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Witajće k nam! - In neun Monaten Sorbisch lernen

Auf einem Fußweg stehen mit Kreide die Worte „Witajće k nam“, darunter ein gezeichnetes Lindenblatt
„Willkommen bei uns!“ steht über dem Lindenblatt, dem Symbol der Sorben. Foto: Franziska Hauptmann
Von: Bürgerjournalismus in Sachsen
„Witajće k nam!” steht groß mit Kreide geschrieben auf dem Boden vor dem Eingang des Krabat-Vorwerkhofs in Groß Särchen. Es bedeutet Willkommen bei uns! Der Gruß richtet sich an die Besucher, die zum Tag der offenen Tür des Domoj-Sprachkurses kommen. Hinter dem Eingang erfolgt der Empfang nach traditionellem slawischen Brauch mit Brot und Salz. Ausgerichtet wird das Programm zum großen Teil von den Sprachschülern, die sich im nun schon zweiten Domoj-Jahrgang in einer kleinen Gruppe intensiv dem Erlernen der sorbischen Sprache widmen.

Ein Bericht von Franziska Hauptmann

Domoj bedeutet „nach Hause“ und ist der Name des neunmonatigen Intensivsprachprogramms des Projektes Zari der Domowina, das sich der Wiederbelebung der sorbischen Sprache verschrieben hat. Mit 100.000 sorbisch Sprechenden bis zum Jahr 2100 hat man sich bei Zari ein großes Ziel gesetzt. Erreicht werden soll dies über verschiedenste Projekte und Engagements, die die sorbische Sprache und Kultur erhalten, fördern und wieder sichtbarer in der Lausitzer Region machen sollen. Laut Projektleiter für den Bereich der Sprachbildung, Julian Nitsche, nimmt das Interesse an der sorbischen Sprache wieder zu. Vor allem in den ursprünglich sorbischen Regionen sind Sprachkurse gut besucht und oft ausgebucht. Die Herausforderung liegt eher darin, dem steigenden Interesse personell gerecht zu werden.

Auch Kursteilnehmer Pascal Nowack aus Schleife spürt ein Umdenken in seiner Generation. Galt das Sorbische vielen lange als altmodisch und ausgrenzend, zeigen nun vor allem Jüngere wieder ein steigendes Bedürfnis, sich mit den eigenen Wurzeln stärker auseinanderzusetzen. Nowack – nicht nur Kursteilnehmer, sondern seit März diesen Jahres sogar Leiter des Sorbischen Kulturzentrums in Schleife – ist mit dem sorbischen Brauchtum aufgewachsen, doch die sorbische Sprache ist in seiner Familie – wie in so vielen anderen auch – verlorengegangen. Erst während seines Studiums fernab der Lausitz ist ihm bewusst geworden, welche Besonderheit in unserer Region verborgen liegt und was für einen großen Schatz das Sorbische birgt. Den gelte es zu bewahren, sagt er.

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Ein Mann hält einen Vortrag vor einem sitzenden Publikum, im Hintergrund Puppen und Abbildungen mit sorbischer Tracht

Vorträge zu sorbischen Themen gehören zum Sprachprogramm.
Foto: Zari/ Domowina


Auch für das nächste Jahr gibt es bereits wieder Interessenten am Domoj-Programm. Wer hier mitmacht, lernt ein dreiviertel Jahr in Vollzeit Sorbisch. Vier Tage pro Woche lernen die Teilnehmenden im Sprachnest in Groß Särchen, den fünften nutzen sie für Selbststudium und Hausaufgaben. Mit Ausnahme einiger weniger, die den Kurs nur an drei Tagen die Woche berufsbegleitend machen, müssen sich die Sprachwilligen für diese Zeit von ihrer Arbeit freistellen lassen. Einige von ihnen haben dafür sogar ihren Job gekündigt. Ein Stipendium für die Vollzeitlernenden soll entlasten, ersetzt aber natürlich kein volles Gehalt. Demnach muss die Motivation, sich für neun Monate voll und ganz dem Sorbischlernen zu widmen, tatsächlich groß sein.

Was sind das für Leute, die diese Mühe auf sich nehmen? „In erster Linie sind es Menschen, die einen familiären Bezug haben“, so Projektleiter Nitsche, „sei es eine Familie mit sorbischen Wurzeln oder ein sorbischer Partner.“ Oft sind auch Sorben im Freundeskreis oder die eigenen Kinder in zweisprachigen Kindergärten oder Schulen ein Beweggrund, die sorbische Sprache erlernen zu wollen. Hinzu kommt: Viele Zugezogene sehen darin eine Chance zur Integration. Und auch Kunst- und Musikschaffende lernen Sorbisch – aus persönlichem oder künstlerischem Interesse – wie z.B. Antje Meichsner aus Dresden. Sie interessierte sich schon lange für Geschichte und versucht, den Ursprung gesellschaftlicher Erscheinungen zu ergründen. Sie selbst habe keine familiären Verbindungen zum Sorbischen, möchte aber dem „westslawischen Teil der Wurzeln unserer Gesellschaft in dieser Gegend“ nachspüren, sagt sie. Sie betreibt damit Artistic Research, also künstlerische Forschung, die dann „in künstlerischen Arbeiten resultieren“ wird, ist sie sich sicher.


Auch Doris Kasper kommt aus der Kunstszene. Ihre Motivation ist jedoch eine andere: „Ich möchte künftig gerne viel freier sprechen und dann auch in der Pause mit den Menschen reden können“. Sie arbeitet am Deutsch-Sorbischen Volkstheater und organisiert u.a. sorbische Theaterstücke auf den Dörfern der Umgebung. Sie begrüßt dort die Zuschauer auf Sorbisch, worauf sie sich bisher entsprechend mühsam vorbereiten musste. Ein Paradox, denn auch sie hat sorbische Wurzeln, ist mit den sorbischen Bräuchen und Traditionen groß geworden. Ihre Mutter war sogar Sorbischlehrerin und dennoch wurde zu Hause nicht sorbisch gesprochen. Für Doris Kasper ist es auch eine Frage der eigenen Identität, sich mit der sorbischen Sprache zu befassen. Ihre anfängliche Skepsis, ob sie die Sprache je beherrschen würde, hat sich längst gelegt. Auch wenn sie sich nicht so ausdrücken könne wie im Deutschen und sich beim Sprechen auf das Wesentliche konzentrieren müsse, sei sie mittlerweile überzeugt, dass sie es schafft, die Sprache zu erlernen. Dass dies realistisch ist, zeigt der erfolgreiche erste Jahrgang 2025. Einige der Teilnehmer arbeiten inzwischen sogar in sorbischen Institutionen. Dabei war das Pilotprojekt durchaus mit vielen Unsicherheiten verbunden, erinnert sich die Kurslehrerin Jadwiga Bresan, Dozentin für Sprachbildung im Projekt Zari der Domowina: „Ich habe mich schon ziemlich unter Druck gesetzt, ob ich es jetzt schaffen werde oder nicht, alle zu einem bestimmten Sprachniveau zu führen.“ Zum Ende des Kurses sollten alle Teilenehmer mindestens das Sprachniveau B1 erreichen. Dabei gab es keinen Lehrplan, keine Erfahrung mit dem Konzept des „Sprachnestes“, dass sich an der Immersivmethode orientiert. Diese gilt als eine der effektivsten Methoden des Spracherwerbs. Die neue Sprache wird dabei nicht durch Auswendiglernen wie in der Schule gelernt, sondern beiläufig, wie beim Erwerb der Muttersprache als Kleinkind. Zwischen dem Unterrichten von Kindern und Erwachsenen gibt es allerdings große Unterschiede. „Erwachsene haben relativ viele Hemmungen, weil sie immer alles perfekt machen wollen“, sagt Jadwiga Brezan. Diese Hemmungen zu verlieren und einfach ins Sprechen zu kommen, sei ganz wichtig, meint sie. Das sogenannte Sprachnest bietet hierfür einen geschützten Raum für eine ungestörte und ungezwungene Lernerfahrung. Mit innovativen Methoden, Ausflügen und Vorträgen, einem Praktikum in einem sorbischsprachigen Umfeld sowie der Arbeit an einem eigenen Projekt soll dies erreicht werden. Wichtig sei in jedem Fall ganz viel Abwechslung, ist Julian Nitsche überzeugt. Die meisten seien ja schon eine ganze Weile aus der Schule raus und gerade für die Anfänger stelle die slawische Sprache ein völlig unbekanntes Sprachsystem dar, an das man sich erst gewöhnen müsse.

Mehrere Personen in einer Küche bereiten gemeinsam etwas zu. Sie tragen Schürzen und stehen um eine Arbeitsfläche mit Kochutensilien, Zutaten und einem Kochfeld.

Sorbisch wird auch beim gemeinsamen Kochen gelernt.
Foto: Zari/ Domowina


Das unterschiedliche Sprachniveau der Lernenden zu Beginn des Kurses stellt die Lehrer vor eine große Herausforderung. Ob Anfänger oder Fortgeschrittener – jedem mit seinen Anforderungen und Wünschen gerecht zu werden, ist kein leichtes Unterfangen. Für Jadwiga Bresan ist es „eine Herzensangelegenheit, die Sprache weiterzugeben und auch die Tradition“. Nicht, um die Sprache künstlich zu erhalten, sondern mit der Absicht, dass auch andere etwas Wertvolles darin finden. Wer Sorbisch beherrscht, könne sich z.B. auch auf Tschechisch oder Polnisch mit den Menschen verständigen oder im Urlaub in Kroatien, sagt sie.

Das Sorbische spiele auch als Wirtschaftsfaktor eine große Rolle, wie Pascal Nowack schon nach kurzer Zeit bei seiner Arbeit im Sorbischen Kulturzentrum in Schleife feststellen konnte. Allein um die Osterzeit kommen unzählige Touristen. Die Region mit ihrer Zweisprachigkeit und ihren sorbischen Bräuchen sei schon etwas Besonderes, stellt er fest.

Julian Nitsche sieht im Sorbischen ein Alleinstellungsmerkmal, „was auch eine Verbundenheit mit der Region schafft“. Er ist überzeugt, dass man ohne Sorbisch eine kleine, aber vielfältige Welt verpasst, die direkt vor der eigenen Tür liegt: „Ich kann für mich sagen, dadurch dass ich Sorbisch beherrsche, kann ich ein Teil dieser Welt sein. Das ist ein starker positiver Faktor, der mich hier in der Lausitz hält.“

Sorbisch ist eine der anerkannten Minderheitensprachen in Deutschland. Wenn sie verschwindet, geht auch ein Teil kultureller Vielfalt verloren.


Weitere Informationen zum Sprachkurs unter: unter www.zari-domowina.de/sorbisch-lernen/domoj
Die Bewerbungsphase für das kommende Jahr startet im August.



Dieser Artikel ist im Rahmen des Projekts "Bürger machen Journalismus" entstanden.
Mehr Informationen zum Projekt - und wie auch Sie teilnehmen können - finden Sie unter: www.buergerjournalismus-sachsen.de

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