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Die Frau hinterm Ladentisch

Foto: Zwei Frauen mit kurzem Haar sitzen lächelnd an einem kleinen Tisch mit gemusterter Tischdecke, vor Ihnen ein Fotoalbum und zwei kleine Flaschen Sekt. Es hängen Bilder, Kalender und eine Uhr an der Wand, die gemustert tapeziert ist.
Endlich Feierabend: gemütlicher Ausklang von Ulrike Boden (links) und Ilona Richter (rechts). Foto: privat, 1992
Von: Bürgerjournalismus in Sachsen
Das fiel mir letztens wieder ein, als ich einen Spaziergang durch meinen Heimatort Steinbach bei Moritzburg machte und an dem alten Konsum vorbeikam. Der erste Gedanke: Wo ist die Zeit hin? Wie viele Jahre sind eigentlich vergangen seit der Blüte dieses Gemäuers? Was ist aus den Menschen geworden, die hier gearbeitet haben? So verfallen wie er dasteht, einsam, nichts mehr zu sehen oder zu erahnen vom größten Kommunikationspunkt im Ort schlechthin. Von meinem Nachbar Andreas bekam ich den entscheidenden Hinweis: „Wenn du es genau wissen willst, dann geh zu Ilona Richter, sie war die Chefin im Konsum.“ Ein Termin war schnell gefunden, nach einer herzlichen Begrüßung und der Verständigung auf das „Du“ war ich sehr gespannt.

Eine Spurensuche von Steffen Skeide

Ilona, würdest du uns kurz etwas zu Deiner Person sagen?

Ich heiße Ilona Richter, am 16. März 1952 geboren und lebe seither hier in Steinbach. Mit 16 Jahren habe ich die Lehre im Konsum in Ottendorf-Okrilla als Wurst- und Fleischwarenverkäuferin begonnen. Danach wurde ich nach Steinbach versetzt, um im Vorgänger-Konsum bei Hohlfelds als Verkäuferin und gleichzeitig als Verkaufsstellenleiterin zu wirken. Der Vorgänger vom Konsum hatte eine Verkaufsfläche von etwa zwölf bis 15 Quadratmeten. Stundenweise hat mir Gerda Rabis geholfen.

Moment Mal, zwölf bis 15 Quadratmeter Verkaufsfläche?

Ja, größer war der Laden nicht, deshalb wurde ja dann in den 70er Jahren, auf der Amtsgasse, heute Schlossallee, eine Scheune umgebaut.

Ilona, was wurde alles verkauft?

Außer Brot und Brötchen, diese wurden von der ansässigen Bäckerei Sperling angeboten, gab es eigentlich alles, soweit es von der Zentrale geliefert wurde. Permanent wurde weniger geliefert als bestellt bzw. ganz gestrichen. Mit dem Umzug wurde eine Fleisch- und Wursttheke installiert, lange nicht mit soviel Sorten wie heute. 20 verschiedene Salamis, da frage ich mich, ob das wirklich sein muss.

Wie sah es mit Obst und Gemüse aus?

Mangelware. Von Südfrüchten ganz zu schweigen. Vieles nur spärlich und auf Zuteilung. In der Saison hat sich ja jeder, so gut es ging, selber versorgt.

Gibt es Bilder?

Ja, hier sind einige. Kurz vor dem Ende des Kapitels „Konsum in Steinbach“ gemacht.

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Sortimentsbreite: "Ja. Aber 20 Sorten Salami brauchen wir nicht.“

Annelis Belke hinter der Ladentheke. 
Foto: privat, 1992

Du sprachst davon, dass nur Frauen im Konsum gearbeitet haben, wer ist aber der Mann hier mitten unter euch?

Tja, das ist unser lieber Gustav Lindner, er war hier und hat uns Frauen gezeigt, wie das angelieferte Fleisch, fachgerecht zerteilt und verarbeitet wird.

Wie muss ich das verstehen?

Das Fleisch kam in großen Stücken, musste mit viel Nacharbeit zerlegt werden, damit Rouladen, Kamm, Hackepeter und Gulasch angeboten werden konnten. Gustav als aktiver Hausschlächter, brachte uns das nötige Wissen und die Fähigkeiten unkompliziert bei. Er war unsere Rettung, hat uns als Außenstehende ausgebildet.

Der Eingang in den Konsum erfolgte über eine Treppe mit mehreren Stufen, das war für die Älteren bestimmt nicht immer leicht?

Da hast du recht, aber auch für Frauen mit kleinen Kindern. Situationsbedingt blieb so mancher Kinderwagen mit dem Kind einfach vor dem Laden stehen, bis der Einkauf erledigt war, stell dir das mal heute vor…


Das leerstehenden Gebäude wartet auf eine Sanierung.
Foto: privat, 2026                                                                                                                                                                                                               

Habt ihr irgendeine Dienstleistung mit angeboten?

Die Sache mit den Eiern. Oh je, wenn ich daran denke! Wir haben hier nicht nur verkauft, sondern auch Eier angekauft. Das heißt, die Leute haben die Eier von ihren Hühnern geputzt und gestempelt zu uns gebracht. Dafür haben sie Geld und Futter (Weizen) erhalten. Am Anfang haben wir den Weizen noch abgewogen, später wurde die Menge erfasst und wenn 50 kg voll waren, bekam der Erzeuger 1 Sack, also 50 Kilogramm ausgehändigt. Das war vielleicht eine Schlepperei für uns Frauen. Und wie viele andere Lebensmittel neben Brot, Brötchen und Milch wurden die Eier staatlich subventioniert.

Was bedeutete das?

Einfach gesagt, der Erzeuger hat für sein Produkt mehr Geld erhalten, als es am Ende im Laden gekostet hat. Das rief natürlich „Spezialisten“ auf den Plan die daraus ein Geschäft gemacht haben. An sowas habe ich mich nicht beteiligt.

Was war Euer größter Umsatzeinbringer?

Der Bierverkauf. Da komme ich noch mal auf die körperlich schwere Arbeit zurück. Das Bierkasten schleppen war eine große Herausforderung für uns Frauen.

Habt ihr denn so viel Bier verkauft, bei ca. 500 Einwohnern?

Dazu muss ich noch was erklären, nördlich vor dem Dorf verläuft die Staatsstraße Meißen – Radeburg. Sie bildete die Grenze zwischen dem Kreis Großenhain auf der einen Seite und dem Landkreis Dresden auf der anderen Seite. Die Bierversorgung wurde im Landkreis Dresden unter anderem über die neue Brauerei Coschütz sichergestellt. Im Kreis Großenhain wurde das über die Zieschener Bergbrauerei versucht zu erfüllen, was mengenmäßig und vor allem der Qualität geschuldet, nicht erreicht wurde. Der „Zieschner Flockenwirbel“, so im Volksmund getauft, wurde eine Notlösung. Wer konnte, suchte Alternativen, die er bei uns fand.

Der ganze Verkauf über die Eingangstreppe?

Nein, das wäre zu umständlich gewesen. Wir haben kistenweise den Verkauf über die Anfahrrampe geregelt, das ging schneller. Was für ein Ansturm an manchen Tagen, zu der Zeit ist auch der Slogan entstanden „Coschütz in Ihrem Konsum erhältlich“.


„Darf‘s noch ein bisschen mehr sein?“ Hier wurde noch richtig gehandelt und gewogen. 
Foto: privat, 1992                                           


Ilona, man spürt immer mehr, was diese Zeit für Dich bedeutet hat!

Weißt du, ich habe mein ganzes Leben im Verkauf gestanden, den größten Teil hier in Steinbach und wenn jetzt nach so viel Jahren jemand kommt und fragt, das bewegt einen schon ganz schön.

Gab es auch Sachen, die Dir so richtig gegen den Strich gingen?

Wie schon angesprochen die Mangelwirtschaft, das Wenige gerecht zu verteilen, war schon Nerven aufreibend. Als dann bei uns noch eingebrochen wurde…

Hier in Steinbach wurde eingebrochen?

Ja, von Freitag, den 17. Oktober 1986 zu Sonnabendnacht, der Tresor wurde aufgebohrt und 10.000 Mark gestohlen. Trotz aller Nachforschungen konnte bis heute diese Tat nicht aufgeklärt werden. Das hat uns alle sehr erschüttert. Genauso wie die Abwicklung der Schließung unseres Konsums nach der Wende, das war nicht schön.

Was hast du danach gemacht?

Ich habe mich nicht unterkriegen lassen, war in verschiedenen Fleischergeschäften und habe das gemacht, was ich schon immer gern gemacht habe: verkauft.

Ilona, ich möchte mich ganz herzlich für dieses Gespräch bei Dir bedanken und wünsche Dir alles Gute.


Dieser Artikel ist im Rahmen des Projekts "Bürger machen Journalismus" entstanden.
Mehr Informationen zum Projekt - und wie auch Sie teilnehmen können - finden Sie unter: www.buergerjournalismus-sachsen.de

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