Zuse-Museum Hoyerswerda: Ein Schatz, den keiner bezahlen will
Ein Bericht von Ulf Mallek
Hoyerswerda. Der eigentliche Schatz liegt im Keller. Eine Welt für Technik-Freaks. Da steht ein früher Apple Macintosh neben einem Robotron K 1520, dem Arbeitspferd der Büros in der DDR. Regal für Regal, Reihe für Reihe vollgestopft mit Schätzen aus einer vergangenen digitalen Welt. Ein Höhepunkt ist sicher der Poly-Play aus dem VEB Polytechnik Karl-Marx-Stadt, der einzige Spielautomat der DDR. Er funktioniert sogar noch. Tadellos. Eine Demonstration beweist es.
Die Rede ist vom Zuse-Computer-Museum in Hoyerswerda. Rund 1.000 Quadratmeter misst die Ausstellung im Sockel des Plattenbaus an der Dietrich-Bonhoeffer-Straße, gestaltet mit übersichtlich und sehr aufwändig platzierten Textebenen an den Wänden. Hinzu kommen rund 1.000 Quadratmeter im Depot darunter. Dort lagern etwa 18.000 Geräte, dazu kommt eine Fachbibliothek mit 6.000 Bänden. Seit dem 1. September ist das Museum für die Öffentlichkeit geschlossen. Grund: Finanzierungsschwierigkeiten. Die Stadt Hoyerswerda nimmt das hin, der Förderverein nicht. Sein Vorsitzender Gerhard Walter sieht eine neue Hoffnung hinterm Horizont. Oder schon davor?
Denn so einfach abwickeln lässt sich das Museum nicht. Träger ist die ZCOM-Stiftung, 2014 gegründet von der städtischen Wohnungsgesellschaft Hoyerswerda (WH) und dem Förderverein Konrad Zuse Forum, mit 50.000 Euro Kapital. Die WH will aussteigen. Sie hat natürlich ihre Gründe. Jährlich erlässt sie dem Museum 110.000 Euro Miete. Das ginge jetzt nicht mehr. Man müsse Geld verdienen. Außerdem habe schon das Finanzamt ein Auge auf die Angelegenheit geworfen. Ob die nominale Miete nicht zu gering angesetzt ist, frage es. Mit dem Wegfall dieses Geldes kann das Museum nicht mehr arbeiten. Doch die Stiftung ist nach Angaben von Beteiligten auf Dauer angelegt und lässt sich nicht so einfach auflösen. Der Förderverein will nicht aufgeben und zieht an jeder Strippe, die er greifen kann.
Der Plan: eine gemeinnützige GmbH
Ein Businessplan für eine gemeinnützige GmbH sieht vor, den Betrieb ab 2027 neu aufzustellen, getragen von Stiftung und Förderverein. Intern wird mit laufenden Kosten von 581.665 Euro im Jahr gerechnet. Dem stehen Erlöse von 206.000 bis 241.000 Euro gegenüber, bei angenommenen 20.000 Besuchern (2025 waren es rund 10.000) und 80 bis 150 Bildungsformaten im Jahr. Übrig bleibt eine Lücke von 341.000 Euro. Geplant sind acht Stellen. Mehr Geld sollen höhere Eintrittspreise bringen, vor allem für Führungen, und ein Café-Shop mit geplant rund einem Euro Umsatz pro Besucher, ohne zusätzliches Personal.
Führen soll die gGmbH wohl Alexander Sakuth, seit Juni Museumskoordinator im ZCOM. Er verhandelt auch schon mit Oberbürgermeister Torsten Ruban-Zeh (SPD), so ist die Rede. Im Umfeld des Fördervereins heißt es, der OB sei gar nicht mal so abgeneigt. Falls das Projekt schiefgeht, bewahrt die GmbH-Struktur die Beteiligten vor allzu großen Kosten. Risikominimierung also.
Die Gegenrechnung der Stadt
Die Stadt hat ihre eigene Rechnung aufgemacht. Am 30. Juni beschloss der Stadtrat mit 12 zu 11 Stimmen bei 4 Enthaltungen, den jährlichen Zuschuss von 25.000 Euro ab 2027 zu streichen. Die Gründe stehen in der Beschlussvorlage. Erwartet wurden 20.000 bis 25.000 Besucher im Jahr, gekommen sind zwischen 2017 und 2025 im Schnitt 8.000 bis 10.000. 2025 waren es 10.314, Schulklassen eingerechnet, und nur rund 30 Prozent zahlten den vollen Eintritt. 2026 fehlen 93.000 Euro, für 2027 müsste die Stadt laut Prognose 250.000 Euro zuschießen. Ein tragfähiges Konzept lag bis dahin nicht vor, eine mögliche Rolle als Tourismusfaktor sei nicht belegt. Die Verwaltung lege deshalb „den Schwerpunkt auf die Haushaltskonsolidierung“. Zugleich betont die Stadt: „Die Vorlage ist keine Absage an Konrad Zuse.“

Am Modell des Z1 von Konrad Zuse (v. l. n. r.): Prof. em. Eberhard Kühn, IT-Experte, Wolfgang Kunde und Gerhard Walter vom Förderverein. Foto: Ulf Mallek
Konrad Zuse (1910–1995) gilt als einer der Erfinder des Computers. 1941 stellte er in Berlin mit dem Z3 den ersten funktionsfähigen, frei programmierbaren und vollautomatischen Rechner der Welt vor. Er arbeitete mit dem Binärsystem, also mit Nullen und Einsen, mit denen bis heute Supercomputer und jedes Smartphone rechnet. Mit dem „Plankalkül“ entwarf er zudem die erste höhere Programmiersprache. Hoyerswerda war für ihn mehr als eine Durchgangsstation: Hier verbrachte er seine Jugend und legte 1928 das Abitur ab. Am 19. September 1995 betrat der damals 85-jährige Zuse als Erster den Ausstellungsraum des neuen Museums. Die Stadt Hoyerswerda ernannte Konrad Zuse daraufhin zum Ehrenbürger. Das war 1995 kurz vor seinem Tod. In dem Jahr traf er auf der Computermesse CeBit in Hannover den Microsoft-Gründer Bill Gates. Zuse, der sich im Alter intensiv der Malerei gewidmet hatte, überreichte Gates ein von ihm selbst gemaltes Ölgemälde. Dieses Porträt zeigt Bill Gates und hängt bis heute in der Microsoft-Zentrale in Redmond (USA). Wer heute über Chipfabriken in Dresden und Künstliche Intelligenz spricht, redet letztlich über das, was in Zuses Wohnzimmer begann.
Das weiß natürlich auch die Stadt. Aber die große Finanzlücke bedrückt sie. Man könne sie nur schließen, wenn andere Themen gestrichen werden, sagt der OB Ruban-Zeh. Das ginge aber nicht. An Zuse erinnern will er künftig im Neustadtforum, „über Bilder, aber auch über Technik, aber nicht so viel“.
Die WH hatte schon am 31. Juli 2025 im Aufsichtsrat beschlossen, ihre Spende von 110.000 Euro im Jahr Ende 2026 einzustellen. Weitere Geldgeber seien „kurz-/mittel sowie langfristig nicht in Sicht“, heißt es in der Vorlage. Das stimmt jetzt aber nicht mehr.
Der Hebel: 25.000 Euro
Bemerkenswert ist, wie gut beide Rechnungen zusammenpassen. Zieht man von der Lücke im Businessplan die Kulturraumförderung ab, 2026 waren das 88.000 Euro, bleiben rund 250.000 Euro. Das ist genau der Betrag, den die Stadt nennt. Gestritten wird also weniger über die Stimmigkeit der Zahlen als darüber, wer sie trägt.
Hier kommt ein anonymer Spender ins Spiel. Eine Stiftung hat 250.000 Euro in Aussicht gestellt, unter der Bedingung, dass der bisherige Standort erhalten bleibt und das Konzept modernisiert wird. Nach Angaben des Fördervereins verlangt sie außerdem, dass die Stadt das Museum weiter unterstützt und ihren Sitzgemeindeanteil zahlt. Ohne diesen Anteil wackelt auch die Kulturraumförderung. Nach der Richtlinie des Kulturraums Oberlausitz-Niederschlesien muss die Sitzgemeinde bei institutioneller Förderung 15 Prozent der Kosten tragen. Mit dem Ende der WH-Spende würde der Stadtanteil laut OB auf 75.000 bis 80.000 Euro steigen. Doch nach Angaben des Fördervereins würden 25.000 Euro Sitzgemeindeanteil reichen, um die Kulturraumförderung weiter zu erhalten. „Hoyerswerda wäre doch sehr einfältig, wenn es wegen 25.000 Euro auf eine Viertelmillion verzichtet“, sagt Wolfgang Kunde vom Förderverein.
Ein zerrissener Rat
Wie schwer die Entscheidung der Stadt fiel, zeigt die Stellungnahme der Fraktion Aktives Hoyerswerda/Grüne. Ein Teil hielt weitere Zuschüsse „derzeit nicht für verantwortbar“, weil „ein tragfähiges Konzept, eine gesicherte Leitungsperspektive und eine belastbare Finanzierungsstruktur“ fehlten. Andere warnten davor, das ZCOM „gerade jetzt aufzugeben“. Mit dem Smart Mobility Lab und dem Deutschen Zentrum für Astrophysik in der Stadt sahen sie „eine vielleicht letzte Chance“. Das Fazit: „Unsere Fraktion ist in dieser Frage erkennbar zerrissen.“

Blick in die Ausstellung des ZCOM. Foto: Ulf Mallek
Der Förderverein hält dagegen. „Kultur und Bildung wird immer ein Zuschussbetrieb bleiben“, sagte Wolfgang Kunde, bisheriger Vorsitzender. Gemeinsam mit Nachfolger Gerhard Walter wollen sie das Haus „als Bildungs- und Motivationsort“ erhalten.
Fragen an den Plan
Auch der Rettungsplan, der als Präsentation für den möglichen Sponsor erarbeitet wurde, muss sich Fragen gefallen lassen. Er rechnet mit 20.000 Besuchern, fast doppelt so vielen wie 2025, und mit einer Marke, die das Haus seit der Eröffnung 2017 nie erreicht hat. Woher der Zuwachs kommen soll, ist offen. Sind acht Stellen bei bisher rund 10.000 Besuchern nötig? Zuletzt arbeiteten noch vier Menschen im bereits geschlossenen ZCOM. Selbst wenn alles aufgeht, bleibt jedes Jahr eine Lücke von 341.000 Euro, die öffentliche Hand oder Sponsoren schließen müssten. Die Spende hilft einmal, nicht dauerhaft. Und Fördertöpfe wurden nicht immer genutzt.
Die Alternativen
Erwogen wird ein Verbund mit der Energiefabrik Knappenrode. Sie gehört zum Sächsischen Industriemuseum und zählte 2025 rund 23.000 Museumsbesucher. Versuche des ZCOM, in diesen Zweckverband aufgenommen zu werden, blieben laut Stadt erfolglos. Der Förderverein hält es für „äußerst fragwürdig“, die Sammlung dort zwischenzulagern. Ein Umzug hätte noch einen Haken: Der Spender will den bisherigen Standort. Belegt sind rund 3,3 Millionen Euro Baukosten für den Umbau. Der Förderverein sagt, das reiche niemals. Im Umfeld von Förderverein und Stiftung wird die gesamte Investition auf rund sieben Millionen Euro geschätzt, ein Neuaufbau an anderem Ort auf etwa zehn Millionen. Der Verein plant zudem Gespräche mit Freistaat und Bund. Diskutiert wird ein Stufenplan, der von Stadt und Landkreis über Land und Bund notfalls bis zur EU reicht.
Wie es weitergeht
Die Zeit drängt. Ab dem 1. Januar 2027 zahlt die WH nichts mehr, der Mietvertrag ist gekündigt. Was mit dem Museum wird, mit den Exponaten und dem Depot ist völlig unklar. Es würde Millionen kosten, das alles abzubauen und neu aufzustellen. Und findet die WH dann überhaupt einen neuen Mieter für die Fläche? Vor einem Jahr war mal von einem Biomarkt die Rede. Doch dieses Museum übergabefertig zu machen, sieht nach einem extrem teuren Mammutprojekt aus. Am besten wäre es, das Museum bliebe drin und zahlte marktgerechte 150.000 Euro Miete, sagt der Förderverein. Eine weitere Idee treibt den Förderverein um. Gerhard Walter möchte den Dresdner ESMC-Chef Dr. Christian Koitzsch zu einem Besuch des Museums einladen. Vielleicht hilft es ja?
Laut Stadt kann sich der Rat erneut mit dem ZCOM befassen, wenn es eine tragfähige Grundlage gibt. Möglicherweise ist eine gGmbH ja so etwas. Eine Anfrage an den Oberbürgermeister der Konrad-Zuse-Stadt läuft. Bis dahin bleibt der Keller voll.