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Was Dresdens beste Schwimmerin über ihre EM-Sensation sagt

Was Dresdens beste Schwimmerin über ihre EM-Sensation sagt
Maya Tobehn setzte bei der Schwimm-Europameisterschaft ein glanzvolles persönliches Schlusslicht. Foto: privat
Von: Alexander Hiller
Maya Tobehn vom Dresdner SC krönt nach einer Lebenskrise ihr beeindruckendes sportliches Comeback mit Silber bei den Schwimm-Europameisterschaften. Zufrieden ist sie dennoch nicht.

Ein schmerzvoller, süßer Augenblick. Nach kraftraubenden 200 Meter Freistil schlägt Maya Tobehn am Samstag im Pariser Becken der Schwimm-Europameisterschaft an. Ihr Kopf taucht aus dem Wasser, dreht sich kurz zur Anzeigetafel. Der Blick wandert zurück - die drei Teamkollegen Lukas Märtens, Jarno Baschnitt, Linda Roth jubeln euphorisch, beugen sich zur Schluss-Schwimmerin vom Dresdner SC runter, streichen vorsichtig über die Badekappe oder nehmen die müden Hände von Tobehn. 

Der gebürtigen Berlinerin ist in der Mixed-Staffel über 4x200-Meter Freistil ihr Meisterstück bei der Schwimm-EM in Paris gelungen. Die 24-Jährige vom Dresdner SC übernahm das deutsche Quartett als Dritte und führte es auf Rang zwei hinter Europameister Großbritannien. Das Besondere dabei: Tobehn ist mit 1:55,65 Minuten die zweitschnellste Frau überhaupt unter den 16 Schwimmerinnen im Feld der acht Mixed-Staffeln im Finalfeld.

Zum Vergleich: Den deutschen Rekord über 200 Meter Freistil hält seit 2007 Annika Lurz mit 1:55,68 Minuten. Im EM-Einzel hätte Tobehn mit dieser Staffel-Zeit Bronze geholt. "Durch den fliegenden Wechsel, im Vergleich zur Reaktionszeit beim Startsignal und durch die völlig andere Ausgangssituation muss man da ein paar Zehntel draufrechnen. Wir starten in der Staffel im Stehen, man hat mehr Schwung aus den Armen und dadurch eine höhere Anfangsgeschwindigkeit", erklärt sie. 

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Dennoch mutet ihre Leistung phänomenal an. "Ich kann das immer noch nicht richtig glauben", bilanziert Maya Tobehn am Dienstag. "Ich wusste ja nicht, dass ich so ein Ding zünden kann, was die Zeit angeht. Es hat sich für mich auch nicht nach so schnell angefühlt", sagt sie. "Als ich registriert habe, dass es zu Silber gereicht hat, kamen mir sofort die Tränen. Das war ein Mix aus unfassbar großen Schmerzen vom Schwimmen und unfassbar großer Erleichterung über diese Platzierung bei dieser unglaublich stark besetzten EM." 

Trainer sieht sich bestätigt

Deren Vereins-Trainer Martin Dautz dürfte sich in seiner Meinung bestätigt fühlen, der seinen Schützling für die geborene Schluss-Schwimmerin in der Staffel hält. Dort kann sie sich an der Konkurrenz festbeißen und hochpushen wie kaum eine andere. "Wir konnten uns ja nur daran orientieren, wie es früher war. Ob das heute noch so ist, wussten wir nicht. Man kann sich nur daran festhalten, was man damals gemacht hat", sagt sie.

Dieses Damals war ihre erste Karriere. In ihrer Jugend galt Maya Tobehn als begnadetes Schwimmtalent, sie gewann elf Medaillen bei Nachwuchs-Europameisterschaften, 27 Goldmedaillen bei nationalen Meisterschaften in nur drei Jahren. Nachdem sie 2021 die Olympiaqualifikation für Tokio knapp verpasste, fiel die Berlinerin in ein mentales Loch, zog sich sogar aus ihrem sozialen Umfeld zurück. Burnout. Nichts geht mehr. Das Talent beendete seine Karriere, bevor die richtig begonnen hatte. 

Drei Jahre später zog Tobehn von Dresden nach Berlin um - und wagte trotz erheblicher körperlicher Veränderungen ein Comeback. Sie nahm innerhalb von einem Jahr insgesamt 30 Kilogramm ab - und feierte in diesem ersten kompletten Wettkampfjahr nach der Karriere-Pause eine sensationelle sportliche Auferstehung. "Ich bin froh, dass ich scheinbar immer noch eine ganz gute Schluss-Schwimmerin bin." Von ihrer Position hat sie erst am Abend vorher erfahren. 

Ihr persönliches Happyend in Paris versöhnte die ehrgeizige Athletin mit ihren Leistungen vor der Sensations-Staffel. Tobehn war als beste deutsche Schwimmerin über 200 Freistil nach Frankreich angereist, konnte aber weder in der 4x200-Meter Staffel der Frauen, als auch im Einzel an ihre Saisonbestzeit von 1:57,25 Minuten heranreichen. Das Staffel-Quartett der Damen verpasste am vorigen Montag nur um 0,01 Sekunden die Bronzemedaille - mit Maya Tobehn als Start-Schwimmerin.


Maya Tobehn wartete in Paris mit einer sensationellen Staffelleistung auf. Foto: Alexander Hiller

Diese um einen Wimpernschlag verpasste Medaille nahm die älteste Schwimmerin im deutschen Quartett gleich auf ihre Schultern. "Das Training lief wirklich gut, ich bin wirklich starke Zeiten geschwommen, schneller als vor meiner Bestzeit. Das Einschwimmen war schnell und kraftvoll. Aber im Wettkampf im Becken hat sich das nicht so angefühlt, wie beim Training vorher", sagt sie. Ihre Teamkolleginnen hielten die Wahl-Dresdnerin aber unisono davon ab, bei sich die Schuld zu suchen. "Das halte ich dran fest. Aber alle waren superlieb, dass spricht auf jeden Fall für einen guten Teamgeist." 

Ihr Anfangstief zum Start der EM macht sie derzeit an den Finals fest. Die Teilnahme bei den Schwimmwettbewerben des Multisportevents in Hannover war für alle deutschen EM-Teilnehmer zwei Wochen vor dem Höhepunkt verpflichtend. "Die Finals waren von der Belastung ein bisschen zu viel zu dem Zeitpunkt. Da macht man eigentlich noch viele Sachen im Training macht, auf die man nicht verzichten kann." Vier Strecken musste sie dort schwimmen. "Das war für mich persönlich sehr, sehr ungünstig. Ich werde ja auch nicht jünger, hätte zwei, drei Tage länger zur Erholung gebraucht. Und die waren es letztlich auch bei der EM. Der Abschluss in der Staffel passte da wie die Faust aufs Auge", sagt sie. 

Auferstehung als Inspiration für andere Betroffene

Auch deshalb könne die Silbermedaille ihre anderen Starts aber nicht aufwiegen, die sie als suboptimal ansieht. "Ich betrachte jedes Rennen einzeln. Na klar freue ich mich im Großen und Ganzen über die Platzierung und die Zeit, die ich da am Ende noch einmal hinlegen konnte. Aber es ärgert mich wahnsinnig für Montag. Und auch, dass ich Einzel-Semifinale den Finaleinzug verpasst habe", erklärt sie und schließt diese Selbstkritik aber positiv ab: "Ich freue mich wahnsinnig, ist für mich persönlich unbegreiflich, wird über den Urlaub jetzt noch ein bisschen dauern." 

Maya Tobehn hat sich mit ihrem triumphalen Schlussakkord auch selbst bewiesen, welches Potenzial noch in ihr schlummert. Denn die Fotografie-Studentin hat ihr sportliches Comeback immer als Experiment an sich verstanden, als den Kampf gegen sich selbst. Was geht noch? Wo liegen meine Grenzen? Was kann ich wirklich leisten? "Die Geschwindigkeit war auf jeden Fall da. Damit kann man arbeiten und sie ausbauen. Ich habe gesehen, was möglich ist. Und meine Ambition ist, dass wir mit weiterem Training, mit neuen Reizen in eine ähnliche Zeit im Einzel umzuwandeln", sagt die 24-Jährige. "Ich freue mich tatsächlich auch schon wieder aufs Training. Auch auf den Anfang der Saison. Aber der kurze Urlaub ist natürlich superwichtig." 

Ihre besondere Geschichte mit diesem eindrucksvollen Comeback nach einer tiefen Lebenskrise machte während der Saison auch deutschlandweit Schlagzeilen. Tobehn ist dieser Worte ein bisschen überdrüssig. "Das ist ganz schwer zu erklären, ich bin keine, die gern Aufmerksamkeit bekommt, bin gern für mich. Es freut mich aber, wenn ich anderen Leuten damit helfen kann. Ein, zwei Leute haben mich auch angeschrieben, dass es für sie inspirierend ist. Man sollte sich eben auf keinen Fall für so ein Tief, für so eine Krise schämen. Dass ich damit Anstöße geben kann, freut mich schon", sagt sie.

Alexander Hiller
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Alexander Hiller

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