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Wann liest man noch Informationen aus Nettelwitz oder Krögis? Wie der Lokaljournalismus im Landkreis Meißen noch zu retten ist

Foto: Blick über die Elbe auf die hoch aufragende Burg Meißen, im Hintergrund Türme des Doms
Die Attraktion von Meißen: Der Burgberg. Foto: Ulf Mallek
Von: Bürgerjournalismus in Sachsen
Ulf Mallek kennt die Sächsische Zeitung von innen. Jahrzehntelang war er Regionalchef Elbland, verantwortlich für die Berichterstattung aus Meißen, Radebeul, Großenhain und Riesa. Seit November 2024 betreibt er mit „Meißen News“—ein tägliches, kostenfreies Lokalnachrichtenangebot auf der Plattform DieSachsen.de. Parallel trainiert er im Rahmen eines Forschungsprojekts der Universität Leipzig, des DJV mit Förderung der VolkswagenStiftung Bürgerjournalisten in Meißen.

Ein Gespräch der Meißner Bürgerjournalistin Ostara Jasmin Hennig, über Versteppung, Vertrauen—und die Frage, was verloren geht, wenn niemand mehr hinschaut.

Herr Mallek, Sie haben die Sächsische Zeitung nach vielen Jahrzehnten verlassen und sind ganz regulär in Rente gegangen. Warum haben Sie sich entschieden, die Füße nicht hochzulegen, sondern mit Meißen News noch einmal komplett neu durchzustarten—und spielten die Veränderungen im Verlagswesen dabei eine Rolle?

Ja, ganz sicher auch. Die Idee für Meißen News entstand aus der Beobachtung, dass insbesondere in ländlicheren Gebieten ein Mangel an lokal fokussierten Nachrichtenplattformen besteht. Die großen Regionalzeitungen ziehen sich wegen Personalmangels aus der Fläche, also vor allem aus den ländlichen Gebieten, zurück. Es fehlt ganz einfach an Informationen aus kleineren Orten. Wir sehen es als eine Aufgabe für uns, das zu ändern. Das Ziel ist, eine kostenlose Newsplattform für den Landkreis Meißen aufzubauen. Das machen wir gemeinsam mit DieSachsen.de.

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Die Wissenschaft warnt vor „Nachrichtenwüsten“ im Lokalen. Wenn Sie sich im Landkreis Meißen umschauen: Wo merken die Menschen hier schon ganz konkret, dass journalistische Angebote verschwinden oder einseitiger werden?

Das Angebot der Lokalzeitungen wird dünner. Wann liest man noch Informationen aus Nettelwitz oder Krögis? Die Redaktionen konzentrieren sich auf die Städte, auf Orte, in denen viele Menschen wohnen, um einen möglichst breiten Rezipientenkreis zu erreichen. Kleinere Orte haben dann eben Pech.

Sie arbeiten jetzt auf einer rein lokalen Online-Newsplattform. Was unterscheidet eine typische Geschichte auf Meißen News von dem, was man heute noch in den klassischen Regionalzeitungen liest?

Eigentlich nicht sehr viel. Wir produzieren Nachrichten nach ähnlichen Qualitätsstandards wie die Lokalzeitung. Besser werden müssen wir noch mit Reportagen, Porträts und Kommentaren. Aber das ist eine Kraftfrage.

Täglich, kostenlos und ohne Paywall—auf welche Weise lässt sich ein solches Modell langfristig wirtschaftlich steuern, ohne die journalistische Unabhängigkeit zu verlieren?

Wenn man kein Geld fürs Abo nimmt, muss man Anzeigenkunden gewinnen. Das ist schwierig. Wir sind der Schwerter Brauerei und der Sparkasse Meißen sehr dankbar, dass sie uns unterstützen. Sie nehmen keinen Einfluss auf den journalistischen Inhalt. Wir benötigen noch mehr solcher Unterstützer. Vielleicht finden wir auch neue Wege der Finanzierung—den Aufbau einer zahlenden oder spendenden Community zum Beispiel.

Man liest oft von einem großen Misstrauen gegenüber „den Medien“. Erleben Sie das im Lokalen auch so—oder genießt der Berichterstatter vor Ort hier einen ganz anderen Vertrauensstatus?

Das sollte eigentlich so sein, denn der örtliche Reporter ist in der Region bekannt. Er schreibt niemals anonym. Für uns gibt es auch keine Brandmauer. Wir berichten über alles, was berichtenswert ist—neutral, mit Abstand, ohne uns zu ereifern.

Sie trainieren aktuell Laien im Rahmen eines Universitätsprojekts. Welche Potenziale sehen Sie in diesen Bürgerjournalisten für die Zukunft der lokalen Berichterstattung—und wo ziehen Sie die Grenze zum Profi-Journalismus?

Da sehe ich ein großes Potenzial. Bürgerjournalisten können tatsächlich ein möglicher Ersatz werden für die fehlende professionelle journalistische Kapazität in kleineren Orten. Sie müssen allerdings geschult werden und journalistische Qualitätsstandards erfüllen. Dafür gibt es dieses Projekt. Es läuft im Landkreis Meißen sehr gut—an drei Standorten, in Meißen, Radebeul und Großenhain, werden neue Bürgerjournalisten geschult.

Porträtfoto Ulf MallekUlf Mallek. Foto: privat

Studien zeigen: Verschwindet der Lokaljournalismus, sinkt die Wahlbeteiligung und die Polarisierung steigt. Sachsen hat gleichzeitig den niedrigsten Wert bei der Demokratiezufriedenheit aller Bundesländer. Sehen Sie einen Zusammenhang—und was kann Meißen News dagegen tun?

Das mag eine Ursache sein. Vielleicht ist es nicht die erste, aber immerhin trägt fehlender Lokaljournalismus zu dem beschriebenen Effekt bei. Meißen News kann dagegen nur das tun, was es jeden Tag tut: Den Leuten kostenlose, neutrale Informationen aus ihrer Region zur Verfügung stellen, damit sie sich ihre eigene Meinung bilden können.

Angenommen, Meißen News ist in drei Jahren nicht mehr tragfähig. Was wäre dann für den Landkreis verloren—und wer sollte die Lücke füllen?

Aus heutiger Sicht noch nicht viel, weil wir ja noch eine kleine Plattform sind. Einige Stammleser würden uns schon vermissen, aber die meisten Menschen im Landkreis kennen uns noch gar nicht. Das kann in drei Jahren aber schon ganz anders sein.

Wenn Sie mal nicht Meißen News checken, Bürgerjournalisten trainieren oder Kommentare schreiben—was ist das unjournalistischste Hobby, bei dem Sie so richtig abschalten können, ohne dass es gleich eine Schlagzeile wert wäre?

Zum Beispiel radle ich jeden Tag eine knappe Stunde durch den Wald. Aber so unjournalistisch ist das gar nicht—ich höre dabei Podcasts, um Neues zu lernen.


Zur Person: Ulf Mallek war langjähriger Regionalchef Elbland der Sächsischen Zeitung und ehrenamtlicher Vorsitzender des Landespresseballs Sachsen e.V. Seit November 2024 betreibt er „Meißen News“ auf DieSachsen.de—ein täglich erscheinendes, kostenfreies Lokalnachrichtenangebot für Meißen, Radebeul, Coswig und den gesamten Landkreis Meißen.



Dieser Artikel ist im Rahmen des Projekts "Bürger machen Journalismus" entstanden.
Mehr Informationen zum Projekt - und wie auch Sie teilnehmen können - finden Sie unter: www.buergerjournalismus-sachsen.de

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