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„Zu erleben, dass man etwas verändert hat, geht runter wie Öl“

Foto: beleuchtete Burg von Meißen, thront über dem Fluss, in dem sich die Lichter der Burg, der Stadt und dem bunten Riesenrad spiegeln. Der Himmel ist abendlich gefärbt und fast dunkel.
Nächtlicher Blick auf das Wahrzeichen von Meißen: den Burgberg. Foto: Ulf Mallek
Von: Bürgerjournalismus in Sachsen
Ein Gespräch mit Frank Buchholz, Vize-Chef der Grünen im Landkreis Meißen, über Bedingungen für Engagement und seinen persönlichen Schlüsselmoment.

Ein Interview von Silvia Naumann

Kaum ein Thema polarisiert im Landkreis Meißen derzeit so sehr wie Windkraft und Energiewende. Für Frank Buchholz zeigt sich daran eine größere Frage: Wie gelingt Veränderung, ohne dass Menschen das Gefühl verlieren, übergangen zu werden?

Herr Buchholz, Sie sind Vize-Chef der Grünen im Landkreis Meißen und wirken in Bürgerinitiativen und Arbeitskreisen mit. Sie engagieren sich über das normale Maß hinaus. Welche Erfahrungen aus Ihrer Kindheit haben Ihr Gefühl für Verantwortung und Zusammenhalt geprägt? 


Ich bin 1979 auf einem Dreiseitenhof in Sachsen-Anhalt mit drei Generationen groß geworden. Da war immer Familie da, Unterstützung, aber auch ein Gefühl von Verantwortung. Meine Mutter war Lehrerin. Mein Vater hat sich in den 90er Jahren selbstständig gemacht und sich beruflich neu erfunden – mit all den Herausforderungen in der Wendezeit. Dieses Umfeld hat mich als Kind und Teenager sehr geprägt. Als ich dann in Berlin Stadt- und Regionalplanung studierte, beteiligte ich mich punktuell und bin auf Demonstrationen gegangen. Ich würde mich in der Zeit als politisch interessiert, aber nicht als aktiv engagiert beschreiben.

Wann haben Sie zum ersten Mal gespürt, dass Sie als Einzelner etwas in der Gesellschaft verändern können?

Ja, das war tatsächlich erst später, in Darmstadt. Dort haben wir mit anderen Eltern eine Kita gegründet, weil es nicht genügend Betreuungsplätze gab. Wir waren plötzlich Arbeitgeber, mussten Finanzierung organisieren, mit der Stadt verhandeln. Wir waren zwölf Elternpaare, haben als „Rotznasen e.V.“ ein kleines Ladenlokal angemietet, Wände gestrichen, Möbel organisiert – und gleichzeitig am Küchentisch darüber gebrütet, wie wir das alles überhaupt finanzieren. Das war mein „Erweckungserlebnis“. Da habe ich zum ersten Mal richtig gespürt: Wenn die Rahmenbedingungen nicht passen, kann man selbst aktiv werden und sie verändern.

Viele sagen, Ostdeutsche hätten sich nach der Wende eher zurückgezogen als eingemischt. Teilen Sie diesen Eindruck?

Ich habe im Westen tatsächlich ein anderes Selbstverständnis als Bürger wahrgenommen: Dass man als Bürger nicht nur Pflichten hat, sondern auch Rechte – und diese auch aktiv einfordert. Dieses Selbstbewusstsein, sich einzumischen und auch politische und mediale Wege zu nutzen, war für mich dort sehr präsent. Wir sind damals mit unserer Elterninitiative sogar mit Pressebegleitung zum Kämmerer gegangen, um für die Finanzierung unserer Kita zu kämpfen – mit Erfolg.

Ich glaube schon, dass die unterschiedlichen Erfahrungen in Ost und West bis heute nachwirken. Die Menschen hier waren viele Jahre erst einmal damit beschäftigt, beruflich und privat ihren Platz in einem völlig neuen System zu finden – oft auch durch Umzug oder Pendelei. Das führte zu anderen Familienstrukturen und vielleicht auch einem anderen Bezug zu Staat und Bürgertum.

Und trotzdem sind Sie in den Osten zurückgekehrt. Wie kam es dazu?

Nach meinem Studium in Berlin arbeitete ich in Darmstadt in einem Planungsbüro zu den Themen kommunale Bauleitplanung, Energiekonzept, Wind und Photovoltaik. Meine Partnerin fand dann im Jahr 2014 in Meißen eine Stelle und dadurch kam ich nach Jahren zurück in eine kleinere ostdeutsche Stadt – und hatte das Gefühl, dass manche gesellschaftlichen Debatten noch sehr vertraut waren. 

Sie kamen mitten in der Flüchtlingsdebatte nach Meißen. Hat Sie die Stimmung damals erschreckt? 

Ja und nein. Ich habe erlebt, wie der Heimatschutz mit Fackeln durch die Stadt zog – Bilder, die ich aus den 90er Jahren aus Magdeburg kannte. Gleichzeitig habe ich gesehen, wie viele Menschen in Meißen gesagt haben: „Das ist nicht mein Meißen.“ Sie haben sich engagiert – mit einer großen Menschenkette, mit Initiativen und Gesprächen. Das hat mich beeindruckt. Ich habe dort schnell Anschluss gefunden und gemerkt: Es gibt viele, die ihre Stadt aktiv mitgestalten wollen. In diesem Zusammenhang habe ich auch Frank Richter kennengelernt, der später beinahe Bürgermeister in Meißen geworden wäre. Seine vermittelnde und dialogische Art hat mich inspiriert, mich selbst politisch stärker einzubringen. (2. Teil siehe unten)

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Frank Buchholz, Co-Sprecher des Kreisvorstandes Meißen der Grünen.
Foto: privat                                                                                             

Wie bringen Sie sich heute in Meißen ein?

Ich engagiere mich auf verschiedenen Ebenen in der Stadt. So war ich als sachkundiger Bürger im Stadtentwicklungsausschuss tätig und im Begleitausschuss der Partnerschaft für Demokratie aktiv. Darüber hinaus setze ich mich im Arbeitskreis Radverkehr für Verbesserungen ein. Gemeinsam mit anderen Engagierten haben wir zudem das Carsharing nach Meißen geholt. Anfangs meinten viele, das werde hier nichts, die Stadt sei zu klein dafür. Ich begleite das Projekt seit 2017 – inzwischen gibt es mehrere Fahrzeuge in der Stadt, zuletzt wurde im April das fünfte Auto nach Meißen gestellt, weil das Angebot gut angenommen wird. Das zu sehen, ist unglaublich bestärkend. Politisch bin ich bei Bündnis 90/Die Grünen aktiv, Co-Sprecher des Kreisverbands Meißen, und bringe dort vor allem meine Erfahrungen aus der Kommunalpolitik und der Energiewende ein.

Beim Thema Windkraft verhärten sich derzeit vielerorts die Fronten. Erleben Sie das auch in Meißen?

Mich treibt vor allem die Frage um, wie die Energiewende vor Ort gelingen kann – und wie man darüber wieder stärker miteinander ins Gespräch kommt. Im Landkreis Meißen wird derzeit viel über neue Windvorranggebiete diskutiert. Es gibt hier viele Unsicherheiten und ich erlebe dabei ein Spannungsfeld: Auf der einen Seite stehen notwendige Veränderungen, auf der anderen Seite die Müdigkeit vieler Menschen nach den vielen Umbrüche der vergangenen Jahrzehnte. 

Bei der Kita und beim Carsharing haben Sie einfach selbst losgelegt. Wie packen Sie Themen wie Energiewende und Windkraft an?

Im Rahmen meines politischen Engagements bei den Grünen moderiere ich zum Beispiel die sogenannten „Sofagespräche“ in Meißen – ein offenes Dialogformat für alle Bürgerinnen und Bürger. Dafür laden wir ein oder zwei spannende Gäste ein, die einen kurzen Impuls geben – und dann kommen wir miteinander ins Gespräch. Interessierte sind immer herzlich willkommen!

Rückblickend auf Ihre verschiedenen Engagement-Erfahrungen: Was braucht es, damit sich Menschen engagieren?

Für mich war das Entscheidende, dass ich konkret erlebt habe, etwas bewirken zu können. Diese Erfahrung von Selbstwirksamkeit ist zentral – wenn ich merke, mein Einsatz hat einen Unterschied gemacht, dann bleibe ich auch dran. Ich glaube deshalb, dass Engagement weniger eine Frage von Haltung ist, sondern vor allem von Erfahrung. Bestenfalls fängt das sehr früh an. Schule kann da eine große Rolle spielen, weil man dort erste Gelegenheiten hat, sich einzubringen – im Klassenverband, im Schülerrat oder bei Projekten.

Allerdings haben viele Menschen das Gefühl, dass ihr Einsatz am Ende nichts verändert. Warum gelingt Engagement mancherorts – und anderswo scheitert es komplett?

Ich kann diesen Frust durchaus nachvollziehen. Häufig liegt das Problem in einem eher traditionellen Verständnis von Verwaltung: Entscheidungen werden noch zu oft hierarchisch von oben getroffen, echte Beteiligung kommt zu kurz. Dabei zeigen viele Beispiele, dass es sich lohnt, Menschen früh einzubeziehen. Dann identifizieren sie sich stärker mit ihrer Stadt und bringen sich eher ein. 

Gleichzeitig braucht Engagement auch die richtigen Rahmenbedingungen. Verwaltung und Kommunalpolitik können viel dafür tun – etwa durch kleine Budgets für Projekte, offene Beteiligungsformate oder Unterstützung für Initiativen. Oft geht es gar nicht um große Summen, sondern darum, Ideen unkompliziert umsetzen zu können, wie es in Meißen seit vielen Jahren mit dem Förderprogramm „Demokratie leben!“ möglich ist.

Was nehmen Sie aus all diesen Erfahrungen für sich persönlich mit?

Erstens, dass Engagement dort entsteht, wo Menschen konkret erleben: Ich kann etwas bewirken. Diese Schlüsselmomente sind Gold wert – und sie lassen sich fördern. Und zweitens merke ich immer stärker, wie wichtig echte Gespräche sind. Gerade in Zeiten sozialer Medien wird oft nur noch übereinander statt miteinander gesprochen. Dabei entstehen Vertrauen und Verständnis meist erst dann, wenn Menschen sich direkt begegnen und unterschiedliche Perspektiven austauschen können.

Vielleicht geht es am Ende genau darum: Trotz aller Unterschiede im Gespräch zu bleiben und gemeinsam Verantwortung dafür zu übernehmen, wie wir künftig leben wollen.


Dieser Artikel ist im Rahmen des Projekts "Bürger machen Journalismus" entstanden.
Mehr Informationen zum Projekt - und wie auch Sie teilnehmen können - finden Sie unter: www.buergerjournalismus-sachsen.de

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