Erblickt man derzeit einen Weißstorch in seinem Horst, so ist das aller Wahrscheinlichkeit nach ein männliches Exemplar. Denn diese kehren meist früher zurück als die Weibchen. Seine oberste Prämisse ist jetzt, das heimische Nest wieder zu besetzen und gegen Artgenossen zu verteidigen.Störche sind nesttreu, das heißt, sie kommen immer wieder zum angestammten Horst zurück. Sollte ihm ein langes Leben vergönnt sein, kann man so über 30 Jahre ein und denselben Storch beobachten.
Nach der Ankunft wird erst mal ausgeruht und am Nest gewerkelt, schließlich soll es bald eine neue Familie beherbergen. Dann heißt es: Warten auf die Weibchen. Sollte sich das vom letzten Jahr wieder einfinden, schön. Aber auch eine neue Liebste ist willkommen, denn im Gegensatz zu seinem Horst ist ein Storch nicht ein Leben lang partnertreu, sondern geht eine „Saisonehe“ ein.
Geburt, Kindheit und Jugend
Ist ein Weibchen gefunden, wird gebalzt, geklappert und sich gepaart, was das Zeug hält, oft sogar mehrmals in der Stunde. Deswegen galt der Storch früher auch als Fruchtbarkeitssymbol.Nach kurzer Zeit legt das Weibchen zwei bis acht Eier, die abwechselnd von beiden Elternteilen bebrütet werden. Nach ca. einem Monat schlüpfen die Küken. Da diese Nesthocker sind, ist für die Altvögel Rundumbetreuung angesagt. Unmengen an Fröschen, Insekten und Mäusen müssen herbeigeschafft werden. Bei dem Gerangel kann es schon mal passieren, dass ein Küken aus dem Nest fällt. Auch bei Nahrungsmangel kommt es vor, dass die Eltern das Schwächste aussortieren. Was grausam klingt, ist purer Pragmatismus, damit die anderen überleben. Im besten Fall sind dann ehrenamtliche Storchenbetreuer zur Stelle, die die Kleinen einer geeigneten Auffangstation übergeben.
Nach ca. zwei Monaten ist es Zeit für die ersten Flugversuche. Kurz vorher werden die Jungvögel schon weniger gefüttert, damit sie an Gewicht verlieren und selbst auf Nahrungssuche gehen.Nach ihren Erkundungsrunden kehren sie einige Zeit noch ins heimische Nest zurück, um zu übernachten. Irgendwann bleiben sie dann ganz weg und schließen sich selbstständig dem Zug nach Süden an. Die Altvögel folgen zwei Wochen später.
Das große Abenteuer
Der Zug in die Überwinterungsgebiete ist eine gefährliche Reise. Es gibt zwei Wege nach Afrika, die Ost- und die Westroute. Bis zu 10.000 Kilometer legen sie dabei zurück. Doch leider schafft es nur ungefähr die Hälfte der (Jung-)Störche auch dorthin. Manche verenden an Stromtrassen oder kommen sich mit dem Flugverkehr ins Gehege. In einigen Ländern werden sie bejagt.Die Vogelgrippe ist ein Thema. Und in Afrika selbst vergiften sie sich mitunter an pestizidbelasteten Insekten oder finden wegen Dürre und Trockenheit gar kein Futter. Vielleicht ziehen deshalb viele Störche gar nicht mehr die gesamte Strecke mit, sondern überwintern in Spanien oder sogar in Süddeutschland. Das sind dann die Früh-Rückkehrer, die die jetzt schon da sind. Laut Nabu sind das eher die Altvögel, während die Jungstörche drei bis fünf Jahre in den Überwinterungsgebieten bleiben. Erst dann sind sie geschlechtsreif und kommen das erste Mal zurück, um sich einen Horst zu erobern und eine eigene Familie zu gründen. Die Reisegruppe aus Afrika ist jetzt im Februar erst gestartet und wird im April bei uns einfliegen. Und dann ist auch der Frühling da.
P.S. Immer wieder werden tote Jungtiere mit Gummibändern im Magen aufgefunden.
Die Altvögel suchen aufgrund Futtermangels auch auf Mülldeponien und Kompostieranlagen nach Kleingetier und halten die Gummibänder für Würmer, die sie dann an die Küken weitergeben. Die Gummibänder, die sich unter anderem an Supermarktgemüse und Blumengebinde für Gräber befinden, gelangen durch mangelnde Mülltrennung dorthin.