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Alkoholsucht: Lost in Kroppen

Foto: Ein gepflasteter Weg in einer Landschaft. Links und rechts Wiesen und einzelne unbelaubte Bäume. Der Himmel ist leicht bewölkt.
Weg von Kroppen nach Heinersdorf, am Horizont die neue Heimat. Foto: Jutta Wolff
Von: Bürgerjournalismus in Sachsen
Enrico ist 51 Jahre und wohnt seit 2023 in Kroppen. Ein typisches Straßendorf mit 800 Einwohnern, ganz im Süden Brandenburgs, an der Grenze zu Sachsen. Seit Jahren hat er ein Alkoholproblem, über mehrere Klippen ist er gestolpert, hinein in den tiefen, dunklen See der Sucht.

Ein Bericht von Jutta Wolff

Klippe 1: Der tiefe See

Enrico trank schon immer gern Alkohol, mal mehr, mal weniger, am Wochenende aber immer. Er hatte auch einen trinkfreudigen Freundeskreis und selbst die Arbeit konnte er sich, auf Grund seiner Selbstständigkeit, nach seinen Trinkgewohnheiten einrichten. Im Laufe der Zeit steigerte sich die Trinkmenge sukzessive und auch die Tageszeit spielte für das erste Bier keine Rolle mehr. Enrico ging, wenn es das so überhaupt gibt, den klassischen Weg eines Alkoholikers.

Klippe 2: Coronazeit mit Lockdown

2020 verschärfte sich seine Situation auf Grund Corona erheblich, denn durch das verhängte Kontaktverbot hatte er, als selbstständiger Dienstleister, keine Einnahmen bei gleichbleibenden Kosten. Frust und Langeweile förderten den übermäßigen Alkoholkonsum. „Beides konnte man sich einfach wegtrinken, Zeit hatte man genug und das Grübeln hörte auf“, erinnert sich Enrico. „Dass ich zu viel trinke, wusste ich, aber mir fehlte die Motivation und auch Ziele, um die Sache anzugehen.“ Ende des Jahres war es dann die Ehefrau, die ihm, sozusagen, die Pistole auf die Brust setzte und zur Entgiftung drängte. Enrico ging nach Radebeul und machte dort einen qualifizierten Entzug.

Wieder zu Hause, änderte sich nicht viel, die Pandemie war auf dem Höhepunkt, Perspektiven gab es kaum, die Beziehung hatte sich noch nicht wieder erholt und der vermeintliche Tröster stand an jeder Ecke und lockte. „Ich war mir damals nicht richtig bewusst, wie groß mein Problem wirklich war,“ bekennt Enrico heute. „Das ist keine Sache des Willens, so nach dem Motto: Trink halt wenig oder nicht jeden Tag. Und deshalb überschätzte ich mich auch völlig.“

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Enrico mit Blick zum Fenster
Foto: Jutta Wolff                                                                                                                                                                             

Er trank bald genüsslich sein erstes Bier seit langer Zeit, es schmeckte und fühlte sich sooo gut an. Vorsätze und Wille reichen nicht gegen den mächtigen Gegner Sucht. Enrico war schnell wieder im alten Muster. Der Jo-Jo-Effekt setzte auch noch ein, sodass er etwas mehr trank als vor der Entgiftung. Durch den hohen und ständigen Konsum war er nur noch selten wirklich richtig nüchtern. Ein gewisser Pegel Alkohol war stets im Bluthaushalt vorhanden. Dies brachte neue Probleme mit sich.

Klippe 4: Führerscheinverlust - Lost in Kroppen

Im Jahr 2021, wir sind immer noch in der Coronazeit, verlor er den Führerschein, als er bei einer Polizeikontrolle an einem späten Vormittag mit bereits, oder noch 2,21 Promille auffiel. Führerscheinentzug mit anschließender Medizinisch-Psychologischer Untersuchung (MPU) war die Folge. Ein herber Verlust. Enrico wohnte zu dieser Zeit noch in Ortrand, einer Kleinstadt mit etwa 2.000 Einwohnern. Nicht der Nabel der Welt, aber verkehrsgünstig an der Autobahn gelegen, mit ausreichend Einzelhandel und Dienstleistungen für den täglichen Bedarf. Aber ohne Führerschein war es fast unmöglich, sein Gewerbe in Dresden aufrechtzuerhalten, sollte Corona irgendwann enden. In der Ehe kriselte es, auch durch den Rückfall bedingt, immer mehr und die Beziehung war kaum noch haltbar. All diese teils essenziellen Probleme führten aber nicht zum Umdenken, sondern trieben die Sucht weiter voran.
„Wenn die Sucht die Krallen nach dir ausgefahren hat, lässt sie nicht locker.“
Enrico

„Ich hatte überhaupt keinen Grund mit dem Trinken aufzuhören, im Gegenteil,“ erinnert sich Enrico. „Mit den Kumpels abhängen und sich die Sorgen wegtrinken, machte es etwas erträglicher. Ich sah zeitweilig keine Perspektive mehr für mich. Heute weiß ich auch, dass das keine Lösung ist und war. Aber wenn die Sucht die Krallen nach dir ausgefahren hat, lässt sie nicht so einfach locker. Das macht pragmatisches Denken, fast unmöglich“.

Tief- und Wendepunkt: Scheidung und Umzug

Im Jahr 2023, die Corona-Zeit war gerade vorbei, kam es zur Scheidung und Enrico gab zusätzlich seine Selbstständigkeit auf, da er ohne Führerschein seine Dienstleistung nicht anbieten konnte. Durch die Trennung von seiner Frau wurde ein sofortiger Umzug nötig.

Er musste nehmen, was er schnell bekommen und bezahlen konnte. Es ist ohne Einkommen nicht einfach eine Wohnung zu bekomme, aber Enrico hat Kumpels, in Kroppen! So kam es, dass er in das Dorf, ganz im Süden Brandenburgs, zog. Genauer gesagt nach Heinersdorf, einem eingemeindeten Ortsteil von Kroppen. Etwas geschah mit ihm. Jetzt war alles weg: Frau und Kind, Arbeit, Führerschein, Wohnung. Aber eines war ihm geblieben: die Selbstachtung.
Dank der Parkengel, die in ihrer Arbeit von der Gemeinde und den Schlossbesitzern unterstützt werden, können die Besucher inzwischen einen schönen Park genießen. Familie Schumann aus Meißen erzählt: “Wir gehen oft und gern im Park spazieren und sind froh, dass der Park jetzt so gut gepflegt ist, denn das war nicht immer so.“


Weg von Ortrand nach Kroppen, in ein neues Leben
Foto: Jutta Wolff                                                                                                                                                                             

Erschreckende Statistik

Bevor wir weiter Enricos Suchtbewältigung beobachten, schauen wir uns einige Daten und Fakten zur Alkoholsucht in Deutschland an. Mehr als 1,4 Millionen Menschen in Deutschland sind wegen einer Alkoholsucht in medizinischer Behandlung. Dabei wurden Daten von Barmer-Versicherten herangezogen, die im Jahr 2023 die gesicherte Diagnose „Psychische und Verhaltensstörungen durch Alkohol“ erhalten haben. 

Diese Zahlen hat die Barmer auf die Gesamtbevölkerung hochgerechnet, damit ist die Studie repräsentativ. Die Gesamtzahl lag 2023 etwas unter dem ermittelten Wert des Vorjahres 2022 (1,5 Millionen). Menschen, die keine Diagnose erhalten haben, wurden nicht erfasst. „Die tatsächliche Zahl der Betroffenen wird wesentlich höher liegen“, sagte Barmer-Vorstandschef, Christian Straub, zur Tagesschau der ARD und im Deutschen Ärtzeblatt. „Es ist an der Zeit, das Thema stärker in den Fokus der Gesundheitsvorsorge zu rücken.“


Der Osten Deutschlands ist besonders abhängig. Sachsen hat die zweitmeisten diagnostizierten Alkoholiker.
Quelle: Barmer                                                                                                                                                                                                                         


Die Auswertung zeigt deutliche regionale Unterschiede. Menschen im Norden und Osten Deutschlands waren zudem überproportional häufiger von einer Alkoholsucht betroffen, als im Rest der Republik. Der Bevölkerungsanteil mit diagnostizierter Alkoholabhängigkeit ist nach der Studie in Mecklenburg-Vorpommern mit 2,61 Prozent am höchsten gewesen. Der bundesdeutsche Durchschnitt lag bei 1,69 Prozent. 

Auch in Sachsen (2,27 Prozent), Sachsen-Anhalt (2,21), Brandenburg (2,10) und Thüringen (2,09) lag der Anteil der Betroffenen vergleichsweise hoch. Darauf folgten die Stadtstaaten mit 2,02 Prozent (Berlin und Bremen) beziehungsweise 1,94 Prozent (Hamburg). Über dem Durchschnitt lagen zudem Schleswig-Holstein und Niedersachsen mit 1,87 beziehungsweise 1,76 Prozent.

Die niedrigsten Anteile erreichten demnach die Bundesländer Nordrhein-Westfalen (1,51 Prozent), Rheinland-Pfalz (1,47), Baden-Württemberg (1,46) und Hessen (1,45). Im Saarland (1,64 Prozent) und in Bayern (1,58) lag der prozentuale Anteil an der Bevölkerung ebenfalls unter dem Bundesschnitt.


Ankunft in Kroppen, im Süden Brandenburgs.
Foto: Jutta Wolff                                                                                


Wie es mit Enrico weiter geht, ob er einen Weg findet oder ob er Teil einer Statistik wird, erfahrt ihr im 2. Teil dieses Berichts. 

Fortsetzung folgt...

Dieser Artikel ist im Rahmen des Projekts "Bürger machen Journalismus" entstanden.
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