Von: Wissensland
Gehörlose Menschen stoßen im Theater auf viele Hürden, auch wenn ein Gebärden-Dolmetscher dabei ist. Forschende der Universität Leipzig haben untersucht, was sich wirklich ändern müsste, damit Kultur für alle zugänglich wird.

Wer nicht hören kann, stößt im Theater oft auf Hürden. Forschende der Universität Leipzig haben eineinhalb Jahre lang untersucht, wie gehörlose und schwerhörige Menschen den Theaterbetrieb erleben. Sie kommen zu dem Schluss, dass weit mehr fehlt als ein Dolmetscher.

Das Projekt "Kulturelle Teilhabe – Audience Development von und für Menschen mit Behinderung" wurde vom Institut für Kulturwissenschaften der Universität Leipzig geleitet. Die Kulturwissenschaftlerin Dr. Uta Karstein und ihr Team befragten in einer deutschlandweiten Online-Umfrage gehörlose und schwerhörige Menschen zu ihrem Freizeitverhalten und ihren kulturellen Interessen. Hinzu kamen 14 Gespräche mit Theaterschaffenden sowie eine Gruppendiskussion mit Besuchern eines inklusiven Stückes in Leipzig.

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Auf der Bühne unsichtbar

Die Befragten berichteten von einer ähnlichen Erfahrung: Ein Gebärdensprach-Dolmetscher am Bühnenrand reicht nicht aus. "Uns interessierte vor allem, welche Barrieren und Bedürfnisse Gehörlose im Hinblick auf ihre kulturelle Teilhabe empfinden", sagt Uta Karstein. Die Antwort war deutlich: Gehörlosenkultur und die Lebensrealität tauber Menschen müssen auf der Bühne sichtbar werden. Und taube Künstlerinnen und Künstler müssen von Anfang an an Produktionen beteiligt sein. "Das bedeutet in der Konsequenz, Stücke anders zu entwickeln, neue künstlerische Arbeitsweisen zu finden und von Anfang an auch taube Akteur:innen mit einzubeziehen", erläutert die Wissenschaftlerin.

Die Interviews mit Schauspielerinnen, Regisseuren und Dolmetschern zeigten, dass die Probleme lange vor der Bühne beginnen. An deutschen Schauspielschulen gibt es keine ausreichenden Ausbildungsmöglichkeiten für gehörlose Menschen. Förderanträge im Kulturbereich sind oft nicht barrierefrei gestaltet. Und selbst wer zu einem Theaterprojekt eingeladen wird, kommt häufig zu spät dazu oder bekommt keine Verdolmetschung. "Die Interviewten schilderten weitreichende Schwierigkeiten, die ihre kulturelle Teilhabe erschweren", sagt Karstein. Wichtige seien deshalb Anpassungen der Strukturen im Theaterbetrieb, die das gesamte Haus mitnehmen und Prozesse neu denken.

Kulturelle Teilhabe als Anspruch

Kulturelle Teilhabe gilt als Menschenrecht und ist in der UN-Behindertenrechtskonvention verankert. Die Ergebnisse der Leipziger Studie zeigen, wie groß die Lücke zwischen diesem Anspruch und der Praxis im Theater noch ist. Sie machen deutlich, dass Inklusion nicht nur einzelne Maßnahmen erfordert, sondern strukturelle Veränderungen im gesamten Kulturbetrieb.

Im Dezember 2025 lud das Team taube und hörende Theaterschaffende zu einem gemeinsamen Workshop ein, um neue künstlerische Formate auszuprobieren. Ergebnisse des Projekts sind auf einem Blog und einem Instagram-Kanal veröffentlicht. Das Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt finanzierte die Studie.

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