Logo Die Sachsen News
Nachrichten / Sport

Ein Politikum? Bautzner Profi-Boxer kämpft um die WM - in Russland

Ein Politikum? Bautzner Profi-Boxer kämpft um die WM - in Russland
Michael Eifert steht vor seiner größten Herausforderung. Doch sein WM-Kampf um die IBF-Krone im Halbschwergewicht findet ausgerechnet in Russland statt. Foto: Team SES
Von: Alexander Hiller
Michael Eifert ist bereits seit drei Jahren offizieller Herausforderer des Weltmeisters im Halbschwergewicht. Nun trifft er am 30. Mai auf den unumstrittenen Vierfach-Weltmeister Dmitri Bivol. Doch Eiferts Management schweigt bisher. Denn da gibt es ein Problem.

Eigentlich ist die Sache klar und seit knapp zwei Wochen auch offiziell. Der gebürtige Bautzner Profiboxer Michael Eifert bekommt seinen lang ersehnten WM-Kampf gegen einen der derzeit besten Faustkämpfer der Welt. Der 28-jährige Deutsche steht am 30. Mai gegen den Russen Dmitri Bivol im Ring. Der 35-jährige ist Weltmeister im Halbschwergewicht in gleich vier Weltverbänden und damit die unumstrittene Nummer eins in der Gewichtsklasse, die einst Henry Maske prägte. 

Die Chance auf diese Herausforderung nach sage und schreibe drei Jahren Wartezeit ist völlig verdient. So lange wird der dreifache Familienvater schon als Nummer eins der Weltrangliste des Weltverbandes IBF und damit offizieller Herausforderer des IBF-Weltmeisters geführt. 

Verschiedene internationale Medien haben den Termin Ende Mai bereits bestätigt, sowie mit Vadim Kornilov auch vom Manager des Weltstars Bivol. Auch beide Boxer posten auf ihren Social-Media-Kanäle regelmäßig Fotos, die das Event bewerben. Der Magdeburger Boxstall SES, bei dem Eifert unter Vertrag steht, verhält sich allerdings merkwürdig still, hat sich dahingehend noch nicht geäußert, auch auf Nachfrage von diesachsen.de nicht.

Mehr aus dieser Kategorie

Der Grund für das Schweigen liegt am Austragungsort: die UMMC Arena im russischen Jekaterinburg. In Russland also. Damit stellt sich die Frage: Sollte ein deutscher Box-Profi jetzt im Land des Kriegsaggressors antreten? Und darf der das überhaupt? 

BDB-Chef: Der Ort ist sowas von unpassend

Die Diskussion darüber wird längst geführt, bislang aber nicht in der Öffentlichkeit. Erstmals äußert sich nun Thomas Pütz dazu, der als Präsident des Bundes Deutscher Berufsboxer (BDB) auch über die nötige Expertise verfügt. Denn der Dachverband reguliert den nationalen Berufsboxsport, vergibt nationale Titel, lizenziert Boxer, Trainer sowie Promoter und sorgt für die Einhaltung von Sicherheits- und Dopingbestimmungen. 

„Ich freue mich erst einmal riesig für Michael Eifert, der so lange auf diese Chance gewartet hat“, sagt Thomas Pütz, Chef des Bundes Deutscher Berufsboxer (BDB) auf Nachfrage von diesachsen.de. Denn den Status des offiziellen WM-Herausforderers hatte sich Eifert, der seit langer Zeit im Allgäu lebt, bereits im März 2023 erarbeitet. Mit einem in dieser Souveränität völlig überraschenden Punktsieg in Kanada über Ex-Weltmeister Jean Pascal. 


Seinen bisher letzten Kampf bestritt Michael Eifert (l.) gegen den überforderten und limitierten Venezoelaner Carlos Eduardo Jimenez. Das ungleiche Duell endete in Runde zwei. Foto: Team SES

„Die IBF hat Michael in den letzten zweieinhalb Jahren verarscht, immer wieder fadenscheinige Ausreden gefunden“, meint Pütz. Fakt ist: Mit einem Duell gegen den international unbekannten Eifert verdient Bivol und der veranstaltende Weltverband schlichtweg weniger Geld. In seinem letzten Kampf - der Revanche eines WM-Vereinigungsfights gegen den bis dahin ungeschlagenen Artur Beterbiev - soll Bivol eine zweistellige Millionensumme kassiert haben. 

In Jekaterinburg fällt der Verdienst deutlich geringer aus und steht aufgrund des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine unter besonderer Beobachtung. „Der WM-Ort ist sowas von unpassend. Damit ist Michael Eifert nicht glücklich, ganz im Gegenteil. Aber welche Möglichkeiten hat er denn“, fragt Pütz und beantwortet die Frage gleich selbst: „Er kann sagen, ich trete nicht an. Da würde ich sagen: Chapeau! Aber er beraubt sich damit der Möglichkeit für den Kampf seines Lebens.“

Auch Eifert hält sich mit Statements zurück

Eifert, im Alter von vier Jahren mit seiner Familie von Bautzen in den Allgäu gezogen, hat sich noch nicht geäußert, sondern bislang kommentarlos lediglich Ankündigungs-Fotos gepostet. Würde er den WM-Kampf platzen lassen, ausgenommen wegen einer Verletzung, fiele der 28 Jahre alte Sohn russischer Einwanderer in der Weltrangliste weit zurück. 

Theoretisch könnte der deutsche Verband eine Startgenehmigung verweigern - wird dies aber nicht tun. „Ich gönne ihm einfach diese Chance. Er ist ja ein Opfer dieser Geschichte“, so Pütz. Er sieht stattdessen die Weltverbände in der Pflicht.

„Die haben den Kampf sanktioniert, hätten aber sagen müssen: Wir lassen nicht zu, dass er in Russland steigt“, sagt Pütz. Die in den USA ansässige IBF hat dem Ort ebenso zugestimmt, wie IBO und WBO, um deren WM-Gürtel es ebenfalls geht. „Das ist der wahre Skandal an der Geschichte. Ich habe bei den Weltverbänden jeweils gegen diese Entscheidung interveniert“, sagt der BDB-Chef, "aber vergebens." 

Weltverbände handeln gegen eigene Vorgaben

Zu Beginn des Ukraine-Krieges hatten die vier größten Profibox-Weltverbände noch offiziell und grundsätzlich erklärt, keine Titelkämpfe mehr in Russland auszutragen. „Das ist über die vier Jahre komplett aufgeweicht worden“, sagt Pütz. 

Der 60-jährige, in diversen Funktionen schon bei vielen WM-Kämpfen in aller Welt dabei - u.a. vor Kriegsausbruch auch in Jekeraterinburg -, ist sich noch nicht sicher, ob er den historischen WM-Kampf von Michael Eifert vor Ort verfolgen wird, obwohl er das als seine Pflicht betrachtet. "Da geht es um mehrere WM-Titel für einen deutschen Boxer. Es ist meine Pflicht, dort dabei zu sein, Michael zu supporten. Ich weiß aber nicht, ob ich dorthin fahre. Aber kann ich das, will ich das. Kann ich das für mich verantworten. Ich bin da zwiegespalten", fragt sich Pütz. 

Denn die Befürchtung ist - und das haben vorherige Box-Event in Russland immer wieder bewiesen - dass die Gastgeber den WM-Kampf instrumentalisieren: "Natürlich ist der Sport schon immer missbraucht worden für politische Statements", sagt Pütz. Denn möglichweise muss sich Eifert im direkten Vorhinein bei Pressekonferenzen zu Jekaterinburg und mit der biografischen Vergangenheit seiner Eltern auch zu Russland äußern. 

Dabei hätte Michael Eifert ganz andere Dinge zu erzählen. Denn er könnte der erst zweite Profibox-Weltmeister aus Sachsen werden. Der 2018 im Alter von 47 Jahren verstorbene Markus Beyer war 1999 der erste Faustkämpfer aus dem Freistaat mit einem Weltmeistergürtel der vier großen und weltweit anerkannten Fachverbände. 

Der aus Erlabrunn stammende Beyer entthronte damals den britischen Titelträger Richie Woodhall in dessen Heimat und schnappte sich den WM-Gürtel im Supermittelgewicht nach Version des World Boxing Council (WBC). Den Titel verlor er zweimal und wurde 2004 zum dritten Mal WBC-Weltmeister. Ein seltenes Meisterstück. 

Alexander Hiller
Artikel von

Alexander Hiller

Alexander Hiller ist für die Inhalte selbst verantwortlich. Es gilt der Kodex der Plattform. Die Plattform prüft und behandelt Inhalte gemäß den gesetzlichen Vorgaben, insbesondere nach dem NetzDG.

Social Media

METIS