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Unter der neuen Scheune liegt das alte Dresden

Scheune Dresden
v.l. Frank Schöne, Anne-Kathrin Klepsch, Jens Lerch im großen Saal (Bild: Thomas Wolf)
Von: Thomas Wolf
In den Fluren hängt noch der Geruch von frischem Lack, im Konzertsaal wird die Bühnentechnik aufgebaut. Doch die größten Überraschungen der Scheune liegen unsichtbar unter dem Gebäude: Dort fanden die Bauleute die Trümmer der früheren Neustadt. Eine Reportage über elf Millionen Euro, jahrelange Improvisation und die Rückkehr eines Dresdner Kultortes.

In den Gängen der neuen Scheune riecht es noch deutlich nach frischem Lack. Der Geruch zieht durch das Treppenhaus und die Flure, vorbei an neuen Türen, unverkleideten Stellen und Räumen, in denen Handwerker an den letzten Details arbeiten. Im Café stapeln sich Platten für die Raumakustik. Der künftige Tresen ist bisher vor allem an den Anschlüssen im Boden zu erkennen. Im großen Konzertsaal wird die Bühnentechnik aufgebaut.

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Die Scheune ist noch eine Baustelle. Gleichzeitig ist sie bereits wieder ein Arbeitsplatz.

Oben haben die Mitarbeiter des Scheune e.V. ihre neuen Büros bezogen. Zwischen Umzugskisten, Werkzeug und noch nicht vollständig eingerichteten Räumen beginnt vorsichtig der Alltag. Nach Jahren ohne eigenes Kulturhaus ist dieser Einzug mehr als ein gewöhnlicher Umzug. Er ist die Rückkehr an einen Ort, an dem Generationen von Dresdnern Konzerte erlebt, getanzt, diskutiert und die Nächte verbracht haben.

„Bau heißt immer, auf den letzten Metern ist da noch richtig viel zu tun“, sagt Jens Lerch vAmt für Hochbau und Immobilienverwaltung. Der Satz begleitet die Besucher durch nahezu alle Bereiche. Vieles wirkt bereits fertig, bis der Blick auf eine fehlende Fußleiste, ein loses Kabel oder einen Stapel Baumaterial fällt.


Der Vorplatz der Scheune soll viel vom alten Charakter behalten. (Bild: Thomas Wolf)

Am 18. September 2026 soll davon möglichst wenig zu sehen sein. Dann will die Scheune mit einem großen Eröffnungswochenende in den regulären Veranstaltungsbetrieb zurückkehren.

Zwischen Lackgeruch und neuer Bühnentechnik

Auf einer Baustelle kurz vor der Übergabe existieren zwei Wirklichkeiten gleichzeitig. In der einen ist das Haus fast fertig. Das Parkett im großen Saal ist verlegt, historische Fensterflächen sind sichtbar, der Aufzug verbindet die Geschosse und in den Büros stehen bereits die ersten Möbel.

In der anderen Wirklichkeit fehlt noch genau das, was für einen funktionierenden Veranstaltungsbetrieb gebraucht wird. Technik muss installiert, Material eingeräumt und die Gastronomie vorbereitet werden. Teilweise seien Helfer zum Aufstellen von Schränken gekommen, während in den betreffenden Räumen noch Abschlussarbeiten liefen, berichtet der Verein.

Für den Scheune e.V. bedeutet das: einziehen, während um ihn herum weitergebaut wird. Die Vorfreude trifft auf einen engen Zeitplan. Bis zum ersten Konzert müssen nicht nur Räume fertig werden. Ein Veranstaltungsort braucht Licht, Ton, Sicherheitstechnik, Möbel und eingespielte Abläufe.

Im großen Saal lässt sich die Dimension des Neustarts bereits erkennen. Der eigentliche Konzertraum umfasst rund 220 Quadratmeter. Die Spielfläche ist etwa 92 Quadratmeter groß. Stehend sollen hier ungefähr 540 bis 550 Menschen Platz finden. Insgesamt ist das Gebäude für Veranstaltungen mit bis zu etwa 750 Personen ausgelegt.


Der neue große Saal für bis zu 550 Menschen (Bild: Thomas Wolf)

Über dem Saal verbirgt sich eine der aufwendigsten technischen Lösungen des Projekts. In einer früheren Planung waren Stützen im Raum vorgesehen. Sie konnten durch eine neue Stahlkonstruktion im Dach vermieden werden. Die Decke hängt nun am Dachtragwerk. Dadurch bleibt der Saal offen und die Sicht auf die Bühne wird nicht durch Säulen beeinträchtigt.

Akustikelemente an den Wänden und in der Decke sollen den Klang verbessern. Hinzu kommen eine neue Lüftungsanlage, Rauchabzugsfenster und moderne Veranstaltungstechnik. Der Boden besteht aus belastbarem Industrieparkett, das Konzerte, Partys und viele tausend Schritte möglichst lange aushalten soll.

Auch die Barrierefreiheit spielte bei der Planung eine zentrale Rolle. Ein Aufzug erschließt die Geschosse. Veranstaltungsräume und Backstage-Bereiche sind barrierefrei erreichbar. Hörschleifen sollen Menschen mit Hörbeeinträchtigungen bei Veranstaltungen unterstützen.

Unter dem Gebäude wartet die Vergangenheit

Die ungewöhnlichste Geschichte dieser Baustelle ist für Besucher später kaum zu sehen. Sie liegt unter dem Fußboden.

Vor Beginn der eigentlichen Arbeiten wurde der Untergrund untersucht. Bei einer sogenannten Schürfung zeigte sich zunächst ein unauffälliges Bild: Erde, Sand, normaler Boden. Die Bauleute gingen davon aus, die Fläche ausräumen und anschließend eine neue Bodenplatte einbringen zu können.

Als sie später nur rund einen Meter neben der untersuchten Stelle den Boden öffneten, stießen sie jedoch auf umfangreichen Trümmerschutt.

Unter der Scheune lagen Überreste der früheren Bebauung der Dresdner Neustadt. Bis zur Zerstörung im Zweiten Weltkrieg befanden sich auf dem Grundstück an der Alaunstraße Gebäude des Turnvereins Neu- und Antonstadt, darunter eine Turnhalle. Nach den Luftangriffen auf Dresden blieb ein Trümmergrundstück zurück.

Der Wiederaufbau begann 1950. Jugendliche aus der Neustadt halfen dabei, auf den Grundmauern der zerstörten Turnhalle ein neues Jugendheim zu errichten. Eröffnet wurde das FDJ-Jugendheim „Martin Andersen Nexö“ am 21. Dezember 1951.

Die aktuelle Baustelle berührte damit im wörtlichen Sinne die Geschichte des Ortes. Das alte Dresden liegt hier nicht als sorgfältig beschriftetes Ausstellungsstück in einer Vitrine. Es liegt als ungleichmäßige und schwer berechenbare Aufschüttung im Boden.

Für die Bauleute war diese Entdeckung weniger romantisch. Trümmerschichten erschweren Fundamente, Entwässerung und Freiflächengestaltung. Bei nahezu jeder neuen Bodenöffnung konnte eine weitere Überraschung warten.

Auch die geplante Versickerungsanlage im Innenhof musste mit diesen Bedingungen in Einklang gebracht werden. Dort soll künftig ein geschützter Aufenthaltsbereich unter großen Bäumen entstehen. Die wesentlichen Arbeiten an den Freianlagen sollen bis zur Eröffnung abgeschlossen sein. Die Großgehölze sollen erst im November gepflanzt werden, da sie sommerliche Hitze und Trockenheit nur schlecht vertragen.

So soll ausgerechnet über den Trümmern, die den Bau besonders kompliziert machten, ein grüner und schattiger Bereich entstehen. Regenwasser soll vor Ort versickern, statt direkt in die Kanalisation abgeleitet zu werden.

Warum aus der Sanierung fast ein Neubau wurde

Die Gesamtkosten des Projekts liegen nach Angaben der Stadt inzwischen bei rund elf Millionen Euro. Während der Arbeiten musste nachfinanziert werden. Ein Grund waren Probleme mit der historischen Bausubstanz.

Einzelne Wände sollten ursprünglich erhalten bleiben. Bei genaueren statischen Untersuchungen zeigte sich jedoch, dass der alte, stark sandhaltige Mörtel nicht mehr ausreichend tragfähig war. Teile mussten deshalb abgetragen und an derselben Stelle neu aufgebaut werden.


Die alte Treppe in der Scheune mit Toilettentür (Bild: Thomas Wolf)

Damit erklärt sich auch, warum die neue Scheune in einigen Bereichen eher wie ein Neubau als wie ein sanierter Altbau wirkt. Das gesamte Projekt war ein Abwägen: Wie viel Geschichte kann bewahrt werden, ohne beim Brandschutz, bei der Statik, bei der Barrierefreiheit und beim modernen Veranstaltungsbetrieb Kompromisse einzugehen?

Ein kompletter Abriss hätte die Arbeiten möglicherweise vereinfacht. Dagegen sprachen jedoch bereits sanierte Gebäudeteile, frühere Fördermittel und der Wunsch, den Ort nicht vollständig von seiner Vergangenheit zu trennen.

Im Café und an verschiedenen Wandflächen bleiben die Übergänge zwischen Alt und Neu sichtbar. Historische Bauteile treffen auf neue Konstruktionen. Die Scheune soll sich verändern dürfen, ohne ihre Herkunft vollständig zu verbergen.

Kulturbürgermeisterin Anne-Kathrin Klepsch beschreibt das Projekt deshalb auch als persönliche und kulturpolitische Aufgabe: „Aber mir ist das natürlich als Kulturbürgermeisterin auch seit vielen Jahren eine Herzensangelegenheit, die Zukunft der Scheune mit dem Ersatzneubau zu begleiten.“

Der Umbau war vor allem wegen des Brandschutzes, der technischen Ausstattung und der fehlenden Barrierefreiheit erforderlich geworden. Auch die Arbeitsbedingungen für Künstler und Mitarbeiter wurden verbessert. Der Backstage-Bereich liegt nun unmittelbar an der Bühne. Früher mussten sich auftretende Künstler teilweise in Räumen umziehen, die eigentlich anderen Funktionen dienten.

Das größere Foyer soll künftig den Einlass und die Versorgung der Besucher erleichtern. Auch der neue Tresen wird leistungsfähiger als sein Vorgänger. Die Sachsen News hatte bereits über den Umbau und die geplante Wiedereröffnung des Kulturzentrums berichtet.

Ein Haus, das immer wieder neu anfangen musste

Die Geschichte der Scheune ist von wiederholten Neuanfängen geprägt. Nach der Eröffnung als Jugendheim im Dezember 1951 entstanden dort Koch-, Näh-, Film-, Foto- und Musikzirkel. Später kamen Tanzabende, ein Songklub, das Jazzforum und ein Rockpodium hinzu.

In den 1980er-Jahren entwickelte sich das Haus zu einem wichtigen Ort für moderne und alternative Kultur. Jazz, Folk, Punk, Film, Literatur und Kabarett fanden dort eine Bühne. Nach der Wiedervereinigung blieb die Scheune ein prägender Kulturort der Dresdner Neustadt. Seit 2007 wird das Haus vom Scheune e.V. betrieben.

Auch die jüngste Übergangszeit verlangte dem Verein einen Neuanfang ab. Während der Schließung wurde zunächst das sogenannte Blechschloss auf dem Vorplatz genutzt. Größere Veranstaltungen und etablierte Reihen fanden unter dem Motto „Scheune außer Haus“ in anderen Dresdner Kulturstätten statt.

Der Verein musste sein Programm am Leben halten, Kooperationen pflegen und dafür sorgen, dass die Scheune trotz des fehlenden Gebäudes nicht aus dem Bewusstsein der Stadt verschwand.

Nun kehrt der Verein zurück. Der Einzug erfolgt noch zwischen Handwerkern, Lackgeruch und fehlenden Fußleisten. Doch die Erleichterung darüber ist spürbar.

„Wir freuen uns sehr, dass wir wieder einziehen können. Wir haben all die Jahre darauf hingefiebert und hoffen, dass es jetzt irgendwie reibungslos startet“, sagt Frank Schöne vom Scheune e.V.

Noch riecht der große Saal nicht nach Konzert, sondern nach neuem Holz, Farbe und Baustelle. Noch fehlen die Spuren langer Nächte, verschütteter Getränke und unzähliger Schritte auf dem Parkett. Noch ist das Haus an vielen Stellen zu neu und zu unfertig, um schon wieder ganz die alte Scheune zu sein.

Das dürfte sich schnell ändern.

Thomas Wolf
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Thomas Wolf

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